Nach drei weiteren beschwerlichen Stunden war Viola am Ende ihrer Kräfte und wünschte sich nur noch, sich endlich irgendwo hinzulegen und zu schlafen. Tief und traumlos. Die anderen vier wirkten ebenfalls völlig erschöpft. Allerdings gab es immer noch keinerlei Anzeichen dafür, dass sie sich ihrem Ziel näherten. Thomas warf Sebastian einen zweifelnden Blick zu. Sebastian hielt ihm wortlos die Karte hin. Thomas studierte sie ausgiebig.
„Könnte es sein, dass sie das Camp woanders hin verlegt haben?“, wollte Enza wissen.
Sebastian griente.
„Definitiv nicht.“
„Also wenn die Karte stimmt, dann müsste das Camp ganz in der Nähe sein“, murmelte Thomas. „Und zwar da hinten!"
Die anderen blickten in die Richtung, in die Thomas zeigte. Das Gras in dem offenen Gelände war gelb und verbrannt, aber etwa einen Kilometer weiter begann ein dichter Wald, der saftig grün in der untergehenden Sonne leuchtete und wie ein Fremdkörper in dieser trockenen Wüstenei wirkte.
„Ich schlage vor, wir gehen in westlicher Richtung durch den Wald. Laut Karte ist das die einzig logische Möglichkeit, um zum Camp zu kommen“, schlug Sebastian vor.
Thomas, Viola und Sebastian bildeten die Vorhut. Die anderen beiden trotteten hinterher.
„Auf der Karte sieht das eher aus wie ein Hain als wie ein Wald. Diese Bäume müssen ganz schön widerstandsfähig sein", bemerkte Sebastian.
„Vielleicht haben sie sich dem Klima angepasst und kommen jetzt mit ganz wenig Wasser aus. Ein evolutionärer Sprung sozusagen", antwortete Viola.
Sebastian nickte zerstreut.
„Sie graben hier seit fast einem Jahr und die Funde sollen wirklich sensationell sein. Wenn wir das Praktikum erst hinter uns haben, gehören wir vielleicht zu den Berühmtheiten unseres Fachkreises.“
„Ich bin schon froh, wenn wir überhaupt das Camp finden“, meinte Viola trocken.
Sebastian hielt noch eine Weile einen Monolog darüber, wie wichtig dieses Praktikum für sie alle war und welch sonnige Zukunft ihnen bevorstand. Viola und Thomas ließen ihn reden. Ab und zu sah Viola sich um, ob Enza und Lea den Anschluss nicht verloren hatten.
Die beiden schleppten sich mühsam über das jetzt hügelige Gelände auf den Wald zu. Lea schien sich von Stunde zu Stunde zu verkleinern, ihr riesiger Rucksack drückte ihre zierliche Gestalt zu Boden, sodass Enza drauf und dran war, ihr die Last abzunehmen, sich dann aber eingestehen musste, dass sie selbst kaum noch konnte. Ihre Kondition war auch nicht mehr das, was sie noch vor zwanzig Jahren gewesen war. Jeder Knochen im Leib tat ihr weh und ihre Füße spürte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Insgeheim bewunderte sie Lea, die ihre Last mit stoischem Gleichmut zu tragen schien.
Plötzlich hielt Lea inne.
„Hast du das gehört?“
Enza warf ihr einen fragenden Blick zu. Lea lauschte gebannt, konnte aber keinen Ton ausmachen. Es war nachgerade unnatürlich still, nicht mal die Insekten summten und auch das Rauschen der Bäume des jetzt nahen Waldes, durch deren Kronen ein sanfter Wind strich, war nicht zu hören.
„Ich höre überhaupt nichts. Nur das Gerede von dem da."
Enza wies auf Sebastian.
„Es hat sich wie Frauenstimmen angehört.“
„Gut. Ich fände es nicht schlecht, wenn wir bald da wären.“
Lea setzte sich wieder in Bewegung, als Sebastian sie mit einer energischen Geste zur Eile aufforderte.
„Ich hoffe, er hat nur halb so viel drauf, wie er einem weismachen will.“
Hunger, Durst und Müdigkeit brachen sich jetzt Bahn in Enzas Ärger über Sebastian. Lea zuckte nur die Achseln.
„Sein Vater ist Professor Reuter, ein hohes Tier beim Deutschen Archäologischen Institut. Wenn einer von uns Karriere macht, dann Sebastian, dafür wird sein Vater schon sorgen.“
Enza schnaubte missbilligend, aber Lea sah nicht so aus, als störe sie diese Art Vetternwirtschaft. Es war, wie es war, warum sollte sie sich also darüber aufregen. Etwas anderes schien ihr aber auf der Seele zu liegen.
„Aber sein Freund, Thomas, ist total nett."
Sie brach ab, als sie Enzas amüsiertes Grinsen sah.
„Schon klar.“
„Was ist klar?"
„Du stehst auf ihn."
„Blödsinn."
„Lea!"
Lea hob abwehrend die Hände, ließ sie dann jedoch kraftlos sinken. Zu ermattet, um zu lügen.
