Und als er sich daran erinnerte, wie sehr er Anabell liebte, da ging ihm mit einem Mal einiges auf. Darüber vergaß er vollständig, dass er eine alte Platte hatte auflegen wollen.
Wenn er in Gefahr schwebte und ganz klar bedroht wurde, bedroht von einem Menschen, der offenbar vor nichts zurückschreckte, dann musste auch Anabell in Gefahr sein, wenn sie Kromnagel besuchte. Immerhin wurde sie durch ihren Besuch zu einer potenziellen Mitwisserin Kromnagels!
Erschrocken griff er zum Hörer, wählte mit zitternden Fingern Anabells Nummer, aber sie nahm nicht ab. „Wahrscheinlich“, dachte Kromnagel, „ist sie ohnehin unterwegs und hat vom Handy aus angerufen. Sie ruft meistens vom Handy aus an.“ Er wählte deshalb als nächstes die Handynummer, doch dort meldete sich nur die Mailbox. Kromnagel fluchte, legte auf und begann nachdenklich in seinem kleinen Wohnzimmer auf und ab zu gehen.
Tristan schnurrte auf dem Sofa. Er mochte es, wenn Kromnagel auf und ab ging. Das tat Kromnagel meistens, wenn er ein Problem hatte, das sich nicht mal eben so lösen ließ. Es konnte ein Gedicht sein, bei dem ihm noch ein passender Reim fehlte, aber auch die unbezahlte Stromrechnung. In diesem Fall war es die Sorge um Anabell, die augenblicklich die Sorge um ihn selbst abgelöst hatte. Zuerst war er bei dem Anruf des Mörders in Todesangst geraten, jetzt fürchtete er nur um Anabell.
Er machte nachdenkliche Schritte Richtung Schlafzimmer, kam aber immer wieder unverrichteter Dinge zurück. Denn er traute sich einfach nicht. Er traute sich nicht, Mehring anzurufen und von dem unheimlichen Anruf zu berichten. „Womöglich“, sagte Kromnagel zu sich selbst, „womöglich schicken die dann einen Streifenwagen, der das Haus bewacht. Was sollen die Nachbarn da denken? Wie sollst du ihnen erklären, dass du den Mörder gesehen hast, ohne ihn zu sehen, und deshalb in Gefahr bist? Und was wird dann der Mörder tun?“ Er stellte sich die Frage, wie er eigentlich zu der merkwürdigen Meinung kam, dass er den Nachbarn überhaupt irgendetwas erklären musste. Es ging ja wohl keinen von ihnen etwas an. So verwirrt war er schon, dass er innerlich begann, sich für sein eigenes Leben vor anderen zu rechtfertigen. Als wenn er sich selbst in diese unangenehme Situation gebracht hätte!
Er biss sich auf die Lippen und grübelte. Sprach leise mit sich selbst, ohne seine Worte richtig nachvollziehen zu können. Tristan schnurrte, die Zeit flog ihm weg. Bald musste Anabell kommen. Es war unmöglich, sie noch aufzuhalten.
Schon klingelte es an Kromnagels Tür. Er hastete in den kleinen Flur und bemerkte, dass die Gegensprechanlage nicht leuchtete, so wie sie es tat, wenn unten vor dem Haus jemand bei ihm geklingelt hatte. Somit öffnete er irritiert die Tür und blickte in das freundliche Gesicht des Hausmeisters Igor.
„Entschuldige die Störung“, sagte dieser in ein wenig Berlinerisch, weil er ursprünglich aus Berlin kam. „Ich müsste da mal eben an deinen Wasserzähler.“ Russisch sprach Igor fast gar nicht, obwohl er in Russland geboren worden war. Er meinte nämlich, die Sprache sei zu schnell und zu verwaschen, um sie sich auf Dauer merken zu können. Allerdings hatte Igor auch nach eigener Aussage keinen Kontakt zu seinen Landsleuten. Igor hatte eine Deutsche geheiratet und sein Sohn Alexander sprach selbst kein Wort Russisch. Trotzdem sah man Igor seine russischen Wurzeln deutlich an.
Kromnagel fragte ungläubig: „Wasserzähler?“
Igor trat von einem Bein auf das andere, bevor er etwas umständlich erklärte: „Die Leute haben sich beschwert. Einige meinen, dass der Wasserzähler bei ihnen letztes Jahr falsch abgelesen wurde.“ Sein dunkelgrauer Schnurrbart wackelte lustig hin und her, wenn er sprach.
