Und ich hatte es die ganze Zeit nicht bemerkt, weil ich mich einfach felsenfest auf meine Kiwi verlassen hatte. Zuerst war mir die Situation total peinlich, aber dann musste ich doch mit den Umstehenden laut mitlachen. Ich hoffte nur inständig, dass sich Kiwi am nächsten Tag bei der Prüfung diesen ‚Scherz‘ nicht erlauben würde. Am Prüfungstag war ich sehr aufgeregt und total nervös. Kiwi spürte das natürlich auch und ich wusste nicht, wie sie damit umgehen würde, da sie erst knapp eineinhalb Jahre alt war. Als einige der Kandidaten vor uns mit ihren belgischen Schäferhunden durch die Prüfung rasselten, weil deren Hunde ebenfalls die Nervosität ihrer Halter gespürt und die Übungen deshalb nicht mehr korrekt ausgeführt hatten, wurde ich immer nervöser. Endlich waren wir an der Reihe. Wir betraten den Übungsplatz und begannen mit der ersten Übung. Dabei ging es darum, den Hund innerhalb kürzester Zeit durch die Kommunikation des Hundeführers zum Spielen zu animieren, ihn dann mit einem Spielzeug zu bestätigen und danach den Hund ins Platz zu kommandieren. Kiwi hatte wohl gespürt, dass es heute um alles ging und legte sich ins Zeug wie nie zuvor. Wer schon mal versucht hat einen Labrador innerhalb weniger Minuten aufzudrehen, weiß wie schwer das ist, schließlich saugen sie die Gemütsruhe bereits mit der Muttermilch ein! Wir gingen vom Platz und ich freute mich sehr mit meinem Hund. Als nächstes stand die Unterordnungsübung an, die am Vortrag total schief gelaufen war. Ich war also noch aufgeregter als vorher. Wir gingen auf den Platz und Kiwi war wie ausgewechselt.
Sie führte die Übung diesmal perfekt aus. Sie trabte neben mir her und befolgte alle Anweisungen schnell und präzise. Ich platzte fast vor Freude! Auch diese Übung haben wir erfolgreich beendet. Nun folgte Kiwi‘s Paradedisziplin, das Apportieren. Sie blieb ruhig sitzen bis das Apportel geworfen war, stürmte auf Kommando los um es zu holen und brachte es noch schneller zurück. Das war geschafft! Daraufhin folgte die Übung Sitz und Platz auf eine Distanz von zehn Metern und Abruf in die Fuß Position. Zuerst kommandierte ich Kiwi ins Sitz, entfernte mich zehn Meter von ihr und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. Dann drehte ich mich um, wartete kurz und kommandierte Platz, was Kiwi auch sogleich ausführte. Als ich gerade Sitz sagen wollte, führte es Kiwi bereits aus und eine Sekunde später sprach ich es aus. Da der Prüfer dachte, ich hätte reflexartig auf das Sitzen meines Hundes das Kommando nachgeschickt, bekam ich keinen Punktabzug. Dabei war ich ja unmittelbar davor das Kommando auszusprechen und habe nicht erst auf Kiwis Sitz reagiert. Aber das war bis heute Kiwis und mein Geheimnis. Danach rief ich Kiwi zu mir und sie führte das Kommando sofort aus und saß bei Fuß. In mich rein grinsend verließen wir den Platz. Als nächstes wartete auf uns die Aufgabe, dass Kiwi ohne Leine bei Fuß mit mir an einer freilaufenden Entengruppe vorbei musste. In einem Meter Entfernung zu den Enten musste Kiwi ins Platz gelegt werden und ich ging außer Sichtweite und wurde vom Richter nach einiger Zeit wieder gerufen, um den Hund abzuholen. Dabei musste Kiwi nochmals an den Enten vorbei und zu mir in die Fuß Position kommen. Kiwi machte super mit, sie blieb ohne Leine bei mir, legte sich sofort ins Platz, wartete ruhig neben den Enten und kam angeschossen, als ich sie abrief.
Anschließend wartete die nächste Aufgabe auf uns. Nun mussten wir an einer angebundenen Ziege vorbei und auch dort musste ich Kiwi ablegen, um sie anschließend wieder abzurufen. Kiwi war interessiert an der Ziege, hatte aber auch den nötigen Respekt vor ihr. Sie folgte mir, legte sich zögerlich ins Platz, da ihr die unmittelbare Nähe der Ziege Respekt einjagte und als ich sie abrief, raste sie zu mir und wir verließen zusammen den Platz. Endlich hatten wir den praktischen Teil der Prüfung abgeschlossen und ich war mächtig stolz auf meinen Hund und mich. Wer hätte das gedacht, dass mein Hund stärkere Nerven beweisen und mir von Beginn der Prüfung an vermitteln würde, dass wir das Ding schon schaukeln werden!
