Der freie, unaufhaltsame Fall begann! Und ich wollte gar nicht aufgefangen werden!
Im Nachhinein tut mir mein lieber Finn unglaublich Leid, denn wer widmete sich seinem Schmerz, der ebenso unermesslich war wie der meine, mit gleicher Hingabe, mit welcher sich jeder um mich bemühte? Ich wünschte, ich wäre ähnlich stark und tapfer gewesen wie du es warst!
Ich weiß, du sagst immer, wir hätten nur als Team diesen schrecklichen Tiefpunkt überstanden. Doch in Wirklichkeit warst du es, der meine Last, ohne jemals auch nur ein einziges Wort der Klage zu äußern, mit sich trug, um mir den steinigen Marsch zu erleichtern! Ich bin mir dessen mehr als bewusst und weiß, dass du das auch weißt!
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Die nächsten drei Tage verbrachte ich in einem tranceähnlichen Zustand, was zum einen an den Beruhigungsmitteln, die mir regelmäßig verabreicht werden mussten, zum anderen an meinen verschwommenen Erinnerungen, die ich noch nicht genau zuzuordnen wusste, lag.
Im Schlaf wurde ich von völlig wirren Gedanken, grellen Erscheinungen und absurden Schmerzen verfolgt. Alles war derart surreal, es konnte einfach nicht der Wahrheit entsprechen! In den wachen Momenten, plagten mich die gleichen qualvollen Gedanken und furchtbaren Schmerzen. Der einzige Unterschied bestand in Finns Anwesenheit, der Tag und Nacht, Stunde um Stunde tapfer und geduldig neben meinem Bett wachte. Er war die einzig reale und greifbare Komponente, die ich hundertprozentig zuordnen konnte. Erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, welche immense Last jene schlichte Anwesenheit indirekt von mir nahm.
Selbst wenn mir die verordneten Beruhigungsmittel auf den ersten Blick die Unruhe nahmen, was die Ärzte, Schwestern und Psychologin, die sich um mein Bett scharrten, leicht aufatmen ließ, zerriss mich eine in mir tobende Unruhe und Unwissenheit. Ich kann nicht sagen, dass ich zugleich unter einer Art Ungewissheit litt. Denn auch wenn ich seit einer halben Woche kein Wort mehr gesprochen hatte und Finn nur stumm meine Hand hielt, konnte ich an seinen müden, eingefallenen Augen und seiner trauernden Mimik die Wahrheit längst ablesen.
Wir besaßen bereits im Kleinkindalter die Gabe uns ohne viele Worte und riesige Gesten zu verstehen. Über die Jahre haben wir jene Fähigkeit stets perfektioniert und verblüfften Außenstehende damit, offensichtlich die Gedanken und Gefühle des anderen zu lesen. Was hätte ich dafür gegeben, dieses eine Mal nicht die untrügerische, schmerzvolle Wahrheit hätte allzu deutlich erkennen zu können!
Und während ich mich in seinen dunkelgrünen Augen verlor und nur in weiter Ferne sein gequältes und extrem schwaches Lächeln wahrnahm, wusste ich längst, was mir zwei Tage später so schonend wie nur möglich von meiner Psychologin und dem Oberarzt erklärt werden sollte.
Finns herrlich dunkelgrüne, jetzt glanzlose Augen hatten mir verraten, was ich bereits seit meinem ersten wachen Moment an diesem schrecklich sterilen Ort gespürt hatte: Ich würde meiner Mum, meinem Daddy und meiner kleinen Emily niemals mehr in ihre leuchtenden Augen schauen können! Niemals mehr würde mich meine Mum in den Arm nehmen! Niemals mehr würde Daddys Humor für mein lautes Lachen sorgen! Niemals mehr würde ich Emily durch ihr goldblondes Haar streichen!
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Kurz nachdem mir Dr. Schubert, der mich behandelnde Oberarzt, und Dr. Margel, die Psychologin, die versuchte meinen seelischen Verfall auf ein Kleinstes zu beschränken, in Gegenwart meines Bruders diese schreckliche, nicht länger hinauszuzögernde Nachricht vom Tod unserer Eltern und jüngeren Schwester übermittelt hatten, legte sich der Mantel einer stark überdosierten Betäubung um mich.
Ruhig, scheinbar mit Fassung, ohne ein Wort und nur mit stillen, bitteren Tränen nahm ich die Nachricht entgegen. Doch es existierte ein zweites Ich, welches sich verzweifelt und aus der festen Verankerung des Lebens gerissen, schreiend in mir aufbäumte und diese unfassbare Wahrheit verfluchte. Von einer Sekunde auf die andere hatten Finn und ich den Mittelpunkt, den Halt unseres Lebens für immer verloren!
Wie um alles in der Welt sollte das Leben jetzt weitergehen? War dies überhaupt möglich? Damals glaubte ich die einzig richtige Antwort in einem deutlichen, nein - es ist unmöglich, zu sehen. Das größte Glück, das mir daher in den vergangenen sieben Jahren widerfahren konnte, ist die Tatsache, dass ich eines Besseren belehrt worden bin! Es ist möglich. Es ist furchtbar schwer, kostest immens viel Willen, Kraft und Vertrauen, aber es ist möglich. Und noch wichtiger, es ist bitter nötig!
Ich fühlte mich unbeschreiblich schwindelig. Ich fühlte Traurigkeit, aber ansonsten fühlte ich nichts! Würde ich jemals wieder etwas anderes empfinden als jene depressive Leere?
Ich warf mir die Decke bis über den Kopf, zog meine Knie bis an das Kinn heran und fing fürchterlich an zu weinen. Ich zitterte und spürte diese frostige Kälte, denn die Wärme schien gemeinsam mit meinen Eltern und Emily gegangen zu sein. Am liebsten hätte ich all die Wut, das Leid und die Verwirrung lauthals in diese grauenvolle Welt hinausgeschrien, doch dazu fehlte mir schlicht und ergreifend die Kraft. Bevor ich nach langen Stunden mit dick geschwollenen Augen und einem verkrampften Herzen völlig erschöpft einschlief, fühlte ich nur noch Finns Hand, die oberhalb der Bettdecke unaufhörlich und wie automatisiert über meinen Kopf strich. Finn wusste, was ich damals noch nicht wahrhaben wollte. Er wusste, dass Zeit, die vergeht, unsere tiefen Wunden eines Tages viel weniger schmerzen lassen würde!
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