Kromnagel: „Und? Was hat das mit mir zu tun?“
„Ich habe versprochen, bei allen heute den Wasserstand aufzuschreiben. Morgen Vormittag kommt ja der Typ, der ihn abliest. Ich hatte extra einen Zettel unten hingehängt, schon vor ein paar Tagen.“
Kromnagel kratzte sich am Kopf und trat zur Seite: „Ja, dann bitte. Komm rein und tu, was du tun musst. Der Zettel muss mir irgendwie entgangen sein.“ Kromnagel beachtete niemals die Aushänge am Schwarzen Brett im Eingangsbereich des Hauses. Ob da was hing oder nicht – er sah es nicht. Solche Dinge schossen in der Regel durch Kromnagels Augen in den Kopf und unverarbeitet zu den Ohren wieder hinaus. Zumindest behauptete das Sixtus.
Der dickliche Igor huschte an Kromnagel vorbei, zog einen zusammengeknickten Zettel und einen Kugelschreiber aus der Tasche der verwaschenen Jeans, ging schnurstraks ins Bad und schrieb konzentriert die richtige Zahlenreihenfolge auf den Zettel. Danach sagte er zu Kromnagel, der in der Badezimmertür lehnte und ihm zusah: „Wir wollen ja nicht, dass jemand übers Ohr gehauen wird, nicht? Ich werde morgen, wenn der Typ alles abgelesen hat, die Werte vergleichen. Die sollten sich dann ja nicht zu sehr von meinen unterscheiden. Mehr kann ich nicht machen. Morgen werde ich kaum Zeit haben, mit dem Typ mitzugehen und ihm ständig über die Schulter zu gucken. Außerdem wäre ihm das sicher nicht recht.“
Kromnagel nickte und meinte: „Ja, das ist wirklich nett von dir Igor, vielen Dank.“
Igor betrachtete Kromnagel nun etwas genauer, wie er da lehnte, und erkundigte sich: „Ist bei dir alles ok? Du siehst geschafft aus. Du solltest mehr schlafen. Arbeitest du immer noch nachts?“
Kromnagel zuckte hilflos mit den Schultern: „Manchmal, wenn es sich nicht anders machen lässt. Nachts habe ich die besten Ideen. Tagsüber sieht es eher mau aus.“
Igor bewegte den Kopf voll Zustimmung, als ob er genau wüsste, wovon Kromnagel sprach. Er kannte den kauzigen Dichter schon so lange, wie er hier als Hausmeister tätig war. Über zwanzig Jahre. Zwar sprachen sie nicht viel miteinander, aber sie wechselten hier und da ein paar Worte auf der Treppe oder im Garten, wenn sie sich begegneten. Kromnagel fragte deshalb der Form halber: „Und, was macht dein Sohn?“
Igor knirschte mit den Zähnen, steckte Zettel und Kugelschreiber weg und meinte: „Ach, der. Alex. Er war so ein liebes Kind. Alle haben gesagt, dass mal was aus ihm wird. Nun macht er mir nur Sorgen. Hat schon wieder abgebrochen, dieser Spinner. Dabei lief alles so gut. Jetzt zieht er zurück zu mir. Hat gestern schon sein ganzes Zeug gebracht. Will jetzt eine neue Lehre machen, in der Apotheke oder so. Oder Arzthelfer. Der mit seinen zwei linken Händen. Und dann Blut abnehmen wollen. Der Junge hat sie echt nicht alle. Aber was soll ich machen? Er lässt sich von mir ja nichts sagen. Er ist fast fünfundzwanzig und hat immer noch nichts. Keine Ausbildung.“
Kromnagel nickte mitfühlend: „Aber immerhin hat er sein Abitur. Damit stehen ihm ja alle Türen offen.“
Igor lachte finster und zog die buschigen Augenbrauen hoch: „Ich sag dir, aus dem wird nichts mehr. Den hab ich jetzt bis zum meinem Tod an der Backe kleben. Jetzt macht der sich erstmal schön in seinem alten Zimmer breit. Schleppt Mädchen an. Und arbeitet nichts. Sei froh, dass du von sowas verschont bleibst.“
Kromnagel gab ehrlich zu: „Ja, Igor. Du kannst mir glauben, das bin ich auch. Mein Bruder hat ja auch nur Schwierigkeiten mit dem Benni.“
Igor nickte und zischte: „Dieser Bengel. Der hat mir schon vor Jahren den ganzen Garten in Unordnung gebracht. Jetzt schleppt er ständig sein dreckiges Rad ins Treppenhaus, lässt es mitten im Weg stehen und rempelt alle Leute an, die ihm auf der Treppe entgegen kommen. Dein Bruder hat mein Mitgefühl. Und ich weiß, wovon ich rede.“
Igor machte sich nun nach diesen Herzensergießungen wieder auf. Kromnagel verabschiedete ihn an der Tür, warf einen Blick auf die Uhr und versuchte es noch einmal bei Anabells Handy. Er hasste die Mailbox. Immer, wenn es wichtig war, war es die Mailbox.
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