„Wer hat die Bulgaren eigentlich in die EU gelassen?" entfuhr es Sebastian wütend.
Dann wandte er sich an Lea.
„Wenigstens wissen wir jetzt, was Idiot auf Bulgarisch heißt."
Lea sackte in sich zusammen.
Thomas klopfte seinem Kumpel beruhigend auf die Schulter. Der brummte etwas Unverständliches und machte sich daran, zusammen mit den anderen, ihre überall verstreuten Gepäckstücke aufzusammeln. Dann breitete er umständlich die Landkarte aus, Enza spähte ihm über die Schulter und versuchte einen Blick darauf zu erhaschen.
„Es sind noch ca. 18 Kilometer.“
Viola seufzte bei dem Gedanken an einen derart langen Marsch in brütender Hitze.
„Wenn wir Tempo machen, dann schaffen wir es noch, bevor es dunkel wird!“ sagte Enza, schulterte ihren Rucksack und sah die anderen auffordernd an.
Mit ihren dunklen Haare und Augen und ihrer spitzen Hakennase sah sie wie eine Krähe aus. Etwas trieb sie an. Eine innere Unruhe hatte sie im Griff, die nichts mit dem Archäologie-Praktikum zu tun hatte, ein tief sitzender Schmerz, ein verborgener Schrecken lauerte in Enza. Viola fand, dass sie genau deshalb in diese Landschaft passte, so als sei sie ein Teil von ihr, während Viola sich wie ein Eindringling vorkam. Jemand, der nichts Gutes zu erwarten hatte und es auch nicht verdiente. Sie verspürte den Drang, auf der Stelle kehrtzumachen und sich nicht mal mehr umzudrehen.
„Vielleicht kommt ja jemand vorbei, der uns mitnehmen kann“, murmelte Lea leise und fummelte verlegen an ihrer Brille herum.
Die anderen starrten zunächst sie und dann die Umgebung an. Weit und breit keine Spur von menschlicher Zivilisation, selbst die Insekten schienen an diesem gottvergessenen Ort zu träge, um sich zu bewegen. Lediglich das müde Zirpen einiger Grillen war zu hören.
Lea senkte den Blick.
Viola fühlte, wie Ärger und Mitleid in ihr kämpften.
„Lasst uns lieber losgehen, sonst kommen wir heute nicht mehr an“, sagte sie.
Sebastian nickte Viola zu. Wie immer, wenn er sie ansah, leuchteten seine Augen. Es gab keinen Menschen, den er so liebte wie sie. Nicht seine Eltern, nicht seinen besten Freund, ja nicht mal seine Karriere. Sie war alles für ihn. Viola wusste das nur zu gut. - Und es verdunkelte jeden ihrer Tage.
Sebastian schnappte sich wortlos Violas und sein Gepäck und schloss zu Enza auf, die sofort mit großen Schritten lostrabte. Viola und Thomas folgten ihnen. Viola drehte sich kurz nach Lea um, die hinter ihnen her trippelte. Ihr riesiger Rucksack schien sie noch zu verkleinern. Das Gestänge, das hinter ihr aufragte, wirkte wie ein absonderlicher, knorriger Baum, den sie mit sich herum trug.
„Sie tut mir echt leid“, sagte Viola leise zu Thomas, der zunächst nicht wusste, von wem sie eigentlich sprach.
„Wer Lea?“
Er wandte sich zu ihr um.
„Ja, das war eine echte Glanzleistung. Mit so was macht man sich nicht gerade Freunde.“
„Wenigstens hat sie Rückgrat bewiesen“, verteidigte Viola sie.
Thomas sah Viola eine Weile schweigend an.
„Stimmt! Das können die wenigsten!“ sagte er dann und beschleunigte seine Schritte.
Doch Viola hatte den schmerzlichen Ausdruck in seinen Augen gesehen. Als er bei Sebastian angelangt war, blieben die beiden stehen, um auf sie zu warten. Sie lachten über etwas, das Sebastian gesagt hatte, der Viola einen feuchten Kuss aufdrückte, als sie die beiden erreichte. Viola war ganz außer Atem. Das wunderte sie. Da sie regelmäßig Sport trieb, war sie eigentlich körperlich fit. Sie schob es auf die Hitze und die Höhe.
Enza hörte ihr Gelächter, drehte sich zu ihnen um und starrte sie misstrauisch an, ohne jedoch ihr Tempo zu verringern.
„Jetzt glaubt Enza, wir hätten über sie gelacht!“ sagte Viola.
Sebastian winkte ab.
„Na und?! Mach dir nicht immer so viele Gedanken darüber, was andere vielleicht denken könnten, Schatz.“
Obwohl die Sonne nicht mehr im Zenit stand, ließ die Hitze kein bisschen nach. Die ausgedörrte Landschaft um sie herum zeugte davon, wie erbarmungslos der Sommer hier sein musste. Der lehmige Boden war spröde und rissig als hätte jemand versucht ihn auseinanderzuzerren und die Gesteinsbrocken am Wegesrand lagen da wie poröser Baiser, als seien sie von etwas ausgesaugt worden. Etwas, das ihnen das letzte bisschen Leben ausgepresst hatte, um sich selbst zu nähren.
