Am nächsten Morgen wäre Lein beinahe zu spät aufgewacht. Den auf dem Y-Com eingestellten Alarm hatte er überhört, so gut hatte er geschlafen. Der Fernsehapparat lief immer noch, die Nachrichten berichteten scheinbar über ein seltenes Wetterphänomen, einen extremen Sturm vielleicht. Sie zeigten endlose Autokolonnen und interviewten offensichtlich geschockte Bürger. In der Eile konnte Lein weder feststellen, wo diese Szenen stattfanden, noch worum genau es sich handelte. Auch auf ein Frühstück musste er verzichten, um die Umzugsfirma zeitgerecht bei seiner Wohnung empfangen zu können. Er wollte nicht riskieren, dass sie wieder abfuhren, wenn er nicht pünktlich vor Ort war.
Der Transport traf zum vereinbarten Termin ein und das Entladen von Leins Habseligkeiten ging rasch und problemlos vonstatten. Schreibtisch und Bett hatten bald ihren Platz gefunden, Kleidung und Bücher würde er nach und nach unterbringen. So war noch Zeit genug, seine Kaffeemaschine anzuschließen und in Gang zu setzen – das dachte er zumindest, aber das in England erworbene Gerät konnte nicht ohne weiteres mit dem deutschen Stromnetz verbunden werden. Ob die Spannung übereinstimmte, war so schnell nicht zu eruieren, der Stecker passte jedenfalls nicht. Verärgert notierte Lein die notwendige Reparatur auf einen Zettel, den er in seiner Geldbörse verstaute. Dann zog er so rasch wie möglich neue Kleidung an und verließ die Wohnung. In 35 Minuten wurde er in der Verwaltung der Universität erwartet. Zu Fuß würde er etwa zwanzig Minuten benötigen, also könnte sich auf dem Weg vielleicht eine schnelle Tasse Kaffee ausgehen. Vergeblich hielt er unterwegs Ausschau nach einem Kaffeehaus, er musste sich wohl oder übel mit einem Lokal in der Nähe der Universität zufriedengeben. Es war der 19. Oktober, und Lein hatte sich auf große Betriebsamkeit eingestellt, aber so richtig begonnen hatte das Semester offenbar noch nicht. Die Cafeteria-Mensa in der Wilhelmstraße war beinahe menschenleer, und so konnte er sich mit seinem Kaffee für die nächsten zehn Minuten ungestört in eine Ecke zurückziehen.
Der heutige Gesprächstermin war von der Universität festgelegt worden, für den Unterricht hätte er vermutlich auch zwei Wochen später anreisen können. Deswegen war er aber ohnehin nicht nach Tübingen gekommen. Vielmehr hoffte er, sich mit drei, vier Stunden pro Woche aus der Affäre ziehen zu können. Schließlich wollte er seine Zeit in die Forschung investieren, und nicht in irgendwelche unbegabte Nachwuchswissenschaftler. Und natürlich wollte er auch seine ganz private Forschung weiter betreiben, die er in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt hatte.
So unbedeutend und nebensächlich erschien ihm seine Lehrtätigkeit, dass er sogar den Titel seiner eigenen Vorlesung vergessen hatte. Der Studiengang hieß Astro and Particle Physics, das wusste er, weil der Zettel, auf dem er das aufgeschrieben hatte, immer wieder aus seiner Geldbörse fiel. Seine Lehrveranstaltung hatte er nicht notiert, aber der Dekan würde ihm schon sagen, was sie von ihm erwarteten. Außerdem konnte Lein stundenlang improvisieren, wenn es sein musste, solange es um Physik, Mathematik oder verwandte Themen ging. Außerhalb seines Fachbereichs war Kommunikation nicht seine Stärke. Besonders Gespräche wie jenes, das ihn in der Verwaltung erwartete, bereiteten Lein großes Unbehagen. Gern hätte er zur Beruhigung eine zweite Tasse Kaffee genommen, aber dafür reichte die Zeit nicht mehr.
»Daten sind enorm wichtig, sie sind die Grundlage jeder funktionierenden Organisation«, erklärte der Referatsleiter nach einer kurzen Begrüßung. »Falsche oder unvollständige Daten können ganze Systeme ins Wanken bringen.«
Lein hatte nicht vor, irgendjemandes System aus der Bahn zu werfen, auch wenn ihm alles im Zusammenhang mit Daten suspekt war. Widerspruchslos unterzog er sich der geforderten Zeremonie.
»Name: Olerson, Lein, geboren am 23. Oktober 1982«, las sein Gegenüber von dem vor ihm liegenden Blatt ab. Dann sah er Lein fragend an.
