Draußen empfing ihn eine milde, würzige Brise.
Ahmad schlenderte über den neu gestalteten Campus. Er betrachtete die im rötlichen Morgenlicht schimmernden Fassaden der vor wenigen Monaten fertig gestellten Gebäude aus Chrom, Aluminium und Glas.
,Wieso verwenden die Architekten keine Solarzellen oder andere intelligente Baumaterialien, um eine bessere Energieeffizienz zu erzielen?’, dachte er. ,Das alles hier ist doch nur wieder lediglich auf ein protziges Äußeres ausgelegt. So, wie um zu zeigen: Wir sind im Libanon wieder wer, wir können uns alles leisten.’
Ahmad setzte sich auf eine Bank, die Entwürfen aus dem viktorianischen England des späten 19. Jahrhunderts nachempfunden war. Auf ihrer gusseisernen Rückenlehne und Sitzfläche quollen florale Elemente üppig empor die - dank ihres weißen Anstriches - grell in der Sonne leuchteten.
Er ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Die Universität lag auf einer Anhöhe über Beirut, das von zwei Seiten vom Mittelmeer umgeben war. Hinter ihm hörte er in der Ferne das Geräusch der startenden und landenden Maschinen auf dem Flughafengelände.
Der Lärm des morgendlichen Autoverkehrs in der libanesischen Hauptstadt und das Stimmengewirr der Passanten und Pendler drang zu ihm herauf. Rechts, mehr als fünf Kilometer Luftlinie von seinem Standort entfernt, hinter der Skyline der Innenstadt, stiegen die auf ihrer Oberseite sanft abgerundeten Hügel oberhalb der Küstenstraße unvermittelt aus dem azurblauen Meer auf, mit einem gelblich - rötlichen Schimmer der blühenden Zitronen - und Orangenbäume überzogen. Ganz in der Ferne war das strahlend weiße Libanongebirge deutlich zu sehen. Seine bis zu drei Kilometer hohen, zugleich seltsam abgerundeten Wände und Grate, die auf halber Höhe in sanftere Hänge übergingen, wurden immer noch vom Winter beherrscht.
Ein warmer Südwind aus dem Sinai ließ die zartrosa blühenden Zweige eines Mandelbaumes über ihm langsam hin und her schwanken.
Er untersuchte die beiden Studienverlaufspläne genauer. Was ihn am meisten interessierte, waren die Exkursionen, die in beiden Fächern schon ab dem ersten Semester angeboten wurden. Schon deshalb war er sich sicher, einen guten Überblick über dieses Land, seine Bewohner und hoffentlich auch über das politische Tagesgeschäft zu erlangen. Besonders begrüßte er die Aussicht auf kleine Studiengruppen, die, so hoffte er, individuell betreut würden. Und die daher die Assistenten des Lehrstuhlinhabers in die Lage versetzen sollten, flexibel auf die Wünsche der Teilnehmer einzugehen. So manchen der aktuellen politischen Brennpunkte dieser Region könnte er dann detailliert und damit inkognito erkunden.
Nach der flüchtigen Begegnung mit dem sympathischen jungen Mann, die nur wenige Minuten zurücklag, begann er zu ahnen, dass es trotz aller im Vorfeld seines Studiums angestellten, zum Teil minutiös ausgearbeiteten Überlegungen viele unbekannte Herausforderungen geben würde, die ihn daran hinderten, rasch zu guten Ergebnissen seiner Mission zu kommen. Seine eigene analytische Nüchternheit und präzise Beobachtungsgabe komplexer Zusammenhänge, die er sich jahrelang antrainiert hatte, prädestinierten ihn zwar für eine genaue und zugleich distanzierte Beobachtung der politischen Situation der Levante. Aber er musste vor sich selbst eingestehen: Die größte Unbekannte waren seine menschlichen Schwächen. Ahmad war sich nämlich nach den Erfahrungen, die er im Verlaufe seiner zurückliegenden Missionen gesammelt hatte, inzwischen absolut sicher, dass noch so manche gefühlsmäßige Aufwallung seine Objektivität beeinträchtigen würde.
Zwar besaß er ein ungeheures Maß an Selbstdisziplin, die es ihm ermöglichte, eigene Schwächen und Gefühlsregungen zu überspielen. Aber wie stark war diese Maskerade wirklich? Wie lange konnte er seinen inneren Gefühlen widerstehen, wenn er die Bewohner dieses Landes näher kennenlernen würde? Denn eine sorgfältige Analyse dieser Region der Erde war eben nicht nur auf die rein rationale Seite beschränkt. Mit Menschen in Kontakt zu treten verlangte von ihm viel mehr: Einfühlungsvermögen, Mitmenschlichkeit, Wärme - und somit Verhaltensweisen, die seine Objektivität behindern oder sogar vollends zunichte machen würden. Er verspürte einen leichten Schauder bei diesen Gedanken.
Dank intensiver Vorarbeiten hatte er von Dritten viel über libanesische Höflichkeit gelernt; und diese Formalien und Floskeln erschienen ihm wie ein rettender Anker. Sie waren für ihn Anlass genug, zu intensiven Kontakten in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Aber seine Feuerprobe hatte dieser Verhaltenskodex, der zugleich die Grundlage für den Informationsaustausch bildete, ja noch zu bestehen; wie gut sie die vor ihm liegende Aufgabe tatsächlich vereinfachen würde, lag zu diesem Zeitpunkt noch völlig im Ungewissen.
Aber wenn er wirklich menschliche Nähe erfahren würde... Er hoffte, dass er niemals in die Versuchung käme, Gefühle zeigen zu müssen.
Seine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als plötzlich ein Schatten auf ihn fiel. Er blickte überrascht auf und erkannte den jungen Studenten, der ihm vorhin im Einschreibungsbüro aufgefallen war. Ahmad machte eine nervöse, zugleich jedoch einladende Handbewegung. Er wies auf den freien Platz auf der Bank neben sich.
„Setz dich neben mich, wenn du magst. Ich heiße Ahmad Johar”, sagte er freundlich, aber mit etwas Verunsicherung in der Stimme, und reichte ihm die Hand. Sein Gegenüber ergriff sie sofort und lächelte dabei.
Ahmad war völlig perplex, denn dieser rasche Kontakt mit einem Einheimischen kam für ihn völlig unerwartet. Libanesen sind üblicherweise gegenüber Fremden sehr zurückhaltend, trotz aller in der Öffentlichkeit zur Schau gestellten arabischen Freundlichkeit.
„Mouad Bribire.” Er schien Ahmads Verunsicherung nicht wahr zu nehmen, zumindest ließ er sich nichts anmerken.
Dennoch musterte er Ahmad genau:
Dessen dunkelblondes, kurz geschnittenes Haar verlieh ihm eine jugendliche Ausstrahlung, die durch den drahtigen, durchtrainierten Körper noch betont wurde. Seine bronzefarbene Haut, möglicherweise ein Ergebnis einer ganzen Reihe von Vorfahren aus den verschiedensten Regionen dieses Planeten, gab ihm die Ähnlichkeit mit einem arabischen Athleten, der aus einer Phantasieerzählung aus Tausendundeiner Nacht entsprungen sein könnte. Die dunkelbraunen Augen schauten sein Gegenüber durchdringend an. Dieser Eindruck wurde noch durch die scharfgeschnittene Nase und einen energischen Mund unterstrichen. Ein kurz geschnittener, dunkelblonder Bart umrahmte seine Gesichtszüge. Jedoch kontrastierte dieser längst nicht so stark mit seiner Haut wie derjenige von Mouad.
Ahmad schien zudem eine Vorliebe für Outdoorbekleidung zu haben: Er trug eine olivfarbene Hose mit mehreren, durch Druckknöpfe verschließbaren Außentaschen sowie ein sandfarbenes Hemd, das zwei große Brusttaschen hatte und ausgezeichnet zur Hose passte.
Mouad setzte sich neben ihn.
„Was willst du denn studieren?”, begann dieser zwanglos.
„Geologie und Journalistik”, entgegnete Ahmad, wobei er darauf achtete, möglichst distanziert und desinteressiert zu wirken.
„Ich auch”, antwortete der junge Libanese freundlich.
Ahmad erwiderte zunächst nichts. Er begann sich in seiner Haut unwohl zu fühlen. Wieso interessiert sich dieser Mann eigentlich für so etwas Belangloses? Er ordnete dieses Frage- und Antwortspiel in die Rubrik ,Annäherungsversuche von Terranern’ ein.
So etwas musste unbedingt verhindert werden, jedoch nicht mit brüskem Verhalten.
„Das ist aber ein doch recht großer Zufall”, begann er schließlich abwägend in sachlichem Tonfall. Er wollte so neutral wie möglich auftreten.
Aber sein Gegenüber schien seine verhaltene, abweisende Art nicht als solche zu interpretieren.
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