„Ja, hab ich. Aber er ist noch nicht voll funktionstüchtig. Die Bremsen müssen erst noch repariert werden. Deshalb ... wollte ich euch eigentlich bitten, ob ich heute Abend den Ford haben kann. Ich will mit Alex ins Kino.“ Es war die erstbeste Ausrede, die ihm einfiel, um nicht den BMW benutzen zu müssen.
„Alex?“
„Ja, ... äh ... Alexandra ...“ Wenn er nur halb so rot wurde, wie er klang, musste er gerade leuchten wie eine Lampe. Sein Vater lachte.
„Tja, wenn eine Hand die andere wäscht, ist es doch was sehr Schönes. Was, Al? Und deshalb kannst Du mir am Samstag ja zum Ausgleich im Garten helfen. Ist das ein Angebot?“
„Der Schinder soll Dich ...“, begann Albert, doch die Wahrheit war … er brauchte den Ford. Er gab nach. „OK, gut, Papa. Mach’ ich.“
„Gut, ist doch ein idealer Deal.“ Sein Vater zog ihn ohne Zweifel auf, aber Albert entschied, nicht darauf einzugehen.
„Danke“, sagte er nur.
Er ging ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit einer Handvoll kalten Wassers. Den BMW wollte er auf keinen Fall fahren, jedenfalls nicht heute Abend.
Sie beugte sich zu ihm hinüber, um ihn zu küssen.
„War doch ein genialer Film, hm?“
Er erwiderte ihren Kuss.
„Ja, ... ich hab’ aber nicht allzu viel davon mitgekriegt“, gestand er mit einem Lachen. Dank ihr. Albert startete den Motor des Fords. Am Steuer des Wagens seiner Eltern fühlte er sich wohl.
„Wann legst Du Dir einen eigenen Wagen zu?“, fragte Alex, die den Kopf an seine Schulter gekuschelt hatte. Ihr Haar floss über seine Schulter.
„Ich hab’ schon einen. Aber da müssen die Bremsen noch mal überprüft werden.“ Er entschied dieselbe Geschichte zu verwenden, die er auch seinen Eltern erzählt hatte. „Die funktionieren nicht richtig. Ich fahre ihn Morgen nach der Berufsschule gleich zu Kreuzer. Der soll ihn sich noch mal genau ansehen.“
„Darf ich mir den Wagen mal ansehen?“, fragte Alex neugierig.
„Wann?“ Albert warf ihr einen kurzen Blick zu. Um ehrlich zu sein, hätte er ihr jeden Wunsch erfüllt. Der Geruch ihres Parfums stieg in seine Nase und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
„Heute. Mich würde, so als Deine Freundin, schon interessieren, was für ‘nen Wagen mein Freund fährt.“
Röte stieg Krümmer ins Gesicht. Freundin, seine Freundin. Sein Herz schlug hart.
„Also gut, wenn Du drauf bestehst ...“, versuchte er cool zu klingen. Sie fuhren zu Albert nach Hause. Er ging ins Haus, um die Schlüssel zu holen, während Alex den BMW umrundete. Plötzlich hallte ein Schrei durch die Nacht.
„Aaaaaaal!“
Mit wachsbleichem Gesicht stürzte Alex ins Haus.
„Was ist denn los?“
Er fing sie in seinen Armen auf. Zuerst brachte sie kein Wort heraus. „Al! .. Da war jemand hinter dem Lenkrad. Ein ... Toter. Ein ...“, schluchzte sie.
„Beruhige Dich.“ Sofort kamen ihm die Erlebnisse des Nachmittags in den Sinn.
„Komm mit. Wir sehen gemeinsam nach.“
Die beiden verließen das Haus.
Albert schloss den Wagen auf. Er öffnete die Fahrertür mit einem mulmigen Gefühl, Licht fiel auf die Sitze. Der Wagen war leer.
„Bist Du sicher, dass Du Dich nicht getäuscht hast?“, fragte Albert vorsichtig. Vielleicht ein Schatten oder ein Lichtspiel … doch er wagte es nicht auszusprechen, als er ihr Gesicht sah.