»Ja«, antwortete der, etwas genervt.
»Geboren in Eugene, Oregon, USA. Alter ...«
»Sechsundvierzig.«
»Ja, natürlich. Studien: Theoretische Physik und Mathematik. Richtig?«
»Korrekt«, erwiderte Lein, und verkniff sich die Bemerkung, dass er selbst jenes Blatt ausgefüllt und eingesandt hatte.
»Name des Vaters?«
Das war neu, davon war in dem Fragebogen nicht die Rede gewesen.
»Marc Olerson«, antwortete er und merkte zum wiederholten Mal, wie schwer ihm dieser Name über die Lippen kam.
»Name der Mutter?«
»Linda, geborene Armstrong.« Ja, das war ein anständiger Name. Lein würde es seinem Großvater nie verzeihen, dass er einen schwedischen Namen angenommen hatte, nur, um nicht für einen Juden gehalten zu werden. Gehrmacher! Was war so schlimm an dem Namen Gehrmacher? Sie waren keine Juden, keiner in der ganzen Familie. Bloß weil Großvater aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflohen war, musste er nicht Jude sein. Aber er hatte unbedingt jede Faser seiner Vergangenheit abschütteln wollen und nahm bei der Hochzeit den Namen seiner schwedischen Frau an – oder nur fast, denn Leins Großmutter hieß Ølaffson. Weil das in den USA aber niemand aussprechen konnte, machten sie kurzerhand Olerson daraus.
Lein hatte sich immer einen ordentlichen Namen gewünscht, so wie Miller oder Baker, Johnson, etwas, dem man nicht sofort seine europäische Abstammung anmerkte. Auch Armstrong wäre in Ordnung gewesen, alles besser als Olerson.
»Ihre Adresse in Tübingen?« Die nächste Frage des Beamten riss ihn aus seinen Gedanken.
»Schönblick.«
»Schönes Stadtviertel. Straße und Hausnummer?«
»Habe ich jetzt leider nicht im Kopf. Da muss ich sie auf morgen vertrösten.«
»Na gut, aber bitte nicht vergessen. Ihre letzte Anstellung war an der Diamond Light Source in Oxfordshire?«
»Genau, oder eigentlich – angestellt war ich in Durham, an der Universität von Durham. Vor dort wurde ich entsandt zur Diamond Light Source, oder ausgeliehen, wie sie wollen.«
»Aha! Dann wollen wir das auch korrekt so eintragen.«
»Ist das alles?«, fragte Lein, der langsam ungeduldig wurde.
»Ja, ich denke schon. Wenn Sie mir morgen noch die genaue Adresse zukommen lassen, dann haben wir alles erledigt. Alles Weitere erfahren Sie direkt an der Fakultät. Finden Sie sich schon zurecht auf unserem Campus?«
»Es geht so. Das Institut für theoretische Physik habe ich schon entdeckt.«
»Ihre Lehrveranstaltung ist direkt der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät unterstellt, unabhängig vom Institut. Der Herr Dekan wird ihnen alles zeigen, denke ich. Was ihre Forschungstätigkeit betrifft, werden sie vorrangig mit Herrn Ingenieur Lehmann zu tun haben. Er ist der Koordinator für das deutsche Team und auch der Verbindungsmann zu den Kollegen in China und Brasilien.«
»Mit dem Herrn Dekan habe ich bereits ein Treffen vereinbart.«
»Sehr gut. Dann bleibt mir nichts mehr, als Ihnen eine gute Zeit an unserer Universität zu wünschen, und viel Erfolg bei dem neuen Projekt.«
Eben – das Projekt. Der einzige Grund, warum er nach Deutschland gekommen war. Er würde hier ein anständig ausgestattetes Labor haben, und als Leiter der Forschungsgruppe Tübingen konnte er sich bestimmt ein paar Freiheiten erlauben. Er musste endlich eine Möglichkeit finden, seine Theorie in der Praxis zu beweisen. Seine sensationellen Arbeiten waren zwar publiziert worden, aber die Fachwelt hatte sie nicht anerkannt. Er hatte eine der bedeutendsten Fragen der Menschheit gelöst, und die Kollegenschaft überhäufte ihn mit Kritik und zerriss seine Thesen in der Luft. Eine praktische Vorführung würden sie aber nicht widerlegen können.
Natürlich hatten sie hier in Tübingen nicht die nötigen Apparaturen, um etwas Derartiges in Gang zu setzen. Aber die Größenordnung des Projektes, die Zusammenarbeit mit Spitzenleuten aus Brasilien und China würden ihm vielleicht einen Zugang eröffnen.
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