„Wo dürft Ihr denn Eure Religion nicht ausleben?“, fragte Johannes vorsichtig und schaute ungläubig zu seinem Schwiegervater. „Es gibt doch inzwischen fast genauso viele Moscheen in Deutschland wie Kirchen! Inzwischen werden doch sogar schon Kirchengebäude an muslimische Gemeinden verkauft und zu Moscheen umfunktioniert!“
„Wo wir unsere Religion nicht ausleben dürfen? Das kann ich Dir sagen!“
Ibrahims Tonfall wurde schon etwas lauter und gereizter.
Es geht schon wieder los!
Johannes stöhnte innerlich auf.
„In den meisten Schulen gibt es Kirchenunterricht aber keine Koranstunden. Muslime im öffentlichen Dienst dürfen kein Kopftuch tragen. Moslems werden ihres Glaubens wegen in der Politik und Wirtschaft benachteiligt.“
Ibrahim hatte sich so richtig hitzig geredet.
„Das kann man so aber auch nicht sagen!“, versuchte Johannes entgegen zu halten. „Du hast doch ein gut gehendes Unternehmen und bist sogar stellvertretender Bürgermeister.“
Er war bemüht zu lächeln.
„Das hat doch überhaupt nichts zu bedeuten! Ich bin doch nur die Ausnahme, sozusagen der Quotentürke!! Generell werden wir schön unten gehalten! Ja und unsere Kinder? Schau sie Dir doch an! Durch diese westliche Lebensart entfremden sie sich mehr und mehr unserem Glauben. Sie werden ja von Euch regelrecht verseucht!!“ Ibrahim war rot angelaufen. „Schau Dir doch Ramira an!! Sie lebt doch schon wie eine von Euch!!“
Johannes sprang auf.
„Das reicht jetzt!! Sprich nicht so über meine Frau!!“, rief er wutentbrannt. „Sie ist wahrlich die wundervollste Frau auf Erden! Ich zwinge sie zu nichts!! Ramira lebt nach Eurem Koran wie sie es selbst mit sich vereinbaren kann und ich toleriere das!! Absolut!!“
Was der sich einbildet!!!
Ramira kam ins Wohnzimmer gelaufen.
„Könnt Ihr nicht einmal zehn Minuten ohne Streit miteinander auskommen!!?“, rief sie wütend und nahm die Hände hoch. „Allah! Immer das gleiche!“
Kopfschüttelnd verließ sie wieder das Zimmer.
„Ach!!“, rief Johannes abwinkend und stand auf. Mit Wut im Bauch trat er an eines der Fenster und schaute abwesend auf die Straße hinaus. Er war emotional aufgewühlt. Wann immer man ihn seiner Frau wegen anging, könnte Johannes wahrlich aus der Haut fahren. Nur mit Mühe vermochte er seine Wut zu unterdrücken.
Ibrahim saß ihm den Rücken zu gewandt in seinem Sessel und schaute schweigend weiter VRTV. Er hatte auf Al-Arabia umgeschaltet, wo irgendeine Musiksendung mit arabischer Musik lief. Ibrahim und Johannes hatten sich nichts mehr zu sagen und schwiegen sich nur noch an.
Nach einigen Minuten kamen die Frauen ins Wohnzimmer und deckten den großen Esstisch für das Abendessen ein. Während Ramira die guten Porzellanteller auf der weißen Tischdecke platzierte und das Silberbesteck ausrichtete, schaute sie zu ihrem Mann herüber, der noch immer grübelnd am Fenster stand und ziellos in die Weite starrte.
Nachdem Ramira den letzten Teller abgestellt hatte, trat sie langsam von hinten an ihren Mann heran und legte die Hand auf seine Schulter.
„Ach komm, Schatz! Er meint es bestimmt nicht so.“, flüsterte sie.
Noch immer die Wut im Bauch schnaufte Johannes nur. Er war es einfach leid, dass diese Abende stets so ausuferten!
Als plötzlich mitten in einem Musikstück die Sendung im VRTV unterbrochen wurde, drehten sich die beiden zur Konsole um. Ein Nachrichtensprecher erschien im Partikeldisplay und berichtete irgendetwas auf Türkisch oder Arabisch. Ibrahim, Fadime und Ramira erstarrten entsetzt und liefen bleich an. Ungläubig schaute Johannes zu seiner Frau.
„Ramira was ist los? Erzähl schon!“
Nichts, keine Reaktion! Sie war wie versteinert. Johannes musste sie erst leicht an der Schulter rütteln.