„Ja. Ehrlich gesagt, schon seit zwei Jahren.“ Eilig fügte sie hinzu: „Ich weiß, ich bin naiv.“
In Enzas Augen flackerte Verständnis auf. Sie wusste, dass es zwecklos war, sich zu fragen, warum man einen Menschen liebte. Dabei war es egal, ob die eigenen Gefühle erwidert wurden oder nicht. Doch wenn sie erwidert wurden, war es um so unverzeihlicher, sich von dieser Person abzuwenden. Sie aus dem eigenen Leben auszuschließen und das bis zum bitteren Ende.
„Nein. Aber du solltest du ihm endlich sagen, was du für ihn empfindest. Und wenn es dann nicht hinhaut, tja, dann hast du's wenigstens versucht.“
Lea stolperte über einen Stein und wankte kurz, als habe sie dieser Gedanke völlig aus dem Gleichgewicht gebracht.
„Meinst du wirklich?“ fragte sie mit großen Augen.
Enzas Verständnis überraschte Lea. So wie sie sich bis jetzt verhalten hatte, hätte Lea eher gedacht, Enza würde ihr Geständnis mit einem desinteressierten Schulterzucken abtun.
„Wieso erzählst du mir nicht, was mich bei unserer Grabung erwartet“, versuchte Enza das Gespräch wieder auf neutraleren Boden zu lotsen.
„Was willst du denn wissen?“
„Alles, was dir einfällt. Angefangen mit unserem Ausgrabungsleiter.“
„Professor Harris? Der Mann ist Archäologe mit Leib und Seele. Am liebsten treibt er sich auf Ausgrabungen in aller Welt herum. Ich glaube, er hält sich heimlich für eine Art Indiana Jones. Ich freu mich schon darauf, ihn endlich mal live und in Farbe zu erleben.“
Als Lea weiter sprach, senkte sich ihre Stimme zu einem Flüstern.
„Ganz ehrlich – wenn Thomas nicht dabei wäre, dann hätte ich mich sicher nicht für dieses Praktikum gemeldet. An der Uni haben sie diese Geschichte über Harris' Assistentin erzählt.“
Enza horchte auf. Als sie sprach, klang ihre Stimme jedoch ganz beiläufig.
„Wieso, was ist denn mit seiner Assistentin?“
Lea blickt sie vieldeutig an.
„War. Vergangenheit. Es gibt das Gerücht, dass Dr. Skutta sich...“
In dem Moment brach Lea den Satz ab. Thomas, Viola und Sebastian hatten auf sie gewartet und waren jetzt in Hörweite. Lea lächelte Thomas gut gelaunt an, der das überhaupt nicht mitbekam.
Endlich hatten sie den Waldrand erreicht. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und tauchte alles in ein unwirkliches, purpurnes Licht. Die Tatsache, dass es spürbar kühler geworden war, und dass es nicht mehr weit bis zum Camp sein konnte, setzte bei allen letzte Kraftreserven frei und hob die Stimmung merklich. Mittlerweile hatten sich imposante Wolken am Himmel aufgetürmt wie schneebedeckte Berge und versprachen Regen. Sebastian fischte einen Kompass aus seiner Jeans und schob ihn auf der Karte hin und her.
„Wenn wir jetzt durch den Wald gehen, sollten wir nah beieinander bleiben“, sagte er mit einer Stimme, die daran gewöhnt zu sein schien, den Ton anzugeben.
Eine feuchte Brise strich über Violas Gesicht und kündigte einen baldigen Wetterwechsel an. Sie fröstelte mit einem Mal. Aber auch die anderen drängten sich nun dicht aneinander und es schien nicht nur die feuchte Kühle zu sein, die sie dazu veranlasste. Der aufkommende Wind ließ die Baumkronen wogen. Der Wald machte den Eindruck eines lebenden Organismus, der tief ein- und ausatmete.
Sebastian schritt beherzt voran, die Landkarte wie einen schützenden Schild an sich gepresst. Sie drangen in den Wald ein, der sie wie ein grüner Schlund sofort verschluckte. Der Boden war matschig und weich, die Luft nass und schwer. Als habe er auf ein geheimes Kommando reagiert, setzte prompt Nieselregen ein. Die fünf hatten den Eindruck, in ein völlig anderes Klima zu kommen, so als wären sie an einem strahlenden Sommertag im Zoo geradewegs durch die Tür zum Tropenhaus gegangen. Die schwüle Luft fühlte sich zäh und breiig an. Selbst ihre Stimmen klangen mit einem Mal gedämpft, als befänden sie sich in einem fensterlosen Raum, dessen Wände aus Gummi oder meterdickem Samt waren. Nach wenigen Metern lichtete sich das dichte Blätterdach und sie entdeckten einen über zwei Meter breiten Trampelpfad, der mitten durch den Wald führte. Offensichtlich markierte er den Weg zum Camp. Erleichtert beschleunigten sie ihre Schritte. Keiner sagte ein Wort. Sie alle wollten nur noch ankommen und endlich ein wenig ausruhen.
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