Mit einer Handbewegung schaltete ich die Schreibtischlampe an, überflog den unaufgeräumten Schreibtisch und zog einen in unleserlicher Schrift beschriebenen Zettel aus den Papieren vor mir. Ich hatte ihn schon hundert Mal gelesen. An einem Sonntagmorgen war Chris morgens schon gegangen, bevor ich aufgewacht war. Auf dem Nachttisch hatte eine Nachricht von ihm gelegen: „Liebe Mona, ich muss meinen Raum finden und tun, was die Welt wirklich braucht. Ich muss mich daran erinnern, dass man die Wüste verändern kann, wenn man ein Sandkorn aufhebt und an einen anderen Platz tut. Das Leben in Europa hat eine Schnelligkeit, die uns immer weiter von der Magie der Liebe und von der Magie des Lebens entfernt. Dann verstehen wir die vielen kleinen Botschaften des Lebens nicht mehr und versinken in dem Irrglauben des Egos, das sich selbst zu wichtig nimmt und die großen Zusammenhänge vergisst. Ich werde an einen Ort gehen, wo Menschen noch verstehen, was Leben ausmacht, in jedem Moment, in jeder Begegnung, an jedem Tag.“
Früher hatte ich gedacht, je älter man wird, desto mehr gelänge es einem, die Dinge zu nehmen wie sie sind. In diesem Moment dachte ich nur, je älter ich werde, desto weniger gelingt es mir, mir nicht anmerken zu lassen, dass mir eine Sache wirklich etwas ausmacht. Das Ganze machte keinen Sinn. Ich hasste es, wenn ich keine Erklärungen für Verhaltensweisen von anderen hatte. Es verunsicherte mich.
Ich gab einem inneren Drang nach Ordnung nach und begann, die Papiere auf dem Schreibtisch zu sortieren, vor allem unnütze Ausdrucke und Notizen in den Papierkorb zu werfen. Als ich einen ganzen Stapel Papiere entsorgt hatte, stieß ich auf eine dicke blaue Mappe, die unten in einem Stapel lag. Ich benutzte Mappen nicht. Bestimmt hatte mein Sohn sie dort liegen lassen. Ich öffnete sie. Darin befand sich ein Textausdruck, und obenauf ein handschriftlicher Zettel auf Englisch, eindeutig die Schrift von Chris. Dazu eine Visitenkarte: Deepali Puri, Senior Vice President HR, Mita Motors. Ich stutzte. Das war die Frau aus der Personalabteilung des indischen Automobilkonzerns, die den Vortrag über Frauen im Management gehalten hatte. Ich hatte ja gerade das Programm der Konferenz ins Altpapier getan. Ich versuchte zu entziffern, was auf dem Zettel geschrieben war. Chris hatte offensichtlich den Vortrag der Inderin angehört und sich Notizen auf Englisch gemacht. Ich konnte seine Schrift nicht lesen. Daher legte ich das Stück Papier beiseite und nahm den Textausdruck aus der Mappe. Ich las: „Und deswegen ist das einzige, wofür es sich zu kämpfen lohnt, die Liebe. Man muss sie beschützen, damit sie ihren Raum in dieser Welt nicht verliert. Aber vermehren kann man sie nur, indem man selbst liebt.“ Ich las das Zitat ein zweites Mal, bevor ich den Zettel langsam zurück in die Mappe schob. Gab es einen Zusammenhang zwischen dem Zitat und der Visitenkarte? Ein Grundsatz von mir war: keine Eifersucht. Das hielt ich für Zeitverschwendung. Warum hatte Chris die Mappe in meinem Arbeitszimmer liegen gelassen? Zufall oder Absicht? Da war noch etwas. Die Mappe war so dick wegen eines Umschlages. In mädchenhafter Handschrift stand darauf geschrieben ‚Vogel meines Herzens’. Mit Herzklopfen trug ich den braunen Umschlag ins Wohnzimmer hinüber und setzte mich auf mein rotes Sofa. Ohne ihn aus der Hand zu legen, betrachtete ich die Kommode meiner Großmutter. Sollte ich ihn öffnen? Was würde sie mir raten zu tun?
3
Am Montagmorgen um Punkt sechs Uhr schloss ich die Wohnungstür hinter mir ab und trug eilig den silbernen Rollkoffer die vier Stockwerke hinunter. Meine hochhackigen Schuhe klapperten auf der Holztreppe und ich fragte mich, wen ich damit wecken würde. Als ich die schwere Haustür zur Straße öffnete, wartete das Taxi bereits mit laufendem Motor im nasskalten Novemberdunkel. Mit einem kurzen Gruß nahm der Taxifahrer mir meinen Koffer ab und verstaute ihn. Er ließ den Kofferraum zuklappen, als würde er damit seinen Ärger über die zu frühe Arbeitszeit loswerden wollen. Ich setzte mich vorsichtshalber auf den Rücksitz, um jedes Gespräch zu vermeiden.
„Wohin?“, fragte er.
„Flughafen Tegel“, antwortete ich kurz angebunden. An einem Montagmorgen brauchte ich meine Ruhe. An diesem Montag besonders. Berlin war noch im Halbschlaf. Wer nicht hinaus musste, vermied das nasskalte Dunkel, das feindlich an jeder Ecke lauerte und von den sich gleichmäßig bewegenden Scheibenwischern nicht vertrieben wurde. Die Lichter der Stadt zogen vorbei wie in einem Film, bei dem man eine Gefahr ahnte. Ein anderes Fahrzeug hupte und mein Taxifahrer fluchte. Waren alle so schlechter Laune wie ich? Widerwillig hatte ich am Abend zuvor angefangen zu arbeiten, um die Entscheidungsvorlagen für die Vorstandssitzung durchzugehen und sie mit Änderungswünschen an meine Sekretärin zu verschicken. Ich wollte sie heute Morgen korrigiert in Empfang nehmen können.
Ich lehnte den Kopf zurück auf die Lehne des Rücksitzes und atmete tief, wie ich es beim Yoga auf Youtube gelernt hatte. Mit dem Blick auf die verschwommenen Regentropfen an der Scheibe sagte ich mir leise das Gedicht auf, das ich am Tag zuvor auf meinem roten Sofa liegend in dem Manuskript gelesen hatte. Ich fand es, passte zu meiner Situation.
Vogel meines Herzens
Wann hast du vergessen
Die Lieder von Sonne und Mond
Die Lieder des Abschieds
Und die des Erkennens
Die Lieder
Die uns begleiten
Auf den Pfaden
Der Finsternis
Einen Tag hatte ich den filigran beschrifteten Umschlag aus der Mappe von Chris auf der Kommode liegen lassen, bis ich es nicht mehr aushielt. Als würden darin die Antworten auf alle nicht gestellten Fragen lauern, zog das blassgraue Papierbündel meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Am Sonntagnachmittag beschloss ich, dass meine Großmutter mir geraten hätte, den Umschlag zu öffnen. Sie war notorisch neugierig, anderenfalls hätte sie zu ihrer Zeit als Stewardess auf einem Ozeandampfer und zugleich alleinerziehende Mutter nie die ganze Welt bereist. Außerdem sah ich mich nicht als Kindermädchen von Chris an. Wenn die Mappe wichtig für ihn gewesen wäre, hätte er sich gemeldet. Ich zog über hundert Seiten eines Manuskripts heraus, geschrieben mit einer uralten Schreibmaschine, die nicht alle Buchstaben in der gleichen Stärke angeschlagen hatte. Das Papier war von den Jahren vergilbt, fast dünn geworden. Selten waren Wörter, manchmal ganze Sätze durchgestrichen und mit kaum lesbaren handschriftlichen Notizen überschrieben. Ohne zu verstehen, worum es ging, las ich testweise in den Text hinein. Dabei kam ich mir vor wie ein Eindringling in eine Angelegenheit, die mich nichts anging. Zugleich faszinierten mich die vor so langer Zeit beschriebenen Blätter, als hätte ich einen bahnbrechenden archäologischen Fund gemacht. Mich verwirrte, dass ich einen deutschen Text las. Wie war Chris an dieses Manuskript gekommen? Gedankenverloren blätterte ich weiter, bis ich am Ende auf das Gedicht stieß, von dem ich mir die Zeilen gemerkt hatte. Ich sagte es mir noch einmal lautlos auf, während der Fahrer einen Halteplatz vor dem Abflugsteig von Lufthansa suchte.
Ich zahlte das Taxi bar, weil es am schnellsten ging, und eilte zum Check-in. Meine Abneigung gegen das morgendliche Treiben an Flughäfen hatte sich nie geändert. Auf Partys bemerkte ich ironisch, am Montagmorgen seien die Flugsteige wie eine Messe für Arbeitsmigranten mit gehobenem Status in Einheitskleidung. Graue Anzüge für die Männer, ebensolche Kostüme für die wenigen Frauen, garniert mit Laptoptaschen und Rollkoffern, die darauf hinwiesen, dass man es nicht nötig hatte Gepäck aufzugeben. Meine kaffeebraune Haut machte mich zur doppelten Ausnahme. Ich hatte ich mich schon während der Schulzeit daran gewöhnen müssen, darauf angesprochen zu werden, wie fließend mein Deutsch wäre. ‚Ich bin Deutsche’, erwiderte ich als Standantwort und wechselte das Thema. Offensichtlich war ich nicht die Einzige, die in Berlin wohnte und in einer anderen Stadt arbeitete. Als ich mit der Sicherheitskontrolle fertig war, checkte ich Emails auf dem iPhone. Es gab nichts Dringendes. Erst als das Flugzeug gestartet war, entspannte ich mich. Über dem Rollfeld dämmerte es, ein zartes Rot hatte den Regen verdrängt. Es würde ein sonniger Tag werden. Ein Novembertag, der vorgab, zu einem goldenen Oktober zu gehören. Als wir starteten, konnte ich von meinem Platz in der ersten Reihe am Fenster auf die langsam wach werdende Stadt hinunter sehen. Ich liebte Berlin. Merkwürdig, dass das Herz sich nicht nur an Menschen band, sondern auch an Orte. Sie waren wie geographische Antworten auf die Seele.
Читать дальше