Doch er winkte energisch ab. „Um keinen Preis!“ rief er entrüstet. „Hier sitzen nur die Verlierer.“
Das verstand ich natürlich nicht, und so fragte ich nach. „Verlierer?“
„Ja!“ sein Tonfall blieb barsch und mit sturem nach vor gerichteten Blick marschierte er weiter gerade aus. „Das ist das Stammlokal der erfolglosen Zocker. Allesamt mit Spielbankverbot ausgestattet. Die von denen zusammen verspielte Summe reichte aus, um mit einem saudischen Prinzen konkurrieren zu können.“
„Woher weißt Du das bloß alles?“ Und ich war tatsächlich erstaunt, was mein neuer Freund alles parat hatte.
„Eigentlich bin ich selbst Mitglied in diesem Club!“ antwortete er trocken. „Mich mit denen aber zusammen zu hocken, kommt nicht in die Tüte.“
„Wie?“ fragte ich nach. „Mitglied in welchem Club?“
„Nun, kein wirklicher Club.“ begann Rontrop zu erklären. „Es ist eigentlich nur eine bestimmte Clique. Alles Geächtete, haben Haus und Hof verspielt. Können sich in keinem Casino der Welt mehr blicken lassen. Da gehen sozusagen schon im Foyer die Sirenen los und die Sprinkleranlage wird ausgelöst. Gilt im Übrigen auch für mich, damit Du´s weißt. “ Er schüttelte nun aber noch heftiger den Kopf. „Aber deshalb mit denen am gleichen Tisch sitzen, um die Wetter jammern? Nicht ums Verrecken, sage ich Dir. So tief kann ich gar nicht sinken.“
Ich blieb geschockt stehen. „Du meine Güte!“ rief ich aus. „Dir sieht man den Spieler gar nicht an.“
„So?“ auch Rontrop war stehen geblieben. „Dann erzähl mir mal, wie ein Spieler aussieht?“ Doch ohne meine Antwort abzuwarten redete er weiter: „Wie oft warst Du in einer Spielbank? Dreimal? Vielleicht fünfmal? Bist mit ein paar Scheinchen in der Tasche rein, und als die erste Hälfte futsch war, hast Du es mit der Angst bekommen und bist schnell wieder nachhause gelaufen. Ich aber erkenne die Zocker. Egal wie gut sie sich auch verstellen. Ich sehe es Ihnen in Sekundenschnelle an. Und wenn wir gleich im Café sitzen, dann kann ich sie Dir zeigen. Die zum Beispiel, die schon völlig am Ende sind. Obwohl: Die erkennt man ja noch leicht. Wie sie mit ihren wirren Blicken zum Casino hetzen. Gequält, weil sie es nicht ertragen könnten, vielleicht die erste Kugel zu verpassen. Sie sitzen auf den Bänken vor dem Portal, notieren sich ihre neuesten Kombinationen. Verkrampfen ihre Fäuste in den Taschen, dort, wo sie die Rolle mit den letzten Scheinen festklammern. Mit ihren ausgeleierten Anzügen, ausgetretenen Schuhen und irgendeiner bunten Krawatte, damit sie am Eingang nicht abgewiesen werden.“ Er machte ein verächtliches Gesicht. „Ich sage Dir, die erkennst auch Du. Aber die Zocker, die noch nicht so weit unten sind, die sehen anders aus. Sie haben noch Glück, gewinnen immer wieder einmal, machen nicht selten sogar richtig Gewinn, fünf- und sechsstellig, manchmal mit dem letzten Chiton. Voll auf Risiko. Die fühlen sich noch unbesiegbar. Werfen mit ihrem gewonnenen Zaster um sich, wie Karnevalsprinzen mit Kamellen. Feiern, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber anstatt das Geld zu bunkern, laufen die direkt nach zwei Flaschen Champagner wieder erneut ins Casino. Setzen in ihrem Wahn alles, was sie gerade gewonnen und noch nicht versoffen haben. Und wenn sie dann zu allem Übel sogar nochmal gewinnen, ja dann halten sie sich für Götter, wähnen sich im Besitz der magischen Zauberformel, die sie endlich unbezwingbar macht.“
Er schüttelte heftig den Kopf und war richtig außer Atem. Doch zu Ende war er noch nicht: „Und am nächsten Tag geht die Reise von vorne los. Bis sie irgendwann nur noch auf Pump leben. Oder in Wettbüros das kleine Geld setzen, um mit dem Doppelten eines Toto-Tipps sofort wieder an den Roulettetisch zu rennen.“ Rontrop lächelte bitter. „Deren Anzug ist dann nach einem Jahr auf, denn sie besitzen meist nur noch das, was sie auf dem Leib tragen. Und alle um sie herum wissen Bescheid. Das geht dann so lange, bis die Spielbank das Verbot ausspricht. Zu holen ist bei diesen armen Kreaturen sowieso nichts mehr. Sie schützen Dich dann salbungsvoll vor Dir selbst, wissend, dass sie Dich brutal auf Entzug setzen. Und sie wissen auch, dass Dich die Sucht nie wieder loslässt. Lebenslang musst Du gesperrt werden, sonst kommst Du aus diesem Kreislauf nie heraus. Keinen Fuß mehr kannst Du in einen Spielsaal setzen. Am Foyer ist überall für Dich Schluss. Ende, aus die Maus.“
„Und Du warst einer von denen ?“ Ich war tatsächlich bestürzt.
„Ich bin einer von diesen!“ rief er, und er hatte fast Vergnügen dabei, mir das entgegenzuwerfen. „Dürfte ich noch einmal in den Spielsaal, wäre es auch nur für eine halbe Minute, ich würde alles setzen was ich besitze. Auf eine Zahl, da kannst Du gewiss sein.“ Und er lachte nun laut, und es durchdrang mich ein leichtes Schaudern. „Aber keine Bange, mein argloser Freund. Die Casinos sind weltweit gut vernetzt. Ich komme nicht einmal mehr beim Teddy-Bingo zum Spielen.“
Was mich besonders beeindruckte war aber die Art und Weise, wie mir Rontrop diesen Umstand und seine Vergangenheit nahe brachte. Er erzählte es so, als würde bei einem vergnüglichen Nachmittagskaffee, mit Likör und Käsekuchen, von einer flüchtigen Tanzbekanntschaft plaudern. Es schwang weder Wehmut mit, noch klang Bitterkeit in seinen Worten. Er schien mir mehrere Kilometer Abstand zu seiner eigenen Geschichte eingenommen zu haben, hoch sitzend auf einem grün bemoosten Hügel, mit einem Fernglas vor den Augen ein napoleonisches Feldgefecht beobachtend, welches im Detail noch gut erkennbar, doch durch die Distanz zu einer völlig gefahrlosen Kurzweil geneigte. Geschützdonner und Pulverdampf in vollen Zügen Gewahr nehmend, doch in keinem Moment um Leib und Leben fürchtend. Auch fehlte Verbitterung in vollkommener Art, ebenso, wie Selbstmitleid oder eine Zuweisung von Schuld an das Schicksal. Doch am meisten erstaunte mich das schier unendliche Vakuum eines Bedauerns.
Er erzählte mir auf dem noch vor uns liegenden Weg in die Stadt in kurzen, fast sogar farblosen Sätzen seinen Werdegang vom jungen Ingenieur der Elektrotechnik zum Berufsspieler. Als Sohn nicht unvermögender Eltern wuchs er in finanziell sorgenfreier Atmosphäre auf, und er erbte früh eine Villa in privilegierter Lage dieser Stadt, ein paar Eigentumswohnungen sowie ein anschauliches Sparkonto. Er selbst arbeitete bei einem deutschen Vorzeigekonzern als Nachwuchsingenieur, verdiente zu dieser Zeit schon passabel, und hätte sich insgesamt keine existenziellen Sorgen um seine Zukunft mehr zu machen brauchen. Jugendlicher Übermut, ein paar wilde Partyjahre, lockere Gesellschaften und der lokale Usus, die örtliche und schillernde Spielbank zu besuchen, waren auch für ihn zunächst keine Gefahr. Doch er hatte irgendwann Blut geleckt. In kleinen, dafür aber umso gefährlicheren Schritten, verfiel er dem Glücksspiel immer mehr.
Er gewann zum Teil enorme Summen, kaufte sich einen englischen Sportwagen, machte auf Playboy, vernachlässigte seine Arbeit, flog schließlich raus. Doch was machte das schon? Er hatte ausreichend kapitale Mittel, und das lockere Leben war ohnehin viel schöner. Es trat die Phase des häufigen Verlierens bei ihm ein. Tückisch, denn dieser Dämon möchte den Niedergang durch Verzögerung, Täuschung, mit wohldosierter Einstreuung wiederkehrender Ermutigung noch eine Zeitlang genießen können. Das Ende kennt er natürlich, doch sein Spaß besteht darin, dieses trickreich zu verschleiern, um dann, mit anschwellendem Getöse, das unausweichliche Finale wie ein Höllenfeuer zu besiegeln.
Anfänglich wurde nur das Sparbuch geplündert. Es folgten die ersten Hypotheken auf Villa oder Eigentumswohnungen. Die Bankmitarbeiter zeigten sich unberührt, war es doch ein zunächst weder auffälliges, noch ungewöhnliches Unterfangen, was der junge Kunde wollte. Dieser begann zu lügen, erzählte von Geschäftsvorhaben, Investitionen, zuletzt von Baumaßnahmen. Mit dem frischen Geld in Händen rannte dieser aber sofort an den Roulettetisch. Mit einer neuen Kombination im Kopf, mit den Notizen des Vortages, Reihen von Pair und Unpair, Tischnummern mit auffälligen Serien oder häufig gefallenen Zahlen. Ja er beobachtete die Croupiers, merkte sich deren Art wie sie die Kugel in den Kessel gleiten ließen, versuchte Ableitungen, Wahrscheinlichkeiten, legte seine Chitons, zog sie kurz vor dem `Rien ne vas plus´ wieder panisch zurück oder verschob sie auf eine zuvor verworfene Reihe. Er gewann nicht selten fünfstellig. Dann tauschte er an der Kasse seine Chitons gegen Bargeld, steckte es in seine Anzugtaschen und nahm sich vor, ein rauschendes Fest zu feiern. Gleichzeitig sollte nun aber auch endgültig Schluss sein. Mit diesem satten Gewinn könnte es einen standesgemäßen Abschluss geben: nie wieder spielen.
Читать дальше