Plötzlich bemerkte Siegfried, wie sich eine kleine Welle auf den Käse zubewegte. Als die Welle den Käse erreicht hatte verschwand er. Wie befohlen drückte Siegfried ab. Die Patrone im ersten Lauf ging nicht los, aber als er den Abzug ganz durchzog, gab es einen Knall so laut, dass seine Ohren zu pfeifen begannen, als das Echo vom Waldrand verklungen war. Der Rückschlag überraschte ihn und mit voller Wucht knallte der Gewehrkolben seitlich an seine Nase. Das Gewehr entglitt seiner Hand und wäre zu Boden gefallen, wenn Jenkins die Waffe nicht aufgefangen hätte. Der Butler fluchte, denn am heißen Lauf hatte er sich die Hand verbrannt. Durch die glasbodendicken Brillengläser sah der Blick, den er Siegfried zuwarf, absolut tödlich aus. Aus Siegfrieds Nase tropfte Blut auf die Levis. „Sauberer Schuss“, lobte von Stackelmann. Siegfried schaute auf den See zu der Stelle wo der Käse verschwunden war. Dort trieb mit dem gelbgrünen Bauch nach oben ein Krokodil von etwa einem Meter Länge. In der Mitte des gelbgrünen Bauches ruhte der Lichtpunkt aus von Stackelmanns Laservisier. „Jetzt pass auf“, sagte von Stackelmann.
Mit pochendem Herzen sah Siegfried eine neue Welle auf das tote Krokodil zutreiben. Sie war so hoch, dass sie sich sogar überschlug. Siegfried hatte das Gefühl, gleich würde in der Seemitte ein U-Boot auftauchen.
Es war aber kein U-Boot, sondern ein riesiger Kaiman, der seinen toten Artgenossen zum Frühstück verspeisen wollte. Während Siegfried die Luft anhielt, schoss das aufgerissene Maul des Krokodils aus dem Wasser. Es hatte locker die Ausmaße der Motorhaube eines 76er Dodge Charger . Der Laserpunkt wanderte vom Bauch des kleinen in den Rachen des großen Krokodils und im selben Moment drückte von Stackelmann ab. Statt des Knalls gab es nur ein metallisches „Klick“, das kaum zu hören war, weil das Wasser aufbrandete, als der Kaiman seine Beute in die Tiefe riss. Siegfried begriff, dass von Stackelmanns Gewehr nicht geladen war.
Von Stackelmann und Jenkins schauten in Siegfrieds fassungsloses Gesicht, dann brachen beide in schallendes Gelächter aus. „Keine Angst, ich wollte Caesar gar nicht abknallen“, lachte von Stackelmann. „Der Bursche ist immerhin fast hundertzehn und daher richtig wertvoll. Jenkins, wenn Sie die Krokodile füttern, denken Sie daran, das Caesar schon gefrühstückt hat.“ Dann wandte er sich an Siegfried. „Und, wie war es? Jetzt sag bloß nicht, dass dir das kleine Krokodil Leid tut. Das gäbe eine Sechs Minus in Amoral.“ Siegfried beschlich das Gefühl, dass er an seiner Amoral noch arbeiten müsste. Wie wollte er denn ein Superschurke werden, wenn es ihm schon gegen den Strich ging, mir nichts, dir nichts ein Krokodil zu töten? Sollte die Rache an Galaktoman an seinem Mitleid für Reptilien scheitern? „Tut mir Leid wegen dem Gewehr, Jenkins“, entschuldigte er sich. „Aber wenigstens habe ich getroffen.“ Dass es die typische Fehlzündung gegeben hatte, störte ihn im Augenblick nicht.
Jenkins schaute keineswegs versöhnt. Also reichte ihm Siegfried die Hand.
Der Butler nahm sie und dann ging alles blitzschnell. Siegfried fühlte, wie Jenkins ihn um die eigene Achse drehte und dann mit einem Tritt in den Rücken zu Fall brachte. Siegfrieds Gesicht tauchte in den Matsch des Seeufers. Er bekam kaum noch Luft. „Die korrekte Anrede ist Mister Jenkins und Sir“, zischte der Butler. „Der einzige Mensch, der mich wie einen Butler anreden darf, ist Doktor von Stackelmann. Es wäre für uns beide schmerzlich, wenn ich dich eines Tages nochmals daran erinnern müsste, Siegfried. Ich bezweifle mal, dass du das überleben würdest.“ Von Stackelmann schaute währenddessen gedankenverloren über den See. „Internatsregeln“, meinte er trocken. „Jenkins, Sie können ihn loslassen, ich glaube, er hat Sie verstanden.“ Siegfried fühlte voller Erleichterung, dass Jenkins´ Griff nachließ und er sein Gesicht aus dem Uferschlamm ziehen konnte.
Siegfried kochte vor Wut, während er sich aufrappelte. Pläne, wie er Jenkins und Caesar näher zusammenbringen könnte, kamen und gingen in seinem Kopf. Fürs erste schluckte er alles hinunter und nahm sich vor, das Nahkampftraining mit maximalem Eifer zu betreiben.
Und er beschloss sich zu merken, dass Caesar wertvoll war, während Siegfried nur einen gewissen Wert besaß – im Gegensatz zum wertlosen Wachpersonal. Siegfried fragte sich, ob Jenkins in dieser Werteliste über oder unter Caesar rangierte. „Zum Thema Amoral“, meinte Doktor von Stackelmann. „Ich würde sagen, ich gebe dir eine drei. Du hast abgedrückt ohne Fragen zu stellen. Das ist schon mal nicht schlecht. Aber du warst überhaupt nicht enttäuscht darüber, dass Caesar nicht ebenfalls dran glauben musste. Wenigstens hast du dir Sprüche gespart wie „Warum, Wieso, das arme Tier, wozu“ und so weiter. Dann wäre es hier nämlich vorbei gewesen. Es wird zwar harte Arbeit für mich werden, aber vielleicht wird was aus dir, Siegfried van Bowdendonk. Ich würde sagen, wir beenden den Unterricht und du machst dich vor der Fahrzeugkunde noch etwas frisch. Gib die schmutzige Wäsche einfach Carmen, dem Hausmädchen.“
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