Ich führte in den vergangenen Jahren viele Gespräche dieser Art mit ihr, in denen unser beider Verhältnis enger und vertrauter wurde. Es ging immer um die alte Frage: Wie viel Europa ist in England wirklich? Wäre England nicht besser daran, es würde die Bande zu Europa kappen und einen eigenen, einen zwar weiten Weg, aber eine freien, globalen Weg gehen. Ein Weg, der als streng katholisches Königreich an der Seite Spaniens reüssieren werde. So die Meinung hinter der vorgehaltenen Hand. Es sei ein großer Fehler, sich von Rom losgesagt zu haben. Rom sei mehr als eine große Stadt, Rom sei eine Weltanschauung, ein Machtpotential. Die Königin dachte anders: Ich konnte ihr gegenüber klare Worte wagen, sie wiederum hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Es entstand ein enges Verhältnis, das es in dieser Form nur selten gibt, da Elisabeth mir gegenüber sehr offen und ehrlich ihre innersten Dinge, ihre Gefühle, wagemutigen Pläne, aber auch ihre Sorgen mitteilte. Das schmiedet zusammen. Vielleicht werde ich einige Gespräche im Rahmen meiner Lebenserinnerungen wiedergeben, denn ihr Inhalt lässt die ungewöhnliche Gedankenflut dieser großen Monarchin erkennen. Ich wusste um ihre kleinen Schwächen, die versteckten Hinweise, wenn sie etwas wollte, was niemand erfahren sollte, ihre kleinen Wünsche, die einer Königin unwürdig waren, wie zum Beispiel süße Törtchen, die sie sehr liebte, oder frische Hühnerleber – „Ich kann davon so viel essen, wie ich will, ich nehme nicht zu.“
Mit der Zeit entdeckte ich ihre wahre Persönlichkeit, ihre ungeheuren Stärken, erkannte, warum sie sich mal so, mal völlig anders benahm. Die Königin ist bis heute eine begnadete Schauspielerin! Sie hatte eine panische Angst davor, ihre Macht, ihren Thron, ihre Herrschaft über ihr geliebtes England zu verlieren. Es war die ständige Angst der Tudors, die schon ihren Vater zu einem Tyrannen werden ließ und ihre erzkatholische Schwester Mary zu einer die Menschen verachtenden Despotin. Elisabeths Erinnerung an die Zeit im Bell Tower, dann die Festsetzung im goldenen Käfig eines kleinen Jagdschlosses in Woodstock, das alles beeinflusste ihr tägliches Handeln. Für viele waren ihre Herrschaft und ihre öffentlichen Auftritte unverständlich, wirkten arrogant und machtbesessen. Dann wiederum zeigte sie sich als Patriotin, als rhetorisch höchst begabte Streiterin für ein starkes England. Dabei war sie im Grunde sehr sensibel: Die Mauer des Schreckens, die sie um sich aufgebaut hatte, verdeckte den wahren inneren Kern der Monarchin – einen durchaus weichen Kern.
Ich werde versuchen, auch diese Seite aufzuzeigen. Wer könnte es sonst tun, die Gedanken, Gefühle und Träume der Königin zu konservieren, um ein wahres Bild von ihr zu malen? Das kann nur jemand, der ihr sehr nahe ist. Dieser erste Gedankenaustausch knüpfte ein enges Band zwischen uns. Kein Wunder, dass in den folgenden Jahren die privaten Gespräche zu einem spekulativen Klatsch am englischen Hof führten. Man rümpfte die gepuderte Nase über den „Mister Sklavenhändler“ („wo kam er noch mal her?“) und deutete die lukrativen Erfolge als zufällige Ereignisse eines Glückspilzes. Man mochte mich nicht an diesem Hof! Ich war und wurde keiner von ihnen, keiner von diesen Feinmenschen!
Lass sie doch quatschen, dachte ich oft. Solch ein Leben an einem königlichen Hof wurde von übler Nachrede ebenso geprägt wie von stolzen Auftritten, offenen und versteckten Feindschaften und einer Portion Missachtung gegenüber jeder und jedem. Auch die anwesenden Frauen trugen oft bewusst zum eitlen Spiel der konkurrierenden Hengste bei: Eifersucht, Geilheit, Verführung, Empörung, Neid, Boshaftigkeit – all diese allzu menschlichen Neigungen machen das aus, was man höfisches Leben nennt. Für mich war es ein absolutes Neuland, wie, wenn ich eine unbekannte Küste ansteuerte oder eine fremde Insel, auf der Riten und Protokolle das Maß aller Dinge zu sein schienen. Nichts für mich, dachte ich anfangs, wenn ich am großen Ruder meines Seglers stand und nicht – festlich wie alle gewandet – um auf das Erscheinen der Regentin im Palast zu warten.
Elisabeth kam nie pünktlich!
