»Apropos, sie sind gerade fertig.«
»Sind hier immer so wenige Gäste, oder ist das nur Zufall?« Lein machte sich an das Hauptgericht, das Sebastian inzwischen gebracht hatte.
»Richtig voll wird es erst nach 22 Uhr. Da reichen dann die Sitzplätze nicht mehr aus.«
»Dann komme ich in Zukunft auch lieber früher.«
Neue Gäste betraten das Lokal und Sebastian musste sich um sie kümmern. Lein beendete seine Mahlzeit schweigend und bestellte hernach noch ein Pils, dann musterte er die übrigen Gäste. Er beobachtete gerne, wie Menschen sich in alltäglichen Situationen verhielten. Wenn sie entspannt waren, war ihr Verhalten vorhersehbar, genau wie das von Himmelskörpern oder Elementarteilchen. Unter Stress gerieten Verhaltensweisen außer Kontrolle, hier wie dort. Das Universum war ein Ganzes, das hatte Lein längst akzeptiert. Nicht nur Soziologen konnten von den Menschen lernen.
An diesem Abend war er lange sitzen geblieben, mit zwei weiteren Glas Bier und einer Extraportion Fladenbrot. Das Lokal hatte sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefüllt, ein paar Leute mussten bereits stehen, höchste Zeit für ihn zu gehen. Die Kaffeemaschine vor sich her tragend machte er sich auf den Heimweg. In seiner Wohnung angekommen, ließ er sich erschöpft auf die Bank fallen. Er hätte mit dem Taxi fahren sollen.
Lein hatte keine Lust, die Kaffeemaschine noch auszuprobieren, dafür war am nächsten Morgen genügend Zeit. Er stellte sie mitsamt dem Karton einfach auf den Küchentisch. Eher wollte er seine Garderobe in Ordnung bringen. Für einen alleinstehenden Mann mittleren Alters besaß er ungewöhnlich viel Kleidung, und es schmerzte ihn, dass alles seit Tagen in Umzugskartons zusammengepfercht war. Er begann also auszupacken, zu ordnen und seine Habseligkeiten in dem großen Schrank im Schlafzimmer unterzubringen. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis endlich eine für ihn akzeptable Ordnung hergestellt war. Nur so konnte er sicher sein, alles immer griffbereit zu haben. An diesem Morgen hatte er sich viel zu eilig und nachlässig angezogen; das sollte nicht wieder vorkommen.
Nach beendeter Körperpflege und bereits im Schlafanzug wollte er den Fernsehapparat einschalten, nicht zuletzt auch um zu sehen, was aus den Problemen in Kasachstan geworden war. Aber zu seinem großen Erstaunen gab es in der ganzen Wohnung kein Fernsehgerät. Er hatte sich den Transport aus England erspart, da er ein Fernsehgerät als notwendigen Teil der Grundausstattung einer möblierten Wohnung angenommen hatte. Er hätte auf den Kühlschrank problemlos verzichten können, notfalls sogar auf die Kaffeemaschine, aber nicht auf einen Fernsehapparat.
Zumindest zwei Geräte hatte Lein immer besessen, obwohl er nicht allzu viel Zeit damit zubrachte. Tagsüber benützte er sie kaum, er schaute abends, eher gezielt und punktuell, nur manchmal ließ er sich bei der Arbeit von zufällig ausgewählten Programmen begleiten. In dem Fall widmete er den Sendungen kaum Aufmerksamkeit, aber er hatte das Gefühl, die Abschottung gegen diesen kontraproduktiven äußeren Einfluss stärke sein Konzentrationsvermögen und erhöhe seine geistige Leistungsfähigkeit. Darüber hinaus liebte Lein die ständige Verfügbarkeit von Annehmlichkeiten besonders dann, wenn er nicht die Absicht hatte, sie zu benützen. In Durham, in der Zeit seiner Ehe, hatten sie Fernsehgeräte unterschiedlicher Größe im Wohnzimmer, in der Küche, über der Badewanne und im Schlafzimmer gehabt.
Es war nicht so, dass Lein unbedingt einen Fernsehapparat zum Einschlafen benötigte, schon gar nicht täglich. Aber in gewissen Situationen liebte er diese Art von Ablenkung, und heute wäre eine solche Situation gewesen.
Ein überdimensionaler Wohnsalon, fünf, vielleicht sechs Meter hoch, eine breite Fensterfront bis auf Höhe des Bodens, nur einen Meter über dem Niveau des davor liegenden Gartens. Eigentlich nur ein Rasen, ein sehr großer Rasen, vielleicht auch ein Feld oder eine vegetationslose Ebene. Draußen dunkel, alles nicht so genau zu erkennen. Von dem Platz an der Türschwelle der Blick durch den Raum hindurch auf die Silhouette einer entfernten Stadt am Ende der Ebene, ein Panorama ohne Erinnerungen, ohne klare Bezüge.
