„Hey, ich hab dich was gefragt. Hörst du mir überhaupt zu?“
„Weshalb bittest du nicht Gregor, dich hinzubringen?“, murmelte Balthasar abwesend, während er immer noch die Kreuzung betrachtete. Tassud stöhnte frustriert.
„Hast du denn nicht verstanden, was ich dir vergangene Nacht erklärt habe? Gregor und ich sind Offiziere befeindeter Staaten. Eher würde er auf meinem Grab die silvestrianische Hymne tanzen, als mir zu helfen, meinen minderwertigen bergländischen Körper zu retten.“
„Dennoch wart ihr früher befreundet.“
Tassud schwieg einen Moment. „Hat Gregor dir das erzählt?“
„Mein lieber Junge, ich hatte über tausendsechshundert Jahre Zeit, das Wesen der Menschen zu erforschen. Da kriegt man einiges mit.“
„So alt bist du schon? Ist ja irre!“
Dieser naive Ausruf klang so ehrlich beeindruckt, dass Balthasar sich dazu hinreißen ließ, dem Bären großväterlich den Kopf zu tätscheln. „Also was ist nun mit Gregor?“
„Er wird mir nicht helfen, Balthasar, dazu ist er viel zu nachtragend. Dass ich ihm aus Hamburg gefolgt bin, hat ihn gar nicht gefreut.“
„Und was ist mit Kadence? Kann sie dir nicht helfen? Gregor hat gesagt, sie hätte dich in dieses Ei gesperrt.“ Was sich vorzustellen Balthasar immer noch nicht in der Lage war.
„Schattenkapsel, nicht Ei“, verbesserte Tassud. „Und nein, sie kann mir nicht helfen, da sie nicht bei Bewusstsein war, als sie es getan hat. Im Grunde hat sie es nicht einmal selbst getan, sondern ihr Schutzgeist.“
Balthasar hielt den Rollstuhl an. „Ihr Schutz-was?“
„Der Schutzgeist ist eine Art Leibwächter, den manche mächtige Magier in unserer Welt besitzen. Wird der Magier unerträglichem psychischen oder physischen Stress ausgesetzt, schaltet sich sein Bewusstsein aus, und der Schutzgeist übernimmt die Kontrolle über seine Kräfte.“
„Du meinst, wie ein Autopilot?“
„Genau. Einer, der darauf aus ist, jede potenzielle Bedrohung kompromisslos auszulöschen. Deshalb hat Greg solche Angst, Kadence unvorbereitet in unsere Welt mitzunehmen.“
Ach so war das … gedankenversunken gab Balthasar den Rädern einen Schubs, sodass der Rollstuhl sich weiterbewegte. Erst als sie bei der Kreuzung ankamen, hielt er erneut an, um sich umzusehen.
Ja, hier war es gewesen. Dort drüben war Gregor gefallen und hatte Kadence mit sich gerissen … und der Wagen war aus Richtung Stadtmitte gekommen: Ein großes sandfarbenes Taxi, gebaut in den Sechzigern, wenn Balthasar sich nicht irrte, mit runden Scheinwerfern, breiten Kotflügeln, Stufenheck und verdunkelten Rückbankfenstern. Das Taxi war haarscharf an Kadence vorbeigesaust, genau in dem Moment, als Gregor an ihrer Hand zog. Danach war es mit röhrendem Motor auf den Hügel zum Wald gerast und verschwunden.
Was jedoch nicht verschwunden war, war eine Momentaufnahme in Balthasars Kopf: Die Zehntelsekunde, als das Taxi an ihm vorbeifuhr und er einen Blick auf den Oberkörper des Fahrers erhaschte. Es war das Merkwürdigste, was er jemals in seinem Leben gesehen hatte – und er hatte in seinem Leben wirklich schon einiges gesehen.
Balthasars Gedanken wuselten durcheinander wie ein Schwarm Kaulquappen in einer winzigen Pfütze. Sollte er Tassud in seinen Verdacht einweihen? Wieso eigentlich nicht? Schließlich waren sie beide die Opfer hier. Und natürlich Kadence …
„Wir fahren ja gar nicht weiter“, stellte der Bär gerade fest, da fasste sich Balthasar ein Herz: „Tassud, ich glaube, ich weiß, was hier passiert ist.“
Er schloss die Augen und rief sich das Bild genau ins Gedächtnis: Ein schmaler, schwarzblauer, metallisch schimmernder schuppiger Arm, eine lange dünne Schnauze mit unzähligen spitzen Zähnen … und riesige gelbe Augen mit Schlitzpupillen …
„Toll, das freut mich für dich. Und was ist hier passiert?“
„An dieser Kreuzung ist Kadence heute fast überfahren worden“, entgegnete Balthasar, ohne auf Tassuds quengeligen Ton einzugehen. „Und zwar mit Absicht. Ich glaube, Gregor hat das alles arrangiert, um vor Kadence als Held dazustehen …“
Tassud unterbrach ihn: „Nein!“
„Wieso nicht?“
„Weil ich Greg kenne. Er ist ein Spinner, der alle möglichen blöden Pläne ausheckt. Aber so etwas würde er nicht tun. Wie kommst du überhaupt darauf?“
Balthasar beschrieb ihm den Fahrer des Taxis, doch Tassud ließ ihn kaum ausreden.