„Halloho! Was ist denn passiert? Erzähl doch schon!“, fragte Johannes erneut. Er wusste nur, es musste etwas Schlimmes geschehen sein. Ramira schaute ihn entsetzt an. Ihre Stimme war so blass wie ihre Haut in diesem Augenblick und bebte als sie klanglos sagte: „Wir haben Krieg!“
Der Abend fand schnell ein Ende. Allen war der Appetit aus verständlichen Gründen vergangen. Stattdessen grübelte man nun, wie es dazu kommen konnte. Der Nachrichtensprecher sagte nur, dass die Kriegserklärung eine Reaktion auf den Anschlag sei, welcher dem spanischen Mullah gegolten habe. Vorbei sei die Zeit, in der man derartige Provokationen einfach so hinnehmen würde. Es wäre an der Zeit die Neuordnung der Welt einzuleiten.
Irgendwie glaubte Johannes zu ahnen, dass nicht nur der Anschlag auf den Mullah ausschlaggebend für die Kriegserklärung war. Vielmehr glaubte er, dass da etwas anderes hinter steckte. Niemand beginnt mal eben einen globalen Krieg!
Nach dem Essen saß man noch einige Minuten zusammen. Jedoch wusste niemand, vor lauter banger Ungewissheit, was er sagen sollte.
Schließlich empfahlen sich Johannes und Ramira gegen 21.00 Uhr. Die Verabschiedung verlief bei weitem nicht so herzlich wie am frühen Abend die Begrüßung. Fadime und Ramira weinten bitterliche Tränen und lagen sich zusammen mit Ibrahim in den Armen. Alle verließen sie zur Verabschiedung das Haus. Der Stimmung angemessen hatte es angefangen zu regnen und ein scharfer Wind war aufgekommen.
Als sich Ibrahim und Johannes verabschiedeten packte Ibrahim seinen Schwiegersohn fest bei den Schultern und schaute ihm eindringlich ins Gesicht. Ihm standen die Tränen in den Augen, als er mit bemüht fester Stimme hervor zu ihm sprach.
„Ich bitte dich um eines mein Sohn! Pass mir auf meine Tochter auf! Bitte!“
Johannes schluckte tief berührt über diese zu tiefst emotionale Geste seines Schwiegervaters und umarmte ihn.
„Ich schwöre Dir! Bei allem was mir heilig ist! Ich werde Ramira beschützen, Vater! Mit meinem Leben!“
Sie lösten die Umarmung und Johannes ging mit Ramira zum Wagen. Auf dem Weg dorthin, drehte er sich noch einmal um und schaute zu seinem Schwiegervater.
„Mit meinem Leben!“, wiederholte er sein Versprechen.
Ibrahim und Fadime standen Arm in Arm an der Haustür und winkten dem davon fahrenden Geländewagen hinterher.
Die Fahrt verlief beängstigend ruhig. Sie waren schon etwa eine halbe Stunde unterwegs. Der Wasserstoffmotor surrte leise vor sich hin und der schwer arbeitende Scheibenwischer gab einen gleich währenden schwermütigen Takt an, der dem ganzen Szenario etwas Mystisches verlieh.
Ihr Hof in Waldheim war nicht mehr weit, als Ramira zaghaft das Schweigen brach.
„Was passiert jetzt!“, fragte sie weinerlich.
„Ich habe keine Ahnung.“, log Johannes.
Wenn er dem, was er auf der Militärakademie gelernt hatte, Glauben schenken konnte, wusste er leider zu genau was kommen würde! Doch dies war so schrecklich, dass er es nicht wahrhaben wollte, dass er sich weigerte es wahr zu haben!
„Gleich morgen früh fahren wir wieder nach Nürnberg rein und decken uns mit Vorräten ein. Wer weiß was jetzt alles passiert.“
„Ja!“, sagte Ramira ängstlich.
„Zuhause schließen wir alle Fensterläden und verbarrikadieren das Hoftor.“
Verwundert sah sie ihren Mann an.
„Wozu soll das gut sein?“
„Liebling! Die internationale islamistische Liga hat der Christenheit den großen heiligen Dschihad erklärt! Die Angst in der Bevölkerung wird sich schon bald bei vielen Menschen in rasende Wut umwandeln. Zwangsläufig wird sich der wütende Mob irgendwann ein Ventil für seine angestaute Wut und Aggression suchen! Liebling! Du bist Muslime! Ich habe eine Muslime geheiratet. Ist es da nicht verwunderlich, dass ich Angst um dich habe? Muslime sind jetzt ihres Lebens nicht mehr...“ Johannes stockte plötzlich der Atem. „Oh mein Gott!!!“
Hastig aktivierte er seinen Communicator.
„Ibrahim!“, wählte er via Spracherkennung.
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