Sie marschierten tapfer weiter. Die Männer verlangsamten ihre Schritte, als sie bemerkten dass Viola nur mühsam vorankam. Verärgert darüber, dass ihre Schwäche bemerkt wurde, war Viola den beiden doch gleichzeitig dankbar für ihre Rücksicht. Sie drehte sich zu Lea um, die weit ins Hintertreffen geraten war.
„Sollten wir nicht auf sie warten?“
Jetzt schaute sich auch Sebastian um.
„Auf unser Rotkäppchen da hinten? --- Was macht sie da?“
Viola und Thomas folgten seinem Blick. Lea war stehengeblieben und putzte in aller Seelenruhe ihre Brille. Als sie sie wieder aufgesetzt hatte, betrachtete sie ausgiebig die Landschaft, schien etwas auf dem Boden entdeckt zu haben und hob es hoch, um es sich vor die Nase zu halten.
„Was glaubt die eigentlich, wo sie ist? Bei den Pfadfindern? - LEA!“, schrie er.
Lea blickte auf. Ihr Gesicht zeigte einen verträumten Ausdruck, der sich langsam in die Erkenntnis verwandelte, dass die drei auf sie warteten. Verwundert und erfreut ließ sie fallen, was immer sie in der Hand hatte und trabte auf Viola, Sebastian und Thomas zu. Dabei löste sich eine Schnalle ihres Rucksacks und der Inhalt einer ihrer prall gefüllten Seitentaschen ergoss sich über den Boden. Sebastian rang in gespielter Verzweiflung die Hände und marschierte kurzerhand weiter.
„Mir ist zu heiß zum Warten.“
Thomas und Viola zögerten, blieben dann aber stehen und sahen zu, wie Lea ihr Zeug vom Boden aufsammelte. Keiner der beiden sprach ein Wort, doch Viola konnte spüren, wie sich die Atmosphäre zwischen ihnen verdichtete und einhüllte wie beißender Rauch, der ihre Lungen reizte.
„Sollten wir ihr nicht helfen?“
Thomas winkte ab. Nichts schien ihn momentan weniger zu interessieren als Lea, die mit ungelenken Fingern versuchte ihre Seitentasche zu reparieren.
„Viola...“
„Tu das nicht. Wenn ich dir wirklich was bedeute, dann lass mich in Ruhe. Bitte. Es war ein Fehler. Mehr nicht.“
„Den Fehler machst du, wenn du ihn heiratest. Du weißt genauso gut wie ich, dass das zwischen uns mehr war als nur Sex. Viel, viel mehr.“
In seiner Stimme war aufrichtiger Schmerz zu hören. Viola wollte nichts mehr als sich in seine Arme zu stürzen, um sich an seinem Geruch zu weiden. Es kostete sie all ihre Kraft, dieses Bedürfnis zu unterdrücken.
„Ich habe meine Entscheidung getroffen. Bitte lass uns…“
Ihre Stimme brach. Sie wandte sich abrupt um, und eilte Sebastian hinterher, damit Thomas nicht merkte, wie aufgewühlt sie war. Gleichzeitig wusste sie um die Sinnlosigkeit dieser Flucht. Thomas spürte nur zu deutlich, was in ihr vorging. Dankbar registrierte sie, dass er sie gehen ließ, ohne ihr zu folgen.
Als Lea endlich bei Thomas ankam, leuchteten ihre grünen Augen und ihre Wangen glühten. Der rote Hut baumelte an einer Kordel hängend an ihrem Rucksack. Sie strahlte Thomas an.
„Danke, dass du gewartet hast!“
Thomas runzelte die Augenbrauen. Er starrte durch Lea hindurch als sei sie nichts weiter als ein Hirngespinst. Die leere Hülle einer Schmetterlingspuppe, die ihren Kokon längst verlassen hatte, um sich in den Himmel zu erheben.
Drei Stunden marschierte Enza nun bereits durch die alles vernebelnde Hitze, die sie in eine Art Trance versetzte. Unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Erst jetzt nahm sie das Zirpen der Grillen wahr, das zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie angeschwollen war und alle anderen Sinneseindrücke übertünchte. Das verbrannte Gras am Wegesrand stak in die Luft, als reckte es sich verzweifelt nach ein bisschen Wasser. Wasser, das Leben spenden würde, aber nie zu kommen schien. Enza hielt einen Moment inne und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Sie stierte in die Ferne. Rechts am Straßenrand in einer kleinen Ausbuchtung standen die Reste einer alten, verwitterten Bushaltestelle. Ein sinnloses Artefakt. Drumherum nichts als dorniges Gestrüpp und Felsen. Nicht ein winziger verkümmerter Baum, der ihr Schatten spenden könnte. Erschöpft schleppte Enza sich zu der Haltestelle, warf ihr Gepäck auf den staubigen Boden und ließ sich daneben plumpsen. Sie kramte aus ihrem Rucksack ein großes, seidenes Tuch hervor, faltete es und versuchte es so über eine Wand der Haltestelle zu drapieren, dass es ihr Gesicht beschattete. Noch während sie sich daran zu schaffen machte, erschien Sebastian auf der Bildfläche, der Viola hinter sich herzog, die trotz der Hitze blass aussah.
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