„Ein schwarzes, echsenartiges Wesen, sagst du?“ Zu Balthasars Überraschung klang er alles andere als unerfreut. „Aber … das hieße ja …“
„Gute Nacht, die Herren.“ Vor Schreck schleuderte Balthasar beinahe den Bären in die Luft. Hastig wendete er seinen Rollstuhl … und fand sich einer jungen Frau etwa in Kadences Alter gegenüber. Mit elegant übereinandergeschlagenen Beinen saß sie auf dem Dach eines parkenden Autos. Sie trug einfache Jeans, Turnschuhe und eine graue Kapuzenjacke. Ihr kinnlanges, helles Haar schimmerte beinahe weiß im fahlen Laternenlicht. Eigentlich sah sie wie eine alltägliche Studentin aus … wären da nicht diese strahlend blauen Augen gewesen, die mit scharfem Blick auf Balthasar hinabfunkelten – zwei grelle Farbtupfer in einer schwarzgrauen Welt.
„Eu … Eure Königliche Hoheit!“, fand Tassud seine Sprache wieder.
„Tassud. Wie ich gehört habe, bist du in einer misslichen Lage“, erwiderte das Mädchen mit samtiger, erstaunlich dunkler Stimme.
„Ich … nun ja … es haben sich einige unerwartete Wendungen ergeben, und d… die Dinge sind etwas aus dem Ruder gelaufen.“
„Schon gut, du brauchst es nicht zu erklären. Nachdem wir erfuhren, dass Gregor sich hier in Homburg aufhält, habe ich einen Spion auf ihn angesetzt. Er beobachtet euch und erstattet mir engmaschig Bericht.“
„Das heißt … Ihr wisst von Prinzessin Kadence?“
Das Gesicht des Mädchens zeigte keinerlei Regung.
„Mein Spion hat mir mitgeteilt, was vergangene Nacht geschehen ist. Und dass dieses Mädchen mir wohl verblüffend ähnlichsieht.“
Das nun nicht , dachte Balthasar. Vielleicht die Augen und die Figur. Kadences Gesicht war jedoch schmaler und ihr Kinn nicht so spitz. Plötzlich sprang der Blick des Mädchens – das offenbar tatsächlich Esther, die große bergländische Königin, war – auf Balthasar, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
„Und du bist also der berühmte Vampir im Rollstuhl, der meine kleine Schwester beherbergt?“
Balthasar wollte gerade erwidern, dass er völlig unschuldig sei, ganz gleich, was man ihm vorwerfe, da stutzte er. Hatte sie gerade berühmt gesagt?
„In unserem Palast bist du seit gestern in aller Munde. Ich war schon sehr neugierig auf dich.“
Balthasars Verblüffung war so groß, dass er bloß zu einer angedeuteten Verbeugung imstande war. Aber dann fiel ihm doch etwas zu sagen ein:
„Eure Hoheit, vergangenen Nachmittag ist hier ein großes Taxi mit einem merkwürdigen Chauffeur vorbeigefahren.“
Esther lächelte, was ihren katzenhaften Zügen etwas an Schärfe nahm.
„Richtig, das war Heinrich, ein Mitglied meiner privaten Leibgarde. Ich bitte um Verzeihung, falls er euch erschreckt haben sollte, sowohl was sein Aussehen als auch seinen Fahrstil betrifft. Er hat seinen Führerschein noch nicht lange.“
Sie neigte höflich den Kopf.
„Oh, nicht der Rede wert. Es ist ja nichts passiert.“ Balthasar lachte nervös und machte eine wegwerfende Handbewegung. So was, die Echse hatte einen Führerschein?
„Eure Hoheit“, meldete sich nun wieder Tassud zu Wort. „Verzeiht die Unterbrechung, aber würdet Ihr die große Freundlichkeit besitzen, mich aus dieser Schattenkapsel zu befreien? Dann könnte ich Euch wieder nützlich sein.“
„Aber du bist mir sehr nützlich, Tassud – und zwar genau dort, wo du bist.“
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