Mouad war jedoch so auf Ahmad fixiert, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht die Spur einer Ahnung zu haben schien, was sich um ihn herum ereignete.
Mouad interessierte sich offensichtlich für alles Naturwissenschaftliche, hatte sich früh als Kind bereits mit Astronomie und geologischen Grundlagen auseinandergesetzt. Aus diesem Grunde waren Chemie und Physik auch seine Lieblingsfächer am Gymnasium. Ferner bewies er schon damals ein Händchen dafür, als Reporter für die Schulzeitung auf so manche Missstände und Probleme im laufenden Betrieb hinzuweisen, wie zum Beispiel den wachsenden Einfluss der fundamentalistischen Glaubensfanatiker aller Religionen auf den Unterricht.
Diese Aktivitäten hatten ihm schließlich viel Ärger eingebracht: Kurz vor seinem Abitur hatten er und seine Eltern sogar Todesdrohungen erhalten. Nächtliche Hassanrufe und Schmierereien an der Hausfassade hatten gezeigt, wie vorsichtig man in Beirut mit gesellschaftlichen Fragen umgehen musste. An diesem Punkt griffen seine Erziehungsberechtigten dann doch ein und verboten ihm, an der Schule noch irgend etwas in Bezug zu Religion oder Politik zu äußern.
Glücklicherweise hatte sich die Bedienung um andere Gäste zu kümmern; denn Ahmad war drauf und dran, Mouad das Wort abzuschneiden. Aber er ließ ihn dennoch gewähren:
Nach dem Schulabschluss waren seine Eltern bereit, ihm ein naturwissenschaftliches Studium zu ermöglichen. Das zweite Fach, Journalistik, konnte er jedoch erst nach langen und hitzigen Diskussionen gegenüber seinem Vater durchsetzen.
„Somit war es ursprünglich dein Plan, diese beiden Fächer zu studieren, lange bevor wir aufeinander trafen”, bemerkte Ahmad.
„Ich denke schon.”
„Hast du eigentlich Freunde oder Bekannte?”, fragte Ahmad weiter.
„Nein. Ich habe privat immer sehr zurückgezogen gelebt und mich fast ausschließlich in meine Wissenschaften vertieft. Zu der Zeit, in der ich in der Schulredaktion arbeitete, hatte ich mehr persönliche Kontakte. Aber nach den gerade von mir erwähnten religiösen Querelen mieden mich dann alle.”
„Wer war denn die junge Dame, mit der du bei der Einschreibung gescherzt hattest?”
„Eine Cousine von mir. Sie studiert Medizin.”
„Hattest du denn schon mal etwas mit einer Freundin?”
Mouad wurde verlegen:
„Nein, noch nie.”
Eine Pause folgte. Mouad stocherte nervös in seinem Kuchen herum. Dann schaute er plötzlich Ahmad durchdringend an. Knapp fragte er:
„Und jetzt du. Was machst du so, woher kommst du? Und erzähl mir auch von deinen Eltern.”
„Ich bin ein uneheliches Kind. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter hatte mich in ein Kinderheim gesteckt. Ich hatte jedoch das Glück, dass die meisten Erzieherinnen ausgesprochen nett zu mir waren. Als ich 16 war, bekam das Heim eine neue Leitung. Da diese Frau die Entscheidung traf, ich könne ab jetzt selbst für mich sorgen, wurde ich hinausgeworfen und in die Obhut von Pflegeeltern gegeben. Die habe ich mir einen halben Tag angeschaut und dann beschlossen, dass ich mich selber durchschlagen müsste. Durch den Verkauf von Obst und Gemüse von einem Bauern, dessen Adresse mir noch eine Erzieherin zugesteckt hatte, habe ich mich dann, ähnlich wie deine Mutter es mit ihrem Garten managt, über Wasser gehalten. In Abendkursen parallel dazu habe ich mich dann noch auf das Abitur an einem Gymnasium in Tyros vorbereitet und mit Erfolg absolviert. Im übrigen bin ich ein Jahr älter als du.”
„Hast du denn schon einmal eine Freundin gehabt?”
„Nein. Ich bin da genauso unbedarft wie du.”
Mouad sah ihn mit unbewegtem Gesichtsausdruck an. Man konnte meinen, dass er Ahmad einem Verhör unterzog, um zu prüfen, ob die Wahrheit auf den Tisch kam.
Ahmad bestellte sich noch ein Stück Kuchen - Mouad jedoch lehnte ein weiteres Glas Tee ab. Eine Mauer schien langsam zwischen beiden zu wachsen. Er spürte, dass Mouad ihn mit allen Sinnen testete und prüfte.