Und kein Bezug zu Zeit und Raum an dieser Stelle, Gedanken, die rastlos umherschweiften. In der Gegenrichtung der Blick in den Eingangsbereich des Hauses, mit Mühe nur, und immer noch an der Türschwelle; ein warmer und sicherer Ort.
Der Flur eine Art Aula, fensterlos, in Form eines Kuchenstücks, im Zentrum die Eingangstür des Hauses. Von dort aus terrassenförmig ansteigende Stufen, wie der Ausschnitt eines Amphitheaters. Von der Straße her wie eine immer breiter werdende Treppe ins Nichts. Links der Wohnsalon, rechts alle übrigen Räume, aber geradeaus, am Ende der Treppe, nur eine Wand. Stufen über die gesamte Breite des Raumes, etwa zehn Zentimeter hoch, aber an die zwei Meter tief. Auf der dritten Stufe ein Klavier, ein altes Modell, mehr als drei Meter lang, sonst ein leerer Raum. Auch der Salon beinahe leer, nur eine Sitzbank mit zwei Sesseln, in dem überdimensionalen Raum trotz ihrer Größe fast puppenhaft.
Gegenüber dem Wohnsalon ein schmaler Gang, an dessen rechter Seite vier kleine Zimmer. An der linken Seite einige Fenster, unmittelbar dahinter eine Felswand. Die Zimmer auf der rechten Seite fensterlos, nur drei der vier Türen geöffnet.
Das erste Zimmer mit etwa vier mal zwei Metern, früher die Küche. Gegenüber der Tür eine enge, aber für den Raum zu große Sitzecke. Ein hoher Kühlschrank direkt hinter der Tür, keine weiteren Einrichtungsgegenstände.
Die nächsten beiden Zimmer waren kleiner und scheinbar leer bis auf jeweils einen Kühlschrank, gleich jenem in der Küche, und der Gang endete an einer mit Milchglas gefüllten Tür. Die Tür des letzten Zimmers war geschlossen. Von der Eckbank in der Küche war an der linken Wand der Kühlschrank zu sehen, hinter der geöffneten Küchentür durch das gegenüberliegende Fenster im Gang die dahinter liegende Bergwand.
Warum hier – und wo ist hier? Und warum dieses Haus? Ohne Strom, alles dunkel, nur ein schwaches grünes Licht, irgendwie warm und vertraut. Und dann kamen die Zahlen, Ziffern und Zahlen, sie verwirrten, sie machten Angst, aber es schmerzte nicht. Der Versuch, sich auf die Zahlen zu konzentrieren, misslang. Vielleicht konnten sie ihm helfen, aber sie entschwanden so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren.
Immer noch der Blick, vorbei am Kühlschrank durch das Gangfenster. Unmöglich, sich zu bewegen, unmöglich, klar zu denken – und wie diese Nacht überstehen? Was würde dann kommen, eine weitere Nacht, ein Tag, wieder eine Nacht? Würde es je enden?
Wieder kamen die Zahlen, und wieder verwirrten sie ihn, aber sie waren weniger erschreckend. Er versuchte sie festzuhalten, wenigstens eine sich zu merken – vergeblich, zu schnell wechselten sie. Und dann kam der Schmerz, es wurde taghell.
Und wieder der Blick, vorbei am Kühlschrank durch das Gangfenster. Kein Schmerz. Kein Licht, oder doch, der warme grüne Schimmer immer noch.
Der Weg zum Wohnsalon mühsam, wie steil bergauf, die Aula fast unüberwindlich. Zuletzt der Platz an der Türschwelle, wieder warm und sicher. Die Aussicht aus dem Fenster, die Stadt in der Entfernung, waren sie Illusion? Er konnte den Blick nicht festhalten.
Er verspürte Hunger. Auch die Küche war ein sicherer Ort, die Küchenbank hart, aber vertrauenswürdig. Wie stillt man Hunger? Er hatte es vergessen. 61,5 – da war wieder eine Zahl. Mitten im Raum schwebte sie, ein wenig zitternd, diesmal aber deutlich erkennbar, nicht groß, von der Größe seiner Handfläche vielleicht. Neben dem Kühlschrank pendelte sie, etwa zwei Meter vor ihm auf Augenhöhe. Dann noch eine Zahl, sie schimmerte auf der Fensterscheibe. Das Gangfenster war weit entfernt, die Zahl undeutlich, aber er glaubte sie zu erkennen: 18,2, vermutlich. Während er überlegte, was die Zahlen bedeuten konnten, waren sie auch schon wieder verschwunden, genauso plötzlich, wie sie zuvor erschienen waren.
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