„Liebend gern“, ging das Mädchen sofort, und hörbar erleichtert, auf den Vorschlag ein.
War also doch nichts mit unserer dauernden Arroganz, wie? Krümmer musste schmunzeln.
„Ich hol’ Dich gegen acht ab, ja?“, schlug er vor und sie stimmte zu.
„Also, dann. Bis acht.“
„Ich freu’ mich schon drauf“, antwortete sie.
Da war ein unausgesprochenes Versprechen in ihrer Stimme, das Albert Krümmer nicht so recht zu deuten wusste. Er hoffte, dass es was mit Verlangen oder gar mehr zu tun hatte. Vielleicht spielte ihm da aber auch sein eigenes Wunschdenken einen üblen Streich. Trotzdem war er glücklich. Sie hatte seine Blicke also nicht übersehen, die er ihr auf dem Schulhof zugeworfen hatte! Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seinen Telefonhörer immer noch in der Hand hielt. Überschwänglich legte er auf. Viel besser konnte es kaum noch werden. Alles schien bergauf zu gehen, seit er den Wagen gekauft hatte. Da er immer noch viel Zeit hatte und er kaum stillhalten konnte, schwang er sich noch mal hinter das Lenkrad des BMW. Er fuhr ziellos durch die Stadt. Von diesem Wagen konnte er einfach nicht genug bekommen.
„Al-bert?“
Er schrak zusammen. Was war das?
„Al-bert Krümmer?“
Woher kam diese Stimme, die ihn da beim Namen rief?
Ein erschrockener Blick in den Rückspiegel verriet ihm, dass die Rücksitze leer waren. Was zum Teufel war das?
„Sieh Dich vor, Krümmer. Du wirst beobachtet.“
Albert wurde blass. Die Stimme war dunkel, tief und bedrohlich. Sie klang menschlich, aber auf eine verzerrte und unnatürliche Weise, die ihm die Nackenhaare aufstellte.
„Wer ... wer spricht da?“
Ein blubberndes Lachen ertönte. Es war kalt und herzlos … und schien von allen Seiten zu kommen. Woran erinnerte ihn dieses Lachen? Es schüttelte Albert.
„Versuch das lieber nicht rauszukriegen, Krümmer. Sonst wirst Du sterben. S-t-er-b-e-n, Krümmer. So bleibst Du, vielleicht, am Leben … kein schlechter Deal, wenn Du mich fragst.“
„Vi-vielleicht?“, stotterte Albert. Er musste sich das Ganze einbilden. Ja, bestimmt. Das konnte einfach nicht sein! Albert spürte, wie seine Unterlippe zitterte.
„Ja.“ Wieder dieses wahnsinnige Lachen. „Also, hör gut zu, Krümmer. Es wäre besser für Dich, Du würdest den Wagen verkaufen.“
„Meinen Wagen?“
Warum antwortete er überhaupt? Vielleicht verschwand die Stimme, wenn er still blieb.
„In diesem Wagen ist vor drei Jahren ein Mord geschehen. Eine Frau wurde damals ermordet. Erwürgt. In diesem prachtvollen Wagen, Krümmer.“ Die Stimme legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Was sagst Du nun? Gefällt Dir der Wagen immer noch?“
Albert stand unter Schock. Woher kam diese tiefe Stimme, die einem Horrorfilm entsprungen hätte sein können? Egal wie sehr seine Augen hin und her huschten, er konnte keine Quelle ausmachen.
„Ich bin nicht abergläubisch“, sagte er tonlos.
„Wirklich nicht?“, fragte die Stimme höhnisch. „Vielleicht solltest Du lieber damit anfangen.“
Plötzlich ertönte der gequälte Schrei einer Frau. Er endete mit einem Röcheln. Krümmer hätte beinahe das Lenkrad verrissen. Er bremste so scharf ab, dass der VW hinter ihm seinen Kofferraum beinahe zu einem kompakten Paket geschrumpft hätte. Mit wildem Hupen - und ziemlich sicher auch unter heftigen Schimpftiraden - zog der Wagen zu ihm gleichauf. Albert lenkte den BMW an die Seite und umklammerte zitternd das kühle Leder des Lenkrads.
Er stieß die Fahrertür auf.
„Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig? ... Steigt da voll in die Eisen! Hast sie wohl nicht mehr alle, Jungchen! Lern gefälligst zu fahren!“, wetterte der Fahrer ihn durch die geöffnete Fahrertür an. Er war halb ausgestiegen. Erst jetzt schien der Fahrer des anderen Wagens das kreidebleiche Gesicht von Albert Krümmer zu bemerken.
„Mensch, Junge. Alles in Ordnung?“
„Es ... es geht schon. Mir ist nur plötzlich ... schlecht ...“
Mit wackligen Knien lehnte Albert sich an den Kotflügel seines Wagens. Am liebsten wäre er in sich zusammengesackt.
„Brauchst Du einen Arzt?“, fragte ihn der Fahrer besorgt.
„Nein … nein, ich denke nicht“, wehrte Albert ab. Was sollte er auch sagen? Hey, wahlweise ich drehe gerade durch oder jemand spielt mir einen ganz urkomischen Scherz, haha.
„Ich würde Dir dringend empfehlen, nach Hause zu fahren. Du siehst wirklich nicht gut aus.“ Der Mann warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Mit diesen Worten stieg der Mann zurück in den VW und zog die Fahrertür zu.
Auch Albert stieg wieder in seinen Wagen. Er startete den Motor mit unruhigen Fingern. Er hatte Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Woher war diese Stimme gekommen? Hatte er sie sich nur eingebildet?
„Da siehst Du mal, wie leicht ein Unfall passieren kann, Albert … das wäre doch traurig, wenn Dein Gesicht als breiige Masse an Deiner Windschutzscheibe endet.“ Es klang nicht so, als wäre die Stimme auch nur im Geringsten traurig über diesen Gedanken. Sie wurde sogar noch dunkler.
„Es ist wirklich besser, Du verkaufst den Wagen.“
Ich halte das nicht mehr aus. Die Angst in ihm wurde so groß, dass er beschloss, den Wagen tatsächlich zu verkaufen. Das war es nicht wert …
Sein Blick ging auf seine Uhr: Es war gerade 18.30 Uhr. Wenn er Glück hatte, war Armin Kreuzer noch in seinem Laden. Er fuhr sofort hin.
„Das ist die richtige Richtung, Krümmer. Wer hätte es gedacht … bist wohl klüger als Du aussiehst.“
Mit laufendem Motor blieb Albert auf dem Parkplatz des Gebrauchtwagenhändlers stehen. Seine Gedanken rasten. Es musste eine rationale Erklärung für die Stimme geben.
Das war doch albern! Er würde der Sache auf den Grund gehen und den Wagen - bevor er irgendwas machte - zusammen mit seinem Freund Baumeister gründlich untersuchen. Vielleicht hatte sich irgendjemand einen Scherz mit ihm erlaubt. Es gab genug Idioten da draußen, die so was witzig fanden. Seine Hände hörten auf zu zittern. Entschlossen lenkte er den Wagen wieder vom Parkplatz der Gebrauchtwagenhandlung.
„Dumm von Dir, Krümmer.“ Blanker Hass sprang Albert entgegen. „Das wird schwere Folgen haben. Du wirst Dir noch wünschen, Du hättest Deine Chance ergriffen … Du wirst leiden, bis zur letzten Sekunde. Dafür werde ich Sorgen.“ Es war ein Versprechen.
Die Stimme verstummte. Ein eisiger Schauer lief Alberts Rücken hinab.
Er fuhr auf direktem Weg nach Hause und parkte vor dem Haus. Als er ausstieg, konnte er dem Anblick des BMW, der in der Abendsonne leuchtete, nicht mehr ganz so viel Freude abgewinnen, wie noch wenige Stunden zuvor.
Seine Eltern waren zu Hause.
„Du siehst mir nicht gut aus, Al. Was ist los?“, fragte seine Mutter besorgt.
„Alles in Ordnung. Mir war vorhin nicht gut“, flüchtete er sich in eine Ausrede. Er wollte mit seinen Eltern nicht über diese Sache reden. Am Ende lachten sie ihn noch aus.
„Und? Hast Du Dir Deinen fahrbaren Untersatz gekauft?“, fragte sein Vater aus der Küche.
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