„Am besten wir ziehen uns gaaanz langsam zurück."
Sie gingen Schritt für Schritt rückwärts. Wieder war das Knacken von Zweigen zu hören. Das Tier schien ihnen zu folgen. Die kleine Truppe hielt inne.
„Weitergehen! Nicht stehenbleiben. Ruhig!“, wisperte Sebastian.
In dem Moment erhellte ein gleißender Blitz die Umgebung gefolgt von einem donnernden Grollen. Das Gewitter kam so unvermittelt, dass die Frauen laut aufschrien, ihre Steine fallen ließen und wie von Sinnen losstürmten. Thomas und Sebastian hechteten ihnen hinterher. Die dreihundert Meter waren eine Herausforderung, denn der Regen hatte den Untergrund in einen schlammigen Sumpf verwandelt, Zweige schlugen ihnen ins Gesicht und schrammten ihnen die Wangen auf und dicke Tropfen zerplatzten auf ihren Augenlidern und überzogen ihre Augäpfel mit einem schlierigen Film. Endlich erreichten sie die Lichtung, verließen die schwarze Umarmung des Waldes und fand sich direkt im Camp wieder.
Thomas und Sebastian brachen in atemloses Gelächter aus und klatschten sich ab.
„Wahrscheinlich war das nur ein Reh. Bambi, das seine Mutter sucht", japste Sebastian.
Enza und Lea mussten ebenfalls lachen, doch Viola fand die Situation überhaupt nicht komisch. Sie spähte nervös in den Wald, aber das Tier schien ihnen nicht gefolgt zu sein. Enza leuchtete zusammen mit Sebastian den Wald ab, um sie zu beruhigen. Es war nichts zu sehen. Als Viola sicher war, dass ihnen keine Gefahr mehr drohte, sahen sich die fünf im Camp um.
Als erstes fielen ihnen drei Baracken aus Wellblech ins Auge, die wenig einladend wirkten. Davor hatte man eine Zeltplane auf vier lange Holzpfähle gespannt und so einen überdachten Vorplatz geschaffen, auf dem ein paar Biertische und –bänke standen. Eine Art improvisierte Kantine im Freien. Auf der rechten Seite endete das Gelände abschüssig in einer Sickergrube für Regenwasser. Ihnen gegenüber erhob sich eine mächtig wirkende Felswand. Davor waren die Schemen einer seltsamen Holzkonstruktion zu sehen. Vielmehr konnten sie in der Dunkelheit und dem strömenden Regen nicht erkennen. Und dennoch machte das Camp einen verwahrlosten, menschenleeren Eindruck. Die fünf sahen einander irritiert an. Thomas warf sicherheitshalber noch einen Blick auf die Karte – kein Irrtum möglich! Das war ihr Ausgrabungscamp. Der Ort, an dem sie in den nächsten Wochen ihr Praktikum absolvieren sollten.
Violas spürte unter der bleiernen Müdigkeit, die sie jetzt überfiel, immer noch das Gefühl rumoren, dass es besser wäre, auf der Stelle umzukehren und, wenn es sein musste, nach Hause zu kriechen. Der angrenzende Wald machte sie nervös und sie ertappte sich dabei, wie sie immer wieder einen Blick über ihre Schulter warf. Bewegte sich dort am Waldrand nicht etwas?
„Was war das da gerade?“
Sebastian nahm ihre Hand in die seine.
„Nichts, Schatz, das ist nur der Regen. Keine Sorge, was auch immer da unterwegs war, es hatte mehr Angst vor uns als wir vor ihm.“
Doch auch er wirkte unruhig, einzig Lea schien eher verdutzt als ängstlich.
„Wo sind die bloß alle? Hallo? Keiner zu Hause?“, schrie sie.
Ihre naive Art nahm den anderen ein wenig die Anspannung.
„Wahrscheinlich sind sie im nächsten Dorf, um neuen Proviant zu kaufen und haben sich da noch einen genehmigt“, meinte Sebastian.
Enza hatte sich einige Meter nach vorne gewagt und kniff die Augen zusammen, um in dem stärker werdenden Regen etwas sehen zu können. Doch alles versank in dem grauen Schleier des Zwielichts. Sie ging auf die ganz rechts liegende, kleinste Baracke zu und leuchtete mit ihrer Taschenlampe durch das Fenster in den Raum hinein. Die anderen waren ihr gefolgt und standen nun dicht hinter ihr.
„Siehst du was?" fragte Lea.
Enza schnaubte.
„Nicht viel. Da stehen ein paar alte Bettgestelle, wenn ich das richtig erkenne. Das Fenster ist total verdreckt. Sonst wirkt es aber ziemlich verlassen. Scheint nicht so, als habe da in letzter Zeit jemand übernachtet."
„Da hinten in der Baracke brennt Licht!“ rief Lea plötzlich.
Tatsächlich! Durch die Zwischenräume der größten der drei Baracken schimmerte nun gedämpftes Licht. Lea stieß einen Freudenschrei aus und schickte sich an, zur Baracke zu laufen, doch Thomas pfiff sie zurück.
„Warte!“
Bei dem scharfen Ton seiner Stimme, hielt Lea sofort inne.
„Warum?“
„Ich geh lieber erst nachsehen, was da los ist. Wenn alles ok sein sollte, rufe ich euch“, schlug Thomas vor.
„Wieso, was soll denn los sein?" fragte Lea verwundert.
Darauf hatte niemand der vier anderen auf Anhieb eine Antwort.
„Ich komme mit!" sagte Lea und setzte sich in Bewegung.
Thomas schüttelte bestimmt den Kopf.
„Besser du bleibst hier, falls…“
„Falls was?" fragte Lea.
Sie sah dabei zunächst Thomas und dann Sebastian an, der bis jetzt immer die Initiative ergriffen hatte, nun aber ungewöhnlich still war. Zum ersten Mal hatte Lea den Eindruck, dass ihn die Situation verunsicherte, er dies aber nicht zugeben wollte.
„Was ist, wenn Harris und sein Team vorzeitig abgebrochen haben und sich jetzt Grabräuber hier rumtreiben. Das ist in Bulgarien ein echtes Problem. Und nicht nur hier. Ich checke lieber kurz die Lage und du hältst hier die Stellung", wandte Thomas sich an Sebastian.
Sebastian war hin und her gerissen. Einerseits gefiel es ihm nicht, dass Thomas so selbstverständlich das Kommando übernommen hatte, andererseits musste er seinem Kumpel Recht geben. Jemand sollte bei Viola und den beiden anderen Frauen bleiben.
Thomas lud seinen Rucksack ab und schnappte sich Enzas Taschenlampe. Lea tat es ihm nach.
„Was machst du da?“
„Ich komme mit“, erwiderte sie, verwundert über die Frage.
„Hast du nicht zugehört?"
„Wenn ich dabei bin, können wir wenigstens so tun, als seien wir nur naive Touristen, die sich beim Wandern verirrt haben und überhaupt nicht wissen, was gespielt wird."
Thomas wägte die Situation kurz ab. Vielleicht war es wirklich besser, wenn die zierliche Lea mitkam, dachte er. Das konnte die Situation zur Not entschärfen, falls... Ja, falls was denn? An die Geschichte mit den Grabräubern glaubte er eigentlich selber nicht. Dafür war die Grabungsstätte viel zu bevölkert, zumindest hatte er das angenommen. Aber was erwartete er denn in der Baracke zu finden? Natürlich kannte er die Gerüchte über Harris' Assistentin, Nicole. Die Studenten redeten davon, dass die Ausgrabungen unter einem bösen Fluch standen. Thomas war eigentlich überhaupt nicht, der Typ, der sich um derlei Tratsch kümmerte.
Und dennoch.
Jetzt, da er inmitten dieses unwirtlichen Ortes stand, erschien ihm das Gerede über den Fluch des Camps gar nicht mehr so abwegig. Lea riss ihn aus seinen Gedanken. Die Tatsache, dass diese kleine Person so gar keine Angst zu haben schien, half Thomas, seine Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
„Also gut. Du bleibst dicht hinter mir, klar?!“
„Und du schlägst niemanden in den Bauch und nennst auch niemanden einen Idioten!" ergänzte Sebastian.
Lea hatte ihre Brille abgenommen, deren Gläser vom Regen blind waren. Ihre Begeisterung, endlich von ihm wahrgenommen zu werden, spiegelte sich darin wider. Thomas bemerkte ihre Euphorie sehr wohl, konnte sie aber überhaupt nicht einordnen. Lea irritierte ihn durch und durch, da er noch gar nicht auf die Idee gekommen war, sie könnte Gefühle für ihn haben. Er interpretierte ihr Verhalten entsprechend völlig falsch und nahm an, sie halte das Ganze für eine Art Freizeitausflug mit Abenteuer-Einlagen. Abrupt wandte er sich von ihr ab und stiefelte voraus. Sie eilte ihm nach und fasste ihn am Ellbogen.
„Ich kann ohne Brille nicht gut sehen!“
Thomas ging nicht weiter darauf ein und konzentrierte sich stattdessen darauf, nicht auf dem schlammigen Untergrund auszurutschen. Der Matsch unter seinen Füßen war glitschig und quoll bei jedem seiner Schritte mit einem quatschigen Geräusch unter seinen Schuhen hervor. Langsam pirschten sie sich weiter vorwärts, bis sie schließlich vor der Baracke standen. Vorsichtig warfen sie einen Blick durch das Fenster direkt neben der Tür, konnten aber nichts erkennen, denn es war mit irgendetwas zugestellt. Für einen Augenblick verschwand der Lichtstreifen. Jemand oder etwas bewegte sich also dahinter. Leas Griff um Thomas' Arm wurde unwillkürlich fester. Er atmete einmal tief ein, machte sich von ihr los und gestikulierte, dass er als erstes die Baracke betreten werde. Dann öffnete er die Tür.
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