„Absolut.“ Alex wurde wütend. „Denkst Du, ich erzähl’ hier irgendwelche Geschichten?!“
„Nein, natürlich nicht“ Versuchte er sie zu beruhigen. „Also gut. Vielleicht hast Du einfach noch unter dem Eindruck des Films gestanden.“ Es schien eine gute Erklärung für den Moment.
Ihr Zorn verrauchte.
„Da hab’ ich mich doch voll auf Dich konzentriert“, erinnerte sie ihn. Ihre Arme legten sich um seinen Nacken. „Darf ich heute Nacht bei Dir bleiben? Du hast wahrscheinlich recht. Ich hab die letzten Tage nicht allzu gut geschlafen“, flüsterte sie in sein Ohr. Der Vorfall mit dem Wagen war plötzlich vergessen.
Sie gingen ins Haus zurück.
Keiner der Beiden hatte bemerkt, dass eine dunkle Gestalt sie aus dem Schatten eines nahegelegenen Gebüschs beobachtete.
2. Kapitel
„Die Nacht war wundervoll, hm?“
Alex streckte den rechten Arm aus. Albert Krümmer döste noch vor sich hin.
„Ja, aber vielmehr als die letzten Tage hast Du auch nicht geschlafen“, murmelte er.
„Na und?“ Ihre Zunge liebkoste sein linkes Ohr. „Aber Du auch nicht.“
Wo sie recht hatte … er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Außerdem vollbrachte ihre Zunge Wunder darin, seine Gedanken in ganz andere Bahnen zu lenken.
„Ich hab heute keine Lust, zur Berufsschule zu fahren“, seufzte er.
„Na, dann machen wir eben blau.“ Sie rückte etwas näher an ihn heran.
„Geht nicht. Ich muss unbedingt die Prüfung schaffen. Sonst kann ich meine Mechanikerstelle vergessen.“
„Warum reparierst Du die Bremsen denn nicht selbst?“
Natürlich musste sie das fragen … sie dachte ja, es ging nur um die Bremsen. Wenn Du wüsstest, dachte Albert.
„Geht nicht. Krieg’ ich vielleicht noch unter Garantiefall durch.“
Eine lahme Ausrede, aber was Besseres fiel ihm nicht ein. Ihre straffe Brust drückte sich verlockend gegen seinen Ellenbogen und seine Gedanken schweiften unweigerlich zurück zur letzten Nacht.
„Naja, vielleicht hast Du recht. Ich ruf’ nachher mal bei Baumeister an. Haben wir halt die Grippe.“
Ernst Baumeister erschien gegen 10.00 Uhr auf der Bildfläche.
„Der Al und die Al“, witzelte er. Für diesen dummen Spruch spießte Alex ihn regelrecht mit ihren Blicken auf.
„Schaust Du mal, ob wir noch warmen Kaffee haben?“, fragte Albert sie.
Sie küsste ihn und verschwand im Haus.
„Also, Al. Was ist hier los? Ich sehe an Deinem Gesicht, dass es hier nicht um eine Überprüfung der Bremsen geht.“
Albert Krümmer erzählte seinem Freund, was gestern vorgefallen war. Auch die Beobachtung, die Alex gemacht hatte, ließ er nicht aus. Er wusste, wie es klingen musste, aber er musste das geklärt haben.
„Gut, dann nehmen wir den Wagen mal auseinander.“ Ernst rollte seine Ärmel nach oben. „Weißt Du, Al, jeden Anderen würde ich für verrückt erklären. Aber, wir kennen uns einfach zu lange, was?“, lachte er.
„Ja, wahrscheinlich“, stimmte Albert zu. Er fühlte sich erleichtert. Sie machten sich an die Arbeit.
„Woher, sagst Du, kam die Stimme?“
„Von überall. Als käme sie von allen Seiten.“
„Hmmmm. Sehen wir uns zuerst mal den Kofferraum an. Wenn dann machen wir das richtig.“
Die Beiden gingen zur Rückseite des Wagens. Albert Krümmer öffnete den Deckel des Kofferraums. Er erwartete nicht, viel zu sehen. Auf jeden Fall nicht das, was sie zu sehen bekamen. Doch zuerst war da der Gestank, unbeschreiblicher Gestank.
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