Der Bus war gerappelt voll. Die meisten Fahrgäste schienen aus der hiesigen Gegend zu kommen. Bulgaren, die sich träge in ihren Sitzen räkelten, vor sich hin dösten und die Hitze gelassen nahmen. Einige von ihnen schienen dagegen immun zu sein, trugen sie doch langärmelige Shirts und ein paar Männer hatten sogar Jacken an. Viola stöhnte bei der Vorstellung, derart dick verpackt in diesem Backofen ausharren zu müssen. Das Dröhnen des Busses vermischte sich mit den Schnaufern der Schlafenden und dem halblauten Gemurmel zweier Bulgarinnen, die sich offenbar amüsante Anekdoten erzählten.
Ihr Blick blieb schließlich an Thomas hängen. Im Gegensatz zu Sebastian, der groß und athletisch war und ein Gesicht hatte, das wie gemeißelt schien, war Thomas schmal und wirkte schlaksig. Seine Hände waren so zart und feingliedrig wie die einer Frau, seine dunklen Augen hatten etwas Undurchdringliches und wirkten auf Fremde oft abweisend. Seine Haut war von kühler Blässe, als habe sie die Sonne noch nie gesehen und er strahlte eine solche Zerrissenheit aus, dass man in seiner Nähe unwillkürlich nervös wurde. Dennoch hatte seine tiefgründige Ausstrahlung etwas Magisches. Viola hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, sie müsse erforschen, was in Thomas verborgen schien. Sein Geheimnis lüften. Er zog sie an wie das Feuer einen Frierenden. Thomas' dunkelbraune Haare hingen ihm nun wirr ins Gesicht, das sogar im Schlaf etwas Gequältes ausstrahlte. Sie kannte den Grund dafür und es tat ihr weh, ihn so zu sehen, aber sie konnte ihm nicht helfen. Sie konnte einfach nicht.
Sie strich sich über die Stirn, als wolle sie ihre trüben Gedanken beiseite wischen und vertiefte sich in den Anblick der Landschaft, durch die sie fuhren. Bedrohlich und erhaben türmten sich die Wände des Gebirges neben ihnen auf. Eine ursprüngliche Kraft ging von ihm aus, eine Unnahbarkeit, die suggerierte, dass es der Menschheit trotzen würde. Nicht bereit, sich ihr zu unterwerfen. Seine Wülste und schorfige Oberfläche wirkten abweisend und alarmierend wie der schwarz-gelb geringelte Leib einer Wespe.
In dem Moment ging ein kräftiger Ruck durch den Bus und Viola wurde gegen den Vordersitz geschleudert. Gepäckstücke wirbelten durcheinander und weckten die Schlafenden unsanft aus ihren Träumen. Der Busfahrer hatte fluchend scharf abgebremst. Eine Weile herrschte Verwirrung und Chaos. Die Mitreisenden versuchten sich zu orientieren. Lautes Stimmengewirr komplettierte das Durcheinander. Was war passiert? Alle blickten sich um, auf der Suche nach dem Grund für diesen unwillkommenen Halt. Der Fahrer hatte die Türen geöffnet, war nach draußen gesprungen und stand jetzt schnaufend vor seinem Bus. Einige der anderen Fahrgäste folgten neugierig. Viola sah durch die verdreckte Fensterscheibe hinaus, konnte jedoch nichts erkennen. Sie reckte den Hals und erhaschte einen Blick auf die Windschutzscheibe, auf der ein riesiger Blutfleck prangte. Jedenfalls nahm Viola an, dass es Blut war, denn seine braunrote Farbe erinnerte eher an flüssigen Rost. Erschrocken stieß sie Sebastian, der immer noch schlief, kräftig in die Seite. Er stöhnte auf und rührte sich endlich. Violas Augen suchten die von Thomas und auch er hatte besorgt zu ihr herüber gesehen, wandte aber sofort seinen