Gegen Mittag klingelte es an Maries Wohnungstür. Während ihre Mutter öffnete, war sie der festen Überzeugung, dass ihre Tochter zurückgekehrt sei. Als sie den fremden, älteren Mann mit Bart, der ein seltsames Gewand in den Farben rot und gold trug, in ihrer Türschwelle stehen sah, dachte sie zuerst, sie würde träumen. Das war schließlich nicht möglich! Was sollte so ein fremd aussehender Mann in diesem komischem Bademantel in ihrer Wohnung zu suchen haben? Als der Mann dann auch noch zu sprechen anfing und ihr irgendetwas von Löwen, einem anderen Land, einem Flugzeug, der Schule und ihrer Tochter zu berichten versuchte, konnte sie nicht anders. Sie musste lachen. Sie lachte und lachte, bis sie nicht mehr konnte. Sie freute sich schon darauf, ihren Freundinnen von dieser dummen Halluzination zu erzählen. Doch der Mann hörte nicht auf zu reden. Besorgt sah er sie an und zog sie auf einen Stuhl. Langsam begriff sie, dass das hier die Realität war. Jetzt war sie total verwirrt. Mit offenem Mund starrte sie den Mann an, der seine Ausführungen jetzt wieder von vorn begann. Sie verstand nichts. Das Einzige, was sie in diesem Moment im Stande zu begreifen war, war dass der Mann sie dazu aufforderte, ihrer Tochter einen Koffer zu packen und ihm mitzugeben, da diese für längere Zeit verreisen würde. Nach einer Stunde verschwand der ungebetene Besucher plötzlich wieder. Zitternd und verwirrt ließ sich die Frau in einen Sessel fallen. Als sie aus dem Fenster sah, erklärte sie sich selbst endgültig für verrückt. Vor ihren Augen schwang sich gerade ein riesiger Vogel in die Lüfte. Auf ihm saß der seltsame Mann. Zum Glück erfuhr sie wenig später, dass sie nicht die Einzige war, die so einen Besuch bekommen hatte. Diese Geschichte bot monatelang Gesprächsstoff für Frau Schneider und sie.
Wenig später saßen die drei gemeinsam im Flugzeug. Leo fragte sich zwar, ob Marie und er nicht ganz bei Trost waren, einfach auf so eine merkwürdige Einladung einzugehen, aber der Junge, der neben ihnen saß machte einen freundlichen Eindruck. Außerdem war da so ein Gefühl, das sich in seiner Magengegend ausgebreitet hatte… er musste einfach erfahren, was als nächstes passieren würde. Und wenn sie wirklich dazu ausgewählt worden waren, an eine andere Schule in einem anderen Land zu gehen, warum sollte er ablehnen? Seine alte Schule würde er jedenfalls nicht vermissen. Plötzlich fragte Marie, der bei dem Gedanken etwas unwohl zumute war: ,,Was ist überhaupt mit unseren Koffern?“ ,,Mit welchen Koffern?“, fragte Leo bestürzt und ohne richtig Nachzudenken. Aus irgendeinem Grund befürchtete er, dass sie jetzt doch von diesen komischen Leuten ausgetrickst und bestohlen worden waren. Aber da irrte er sich. ,,Na, wir haben doch keine mitgenommen!“, rief Marie, während sie sich entsetzt gegen die Stirn schlug, ,,Was sollen wir denn in einem fremden Land ohne Koffer und ohne irgendwelche Papiere machen?“ ,,Keine Sorge.“, beruhigte Jonas sie, ,,Eure Schuluniformen müsst ihr sowieso nicht kaufen. Und alles Weitere könnt ihr euch bestimmt noch besorgen. Außerdem hat Professor Hermann euren Eltern noch einen Besuch abgestattet und sie ein paar Sachen für euch zusammenpacken lassen.“ ,,Professor Hermann ist derjenige, der uns die Briefe geschrieben hat, richtig?“, fragte Marie mit zusammengekniffenen Augen. Jonas nickte. Eine Zeit lang flogen sie schweigend dahin. Dann fragte Leo mitten in die Stille hinein: ,,Was machst du eigentlich so in deiner Freizeit, Jonas?“ ,,Am liebsten spiele ich Bibelkicker.“, antwortete der Junge mit leuchtenden Augen, ,,Das ist so ähnlich wie Fußball, aber noch viel cooler.“ Jetzt war Leos Interesse geweckt. Ein Hobby, dem er neben Klavierspielen noch nachging, war Fußball. Zwar hatte er im Verein nur für ein paar Monate gespielt, aber dafür häufig mit Freunden oder seinen Brüdern. ,,Kannst du mir erklären, wie genau das geht?“, fragte er. ,,Na klar.“, meinte Jonas erfreut, ,,Also, wie gesagt: es geht so ähnlich wie Fußball. Nur, dass wenn ein Tor geschossen wird, der Kartenzieher eine Karte aus der Urne zieht und Fragen stellt. Zum Beispiel: ,,Nenne zwei Söhne von König David.“ Und dann hat die Mannschaft 25 Sekunden Zeit, um sich zu beraten. Wenn die Antwort richtig ist, gilt das Tor. Wenn nicht, gilt es nicht und die gegnerische Mannschaft erhält den Ball. Weiß die Mannschaft die Antwort auf eine Frage nicht, sagt sie einfach nichts. Dann gilt das Tor zwar nicht, aber immerhin behält die Mannschaft in diesem Fall den Ball. Ach ja, und dann gibt es noch besonders schwierige Fragen. Leider habe ich keine Ahnung, wie so eine Frage lauten könnte, da sie schon lange nicht mehr gezogen wurden. Aber ich weiß, dass die Mannschaft, bei der sie gezogen wird, gewonnen hat, wenn sie sie richtig beantwortet. Wenn nicht, hat sie verloren. Nachdem eine solche Karte gezogen wurde, ist das Spiel also definitiv vorbei. Ansonsten gibt es noch Aktivitätskarten. Das sind Aufgaben wie: ,,Macht zehn Kniebeugen innerhalb von 15 Sekunden.“ Wenn jede Mannschaft so eine Karte hatte, ist das Spiel ebenfalls beendet.“ Leo schien dieses Spiel sehr zu gefallen. Die beiden Jungen redeten und redeten. Währenddessen schaute sich Marie ein wenig in diesem Bereich des Flugzeugs um. Was von außen große Ähnlichkeit mit einem normalen Flieger hatte, sah von innen ganz anders aus. Die Sitze waren mit roten Kissen gepolstert und es gab keine Fenster. Weiter vorn hatte sie jedoch welche gesehen. Die Wände und der Boden waren mit dunklem Holz vertäfelt. Das Merkwürdigste war jedoch, dass es kein elektrisches Licht gab. Überall brannten Kerzen. Das gedämpfte, flackernde Licht ließ Marie einige goldene Inschriften an den Wänden erkennen. Sie las sie. An der Wand ihr gegenüber stand: Der HERR ist mein Hirte, es wird mit an nichts mangeln. Und darunter: Psalm 23,1. Als sie dies und auch noch ein paar andere Sätze las, entspannte sie sich sichtlich. Sie kannte diese Verse aus der Bibel. Und sie schienen ihr ein weiterer Beweis dafür zu sein, dass sie diesen Menschen vertrauen konnte. Auf einmal schwang eine Tür auf. Herein kam eine freundlich lächelnde Stewardess, einen quietschenden Servierwagen, auf dem dutzende Köstlichkeiten standen, vor sich herschiebend. ,,Was darf´s sein?“, fragte sie freundlich. ,,Eine Tüte Rotstammbaumstückchen, bitte.“, antwortete Jonas, während er in seiner Tasche nach Geld kramte. Nachdem er es endlich geschafft hatte, die Münze aus seiner Tasche herauszukramen und zu bezahlen, führte die Frau ihren Weg fort, das quietschende Wägelchen immer vor sich her schiebend. Jonas riss die Tüte auf. Heraus fielen kleineAststücke.,,Wasistdas?“,fragteMarie argwöhnisch. ,,Rotstammbaumstückchen.“, antwortete Jonas, ganz so, als wäre keine weitere Erklärung nötig. Doch dann fügte er noch hinzu: ,,Der Rotstammbaum wächst nur in Iria. Sein Holz ist essbar. Die Rinde allerdings nicht. Aber man kann sie leicht ablösen. Bei den gekauften Stücken befinden sich unter der Rinde Zettelchen mit Botschaften.“ Leo nickte wissend. ,,Also so ähnlich wie bei Glückskeksen.“ Auf Jonas verwirrten Blick hin reagierte er nicht. Also aßen die drei den Rest der Reise lang das süß schmeckende Holz und unterhielten sich. Nachdem das Flugzeug schließlich gelandet war, stiegen sie aus und holten ihre Koffer. Zu Leos und Maries Erstaunen befanden sie sich nicht etwa auf einem Flughafen, sondern auf einem großen Bahnhofsvorplatz, der Teil einer kleineren Stadt zu sein schien. Doch sie hatten keine Zeit, sich eingehender umzuschauen, denn in diesem Moment sah Jonas bestürzt auf die große Bahnhofsuhr und trieb sie zur Eile an. ,,Jetzt aber schnell.“, sagte er, ,,Wir müssen in zehn Minuten bei dem großen Platz sein. Dort wird uns Emanuel einer der drei Schulen zuteilen.“ Verwirrt sah Leo ihn an. Dann fragte er vorwurfsvoll: ,,Wer ist dieser Emanuel überhaupt? Du redest von ihm, hast aber die ganze Zeit noch kein einziges Wort darüber verloren, wie er ist.“ ,,Lasst euch überraschen.“, sagte Jonas geheimnisvoll.“ Dann drehte er sich um und rief unvermittelt: ,,Oh, da drüben ist ja meine Schwester!“ Ein Mädchen mit rotbraunen Haaren in einem grünen Kleid kam auf sie zu. ,,Hallo, Jonas!“, rief sie, als sie ihn erkannte, ,,Und wer seid ihr beide?“ Fragend musterte sie Leo und Marie. ,,Wir heißen Leo und Marie.“, stellte Marie Leo und sich vor. ,,Aha.“, sagte das Mädchen und lächelte sie an. Dann durchfuhr ein hektischer Zug ihr Gesicht. ,,Dann lasst uns schnell zu der Versammlung gehen.“,,Was meinst du, Lisa?“, fragte Jonas seine Schwester, während sie durch die schmalen Gassen der Stadt gingen, ,,Auf welche Schule werde ich wohl kommen?“ ,,Na hoffentlich entweder nach Firaday oder nach Terabehnas.“, sagte Lisa und versuchte zu lachen, ,,Mama und Papa sind da ja auch hingegangen.“ ,,Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass ich auch auf eine dieser Schulen komme.“, erläuterte Jonas eifrig, ,,Ich meine, na gut, wahrscheinlich ist es schon, aber du zum Beispiel gehst ja trotzdem nach Sinistro.“ ,,Ja, ja, ist ja gut.“, stoppte Lisa seinen Redeschwall und machte wieder eine ihrer hektischen Gesten. ,,Was sind das überhaupt für Schulen?“, fragte Leo in diesem Moment. Jonas drehte sich zu ihm um und erklärte es. ,,Es gibt drei Schulen“, fing er an, ,,Sinistro, Terabehnas und Firaday. Jede Schule hat ihr eigenes Geheimnis. Das kennt nur Emanuel und er kann die Schüler deshalb der passendsten Schule zuteilen.“ ,,Aber“, fing Marie an, ,,Wenn wir jetzt auch auf eine dieser Schulen kommen, müssen wir doch auch irgendwo in diesem Land wohnen, oder?“ Jetzt lachte Jonas. ,,Na klar.“, sagte er, ,,Ihr wohnt während der Schulzeit in der Schule, genauso wie alle andere Schüler auch. In den Ferien dürft ihr, wenn ihr wollt, eure Familien besuchen.“ ,,Aha.“, machte Leo und verzog das Gesicht. Die Vorstellung, auf ein Internat gehen zu müssen, ließ ihn nicht gerade einen Jubelanfall bekommen. ,,Und warum bist du schon auf einer dieser Schulen, Lisa?“, fragte Marie jetzt an das in sich gekehrte Mädchen gewandt. ,,Ich bin ein Jahr älter als Jonas.“, erklärte sie, ,,Letztes Jahr kam ich nach Sinistro nachdem...“ Plötzlich stockte sie. Dann kniff sie ihre Lippen fest zusammen, so als dürfe kein Wort aus ihnen herausdringen.
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