Sie tat das mit Absicht: „Wer auf mich wartet, muss sich in Geduld üben und seinen Zorn zügeln. Geduld ist ein sehr gutes Mittel gegen das Aufbrausen, die Unbotmäßigkeit, Maßlosigkeit und zu viel Stolz. Geduldgedanken glätten die Wogen der Begehrlichkeiten, ohne dass nur ein Wort gesprochen ist. Auch auf diese Weise kann man Komplotte überstehen. Ich nenne es Taktik: Entscheidungen aufschieben oder widerrufen, mehrere Projekte gleichzeitig diskutieren, das schafft Verwirrung, die Gegner im Unklaren lassen und vieles mehr. Täuschung und Bluff sind gute Begleiter in schwierigen Fällen der europäischen Diplomatie. Ich bin vorsichtig geworden im Laufe der Jahre, Mister Drake, als ich im Tower saß, von der eigenen Schwester hintergangen.“ So offen redeten wir immer. Eines Tages geschah es dann – ich wurde für sieben Monate ihr Liebhaber. Vom Kleinen zum Großen: Irgendwann war ich dann ein Teil des Ganzen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an das erste vertrauliche Gespräch in den privaten Räumen der Königin – im diesem riesigen, turmreichen und noblen Londoner Richmond Palast, den man heute den Tudor-Palast nennt, einen Steinwurf von der Themse entfernt. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann muss ich sagen: Ich habe viel Glück gehabt, verdammt viel Glück. Vielleicht war es aber auch nur das Glück des Tüchtigen. . .
Es war an einem Sonntag im Monat August des Jahres 1567, mittags gegen zwölf Uhr, als die Königin aus der Westminster Abbey kommend, in Begleitung mehrerer Hofleute, unter ihnen der mächtige William Lord Cecil, 1. Baron Burghley, Schatzmeister, Lordsiegelbewahrer und engster Berater der Regentin, in den Vorraum zur großen Empfangshalle trat, wo die Besucher immer vor einer Audienz warteten. Wo ich bereits in meinem elegantesten Rock aus dunkelgrünem Samt, in neuen, kniehohen, hellen Lederstiefeln und mit meinem prächtigen Schwertgehänge, das ich noch morgens mit großem Eifer geputzt hatte, wartete: Nervös, blass, vor Aufregung schwitzend. Die Königin: Schlank, mittelgroß, ihre Haut weiß wie Milch, rotblonde Locken, von denen sie eine ständig mit einer kessen Handbewegung aus ihrer Stirn beiseiteschob. Ich bemerkte ihr süßes Parfum, eine Mischung aus Veilchen und Schneeglöckchen, wie sie mir bei einem späteren Besuch verriet.
Die Situation war mir sehr unangenehm. Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Es gab einen Moment, da wollte ich einfach verschwinden und den Termin platzen lassen. Meine bisherigen Begegnungen mit der Monarchin waren entspannter verlaufen, da ich meist mit anderen gemeinsam eine Audienz erhielt. Mit John Hawkins oder mit Walter Raleigh oder weiteren befreundeten Kapitänen. Was wollte die Königin nun von mir, von einem unbekannten, 27jährigen Sklavenhändler, der – das gestehe ich ein - neue Aufgaben, also eine neue Zukunft suchte? Ich hasste solche Situationen, in denen ich nicht das Sagen hatte, weil sie mich in die Defensive drängten. Ich war schon damals gerne der Handelnde!
Es war einer dieser lauen Sommertage, an denen der Dauerregen wie ein müder Wasserfall das Land aufweichte, was die Pflanzen mit einem satten Grün dankten und die Themse anschwellen ließ. Ich spürte meinen Herzschlag und bemerkte die neugierigen, anmaßenden Blicke der Wartenden. Als die Königin, die schnellen Schritts vor der ihr folgenden Gruppe auf mich zukam und mich sofort entdeckte, winkte sie mir zu, verabschiedete sich knapp von ihrer Entourage, besonders eindringlich von Lord Cecil, der mich mit einer gewissen Verachtung begutachtete und immer wieder seinen weißbärtigen Kopf schüttelte. Wenige Minuten später führte die Königin mich schweigend in ihre Privaträume. Sie lächelte freundlich und gab einem Pagen leise einen Auftrag, der daraufhin mit einer leichten Verbeugung sofort verschwand. Wenige Augenblicke danach betraten wir, wie sie mir freundlich erklärte, den Blauen Salon. Ich bestaunte die blauen Wandbespannungen aus Seide, das blassblaue Ess-Service, ein Dutzend blaue Kristallrömer und das blaue, mit Edelsteinen besetzte Kleid, dass Ihre Majestät trug. In der Mitte des eher kleinen Zimmers stand ein runder Tisch mit vier Stühlen. Ich sah sofort, dass für zwei Personen eingedeckt worden war – mit einem silbernen Teller als Set und silbernem Besteck, das sehr gut zur blauen Farbe der Tischdecke und dem anderen Blau des Raumes passte. Ich war immer noch verirrt. Sollte ich den Dialog beginnen? Womit? Ich glaubte zu ahnen, dass die Königin merkte, wie verlegen und unerfahren ich in solchen Situationen immer noch war. Wenn ich an das doch sehr bescheidene Leben im Hause meiner Eltern dachte: Es herrschte damals Stillstand in meiner Familie, eine Tatsache, der ich entfliehen wollte, entfliehen musste. Mich lockte immer das Meer, die See, die Ozeane. Ich suchte die Veränderung, denn ich wollte mein Weltbild erweitern. Glück hieß für mich damals Herausforderung. Ich ahnte nicht, was das in Wirklichkeit bedeutete. Es war etwas Unbekanntes in mir entfacht worden, der Wunsch, ein anderes Leben zu führen . . . ruhmreich, wohlhabend, geachtet. Kurz: Ich wollte hoch hinaus. Um jeden Preis!
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