Ahmad trocken: „Ich gehe davon aus, dass sich durch das Studium meine Kenntnis über dieses Land und diese Weltregion vertiefen und erweitern wird. Dieser Ansatz macht das Fach Journalistik - zumindest für mich - sehr interessant. Das sollte uns auch in die Lage versetzen, die gesellschaftlichen Strömungen und politischen Probleme in der Levante detaillierter kennen zu lernen und auch in gewissen Grenzen vorherzusagen - was auch unserem eigenen Schutz, unserer eigenen Sicherheit dient. Zudem kommt man ja durch so ein Studium ziemlich weit herum - vielleicht auch bis nach Europa oder sogar Israel.”
Mouad: „Was willst du denn da? Weißt du denn nicht, dass Israel für uns verbotenes Terrain ist?”
Ahmad: „Ich lege Wert darauf, mich umfassend zu informieren über all das, was sich im Nahen und Mittleren Osten politisch ereignet. Dies bedeutet, dass ich auch zu den so genannten Todfeinden reisen möchte, egal ob das nun der jüdische Staat ist, der vom Bürgerkrieg zerrissene ,failed state’ Syrien, der Iran oder das Kalifat Baghdadis.”
Mouad - optimistisch: „Jetzt lass uns erstmal in das Studium eintauchen und die ersten Semester hinter uns bringen.”
Ahmad entgegnete erst einmal nichts darauf. Ihm fiel auf, dass die Gespräche an den Nachbartischen in beinahe flüsterndem Tonfall geführt wurden - wieder so eine eigenartige Beobachtung, die ihn stutzig machte.
Zu Mouad gewandt sagte er:
„Ich wäre mir da nicht so sicher, ob uns dies auch gelingt. Denn der Zedernstaat hat schon so viele Krisen und Kriege über sich ergehen lassen müssen, dass ich nur inständig hoffe, dass wir das Studium hier auch tatsächlich zu Ende bringen können. Was mir über Schulen an Intoleranz, Fanatismus und religiös begründetem Hass zu Ohren gekommen ist, lässt nichts Gutes für die Zukunft des Libanons und seiner Bevölkerung erahnen.”
Mouad saß wie versteinert. Leise flüsterte er:
„Das Schlimme daran ist, dass du wahrscheinlich mit deinen Prognosen richtig liegen dürftest. Ich will es mir zwar nicht eingestehen... Aber ich denke, dass wir schon in wenigen Monaten mit einem politischen Desaster konfrontiert werden. Und...”, er unterbrach sich und erbleichte, als er bemerkte, dass die Bedienung zwei Nebentische weiter verdächtig langsam eine Rechnung schrieb und auf Fragen der Gäste, die sie bediente, falsch und unzusammenhängend antwortete. Sie schien in ihre Richtung zu lauschen.
„Entschuldige! Ich bin zu vertrauensvoll und zu redselig. Ich sollte vielleicht in der Öffentlichkeit besser meinen Mund halten. Ich kenne dich ja eigentlich gar nicht.”
Ahmad erwiderte darauf beinahe unhörbar:
„Vorsicht ist weise und gut. Aber in diesem Fall hast du wohl dein Herz sprechen lassen. Nimm das, was du gerade getan hast, als guten Vorsatz für unsere Zukunft. Ich versichere dir: Ich bin weder ein syrischer Spitzel, noch habe ich etwas mit religiösen Fanatikern zu tun. Ich bin auch kein Spion Amerikas oder irgend eines anderen Landes. Ich würde dich niemals an irgend jemanden verraten. Weder jetzt, noch in Zukunft.
Aber du hast recht”, wobei er einen warnenden Blick in Richtung der verschleierten Bedienung aussandte. „Wir sollten an diesem Ort besser nicht weiter über solch heikle Themen sprechen.”
Eine längere Pause folgte. Mouad wusste nicht, ob er Ahmad tatsächlich vertrauen konnte, obwohl er vom Gefühl her mit dem vorsichtigen Verhalten seines Gegenübers einverstanden war. Ihm waren schon viele Berichte von Verrat und Hinterlist - auch unter Studenten und an seiner ehemaligen Schule - zu Ohren gekommen. Denn unter den Flüchtlingsmassen aus dem kriegsversehrten Nachbarland befanden sich unzählige Ultrareligiöse, die ihre orthodoxen Ansichten auch mit Gewalt durchzusetzen pflegten. Er hatte schon so einiges über Salafisten, Mitglieder der Nusra-Bewegung, Al-Qaida- und ISIS-Kämpfer sowie Hisbollah-Aktivisten gehört.
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