Nur Roys beharrlichem Ziehen verdankte ich es, dass ich trotz meines Stolperns auf den Beinen blieb. Meine Lunge rasselte vor Anstrengung. Dabei war ich seit zwei Jahren Nichtraucher. Meine Seiten stachen. Meine Beine fühlten sich an wie Blei. Mit jedem Schritt wurden sie schwerer. Ein deutliches Zeichen meiner fehlenden Kondition. Schließlich bemerkte ich, dass das Knurren ein ganzes Stück hinter uns zurück geblieben war. Der Drang mich umzudrehen war überwältigend. Ich ignorierte ihn.
Mit Mühe.
Roy schlug einen Haken, raste mit mir direkt in das kleine, neben uns aufgetauchte Wäldchen. Ob uns das wirklich Schutz bot oder den Dingern hinter uns mehr nützte, blieb abzuwarten. Ich erwartete, dass Roy nun langsamer werden würde.
Irrtum.
Der Waldweg war zwar ausgetreten, aber um Meilen besser als das Feld. Roy legte an Tempo zu. Woher ich die Kraft nahm mitzuhalten? Vielleicht weil ich überleben wollte. Möglicherweise bekamen meine Turnschuhe auch Flügelchen und trugen mich ohne mein Zutun. An meinem Geburtstag den Löffel abzugeben kam nämlich überhaupt nicht Frage.
Roy blieb plötzlich so abrupt stehen und schleuderte mich hinter sich, dass ich gegen seinen Rücken krachte. Mein Kiefer pochte. Ebenso meine Nase. Ich verzog das Gesicht. Fühlte, ob alles heil war.
Anscheinend.
Roy selbst stand da wie ein Fels in der Brandung. Die Augen auf etwas vor uns gerichtet, was ich hinter seinem imposanten Rücken nicht ausmachen konnte. So angespannt wie er war, bedeutete es sicher keinen umgestürzten Baum. Aber etwas versperrte den Weg. Etwas, das sprechen konnte. Scheiß drauf, dass ich froh war kurz Atem zu schöpfen und meine verkrampften Muskeln zu schonen. Das Etwas vor uns behagte mir trotzdem nicht.
„Was haben wir denn da?“ Was für eine Stimme! Mir wurde ganz anders. Als könnte ich dieses Etwas sofort anspringen und ins nächste Bett zerren. Dabei war es die Stimme einer Frau. Und ich absolut hetero.
Was äh… auch auf Roy zutraf.
Ich krallte mich in seine Jacke. Nur für den Fall, dass er etwas wirklich Dummes machte. „Roy?“ Er nickte langsam. „Keine Bange. Ich hab zwar das dringende Bedürfnis sie zu vögeln, aber ich kann mich zurückhalten.“, sagte er und trat einen Schritt auf sie zu. „Roy!“
„Richtig. Abwarten. Nicht nageln. Böse.“, murmelte er. „Böse? Ich?“ Oh, das Miststück hörte gut. Ich lugte an Roy vorbei. Die Frau war eins dieser unglaublich schönen Wesen. Hm. Wie ein Werwolf sah sie nicht aus. Oder doch? Vielleicht waren Werwölfe verführerisch. Woher sollte ich das wissen? Sofern diese Wesen sich überhaupt als Werwölfe bezeichneten. Vielleicht waren sie auch etwas ganz anderes.
Roy bewegte sich nicht. Seine Anspannung war jedoch zu spüren. „Ich bin nett. Sogar sehr nett. Ansonsten wärt ihr schon tot. Sehe ich das falsch?“
Ich überließ die Unterhaltung Roy. Mochte feige von mir sein. Andererseits glaubte ich, dass er mich lieber hinter sich in Sicherheit wusste. Obwohl ich das vermutlich nicht war. Im Gegensatz zu mir schien Roy außerdem kein bisschen außer Atem zu sein. Mit pochendem Herzen drehte ich mich um. Keine Wölfe. Kein Knurren. Keine Geräusche von etwas, dass sich heranschlich. Geschweige denn heranstürmte. Ich schaute sogar nach oben. Keine Ahnung, ob es Weraffen gab. Man konnte nie vorsichtig genug sein.
Tja, da waren keine.
Ein gutes Zeichen.
Meine Hand nach wie vor in Roys Jacke vergraben, spürte ich, wie er sich bewegte. Um präzise zu sein, er trat zwei Schritte vor. Ich konnte ihn nicht aufhalten. „Bleib stehen!“ Er schüttelte den Kopf. „Sie bietet uns ihre Hilfe an.“ Na klar. Und ich bin Tiefseetaucher. „Bist du irre? Wir können ihr nicht trauen.“ Die Frau lächelte weise. „Stimmt, das könnt ihr nicht. Aber ihr könnt es versuchen. Was habt ihr zu verlieren?“ Unser Leben. Also keine Kleinigkeit. „Marielle! Was soll das?“ Die Stimme der Frau hatte mir schon zugesetzt. Aber die, die ich jetzt hörte, machte mich feucht.
Ich schüttelte den Kopf. Kniff die Beine zusammen. Biss die Zähne fest aufeinander. Roy wich ein Stück zurück, drehte kurz den Kopf und sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern, wobei ich mich wesentlich gelassener gab, als ich mich fühlte. Statt weiterhin seine Jacke festzuhalten, griff ich nach seiner Hand. Unsere Augen waren auf das Paar gerichtet, dass vom Cover eines Magazins entsprungen schien. Nur hatte ich derart schöne Leute noch nie in Natura gesehen. Nichts mit Photoshop – die waren echt!
Die Frau an sich war atemberaubend. Doch der Mann stand ihr in nichts nach. Auch ein Werwolf? Er erinnerte mich mit seinen langen, schwarzen Haaren, dem sorgsam modellierten, androgynen Gesicht und dem Körper eines griechischen Gottes, der selbst durch den edlen Zwirn zu erahnen war, eher an einen Todesengel. Ganz besonders was seine Augen betraf. Mich fröstelte. Könnte von der Kälte stammen. Aber ich war mir sicher, dass sein Blick dieses Frösteln verursachte.
Roy neigte seinen Kopf kaum merklich zur Seite.
Hieß, wir würden uns vom Acker machen. Nur kamen wir nicht dazu auch nur einen Schritt zu tun. „Was zum Teufel!“ Roy fluchte. Ich sah unsicher auf meine Füße. Zwar sah ich nichts, aber ich könnte schwören ich hatte Wurzeln geschlagen. Wortwörtlich!
Ok.
Sowas konnten Werwölfe in Legenden nicht.
Nur… Vampire. Ich runzelte die Stirn. Schluckte. War das möglich? Vampire, keine Werwölfe. Oder – noch schlimmer: Beides?
Keine Ahnung, ob Roy die gleichen Schlüsse zog. Er beobachtete das Paar vor uns. Mit Argwohn, aber auch voller Neugierde. Eine seltsame Mischung. Obendrein sprach das Pärchen nicht. Sie standen herum wie… Statuen. Atmeten sie überhaupt? Die Frau trat kurz darauf einen Schritt zurück. Fast sah es aus, als gäbe sie – hocherhobenen Hauptes und mit funkelnden Augen – ihre Niederlage bekannt.
Genau in dem Moment knurrte es hinter uns.
Ruckartig drehte ich mich um, vergaß dabei, dass meine Füße und Beine angeschraubt oder festgeklebt waren und ruderte wild mit den Armen. Roy packte mich. Ansonsten hätte ich einen unfeinen Stunt hingelegt: Mit Splitterbrüchen in beiden Beinen und ausgekugeltem Hüftgelenk.
Mein Herz klopfte wild. Wenn das so weiterging, würde ich heute vor Schreck sterben – nicht zerrupft von Bestien.
„Es ist der Wolf von vorhin. Nur ein bisschen zerzauster.“, raunte Roy mir ins Ohr. Tatsächlich bedurfte es dieser Erklärung nicht. Der Wolf drückte sich an meine freie Seite. Nur kurz, als wollte er mir etwas versichern. Was das war, entzog sich meiner Kenntnis.
Dann trabte er auf das Pärchen zu.
Die Frau sah ihn mit distanziertem Lächeln an, der Mann mit einem eisigen. Er grüßte den Wolf mit einem Nicken. Eine Sekunde lang sah der Mann zu uns; ein Versprechen in den Augen, dass mir ebenso schleierhaft war wie das kurze Streifen des Wolfes. Und dann – meine Augen mussten mir einen Streich spielen – verschwand er. Mit ihm die Frau.
Sie gingen nicht.
Sie flogen nicht.
Sie verpufften einfach. Eben noch waren sie da, im nächsten Moment weg. Aufgelöst.
Ich blinzelte, wobei ich jemanden hysterisch kichern hörte. Oh! Das bin ich selbst. Ich schwöre, dass der gigantische Wolf mir einen genervten Blick zuwarf. Roy knuffte mir lediglich in die Seite. „Bin ja schon still. Sorry…“ Ich starrte auf die Stelle, als könne das Starren die beiden wieder herbei zaubern. „Hast du das gesehen? Die sind einfach… wusch… und…“ Ich wedelte mit der Hand. Dabei war Roy die ganze Zeit neben mir gewesen. „Hab ich.“ Er schien das alles ziemlich gefasst aufzunehmen. Ich fand es einfach nur irre. Wahnwitzig. Seit wann gab es denn sowas?
Seit heute.
Offensichtlich.
„Kannst du das auch?“ Roy verneinte, dabei hatte ich den Wolf angesprochen. Sein Kopfschütteln sagte mir, dass er mich verstand. „Waren das Vampire?“ Sowohl der Wolf auch als Roy antworteten mir. Roy mit einem mürrischen: ‚Bin ich Jesus?‘, der Wolf mit einem Kopfschütteln, dass in ein Nicken wechselte. „Roy, stopp. Ich rede… mit ihm. Naja, irgendwie.“ Dann wandt ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Wolf zu, der langsam auf mich zukam. „Es sind keine richtigen Vampire?“ Der Wolf nickte. Aha. Also falsche Vampire. Haha. Sowas gab es auch? „Und du bist“, ich schluckte, „ein Werwolf?“ Bis dato wusste ich nicht, dass Wölfe lachen konnten. Tat er, und er nickte. Ich wollte ihn fragen, warum er in der Tierform blieb. Als Mensch würden wir reden können. Erfahren, was er vorhatte. Sofern er sich nicht in eines dieser Monster verwandelte. Doch er stellte seine Ohren auf, legte den Kopf schief und schnüffelte.
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