Zum Abschluss wurde ich nochmal in Theorie geprüft und strengte mich sehr an, da Kiwi schließlich auch alles gegeben hatte. Bis zur Verkündung des Prüfungsergebnisses konnten wir es kaum aushalten, dann war es soweit. Wir wurden in den Prüfungsraum gebeten und erhielten alle unsere Bewertung. Das unglaubliche war geschehen: Kiwi und ich hatten von den rund zwanzig Teilnehmern den zweiten Platz belegt! Nur eine Hundeführerin mit einem Riesenschnauzer war besser als wir. Das war deshalb so unglaublich schön, weil Kiwi und ich während des Trainings immer etwas belächelt wurden, ein Labrador in so einer Prüfung neben belgischen Schäferhunden, Riesenschnauzern und Jack Russel Terriern. Aber wir haben ihnen gezeigt, dass auch ein Labrador schnell, wendig und triebstark sein kann und darüber hinaus Nerven wie Drahtseile hat!
Amigo und Penny – Meine ersten Blindenführhunde
Als ich die Ausbildung zum Blindenführhundtrainer begann, bekam ich zwei Hunde als Schüler. Einen schwarzen Großpudelrüden namens Amigo und eine schwarz-graue Schäferhündin namens Penny.
Amigo war ein sensibler Hund, der sehr schnell lernte. Er war von jeder neuen Übung begeistert und entwickelte sich zu einem eifrigen Schüler. Penny war ein ganz anderer Charakter. Sie war zwar ebenfalls sehr gelehrig, aber sie brauchte auch einen starken Rudelführer, der ihr immer mal wieder klar machte, wer der Chef ist. Durch Penny lernte ich sehr viel über Durchsetzungsvermögen und was ein Rudelchef so alles mitbringen muss, um einen Hund von seiner Führungsqualität zu überzeugen.
Nach den ersten zwei Monaten der Ausbildung erfolgte die erste von drei Qualitätsprüfungen der Hunde. In der ersten Prüfung mussten die Hunde zeigen, ob sie Sitz, Platz und Fuß, sowie das Herankommen verstanden hatten. Darüber hinaus mussten sie auf einem geraden Gehweg in der Stadt führen, die Richtungsänderungen nach rechts und links durchführen, eine Kehrtwendung machen, sowie eine Sitzgelegenheit auf entsprechendes Hörzeichen aufsuchen. Meine anfängliche Nervosität legte sich nach den ersten Übungen, denn es lief sehr gut. Ich bekam meine Gratulation zur ersten bestandenen Prüfung und war sehr stolz auf meine Hunde und mich.
Nach weiteren drei Monaten erfolgte die zweite Prüfung. Diesmal war ich noch aufgeregter, weil mein Ausbilder selbst mit meinen Hunden die Prüfung absolvierte und ich nicht dabei sein durfte. Nun würde sich zeigen, ob meine Blindenführhunde auch einer fast fremden Person das Gelernte zeigen würden oder nicht. Ich hielt die Spannung kaum aus, bis der Ausbilder nach zwei Stunden endlich wieder mit beiden Hunden erschien. Beide Hunde hatten, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die bisher gelernte Führarbeit gezeigt und bestanden. Ich war überglücklich!
Es folgte der Endspurt der Ausbildung. In dieser Zeit trainierte ich ausschließlich in Großstädten wie Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden. Dabei mussten die Hunde alle vierzig Kommandos ausführen, die ein Blindenführhund insgesamt beherrschen sollte. Ich fuhr mit meinen Hunden Bus, U-Bahn, S-Bahn sowie Zug. Darüber hinaus mussten sie unbekannte Wege laufen und Nahziele wie Treppen, Türen, Aufzüge, Sitzgelegenheiten, Briefkästen, Schalter, Automaten, Ampeln und Zebrastreifen suchen. Bei diesem Training wurde zeitgleich der Blindenstock eingesetzt, damit sich beide daran gewöhnten. In dieser Trainingsphase wurden auch verschiedene Gänge von mir unter der Dunkelbrille vorgenommen, wobei ein zweiter Trainer immer hinterherlief. Dieser teilte mir in bestimmten Abständen meinen Standort mit, damit ich dem jeweiligen Hund das richtige Kommando geben konnte. Dieses Training forderte immer meine volle Konzentration, da ich mich auf meine verbliebenen Sinne verlassen musste. Auch meine Hunde mussten sich erst auf meinen nun etwas unsicheren Gang einstellen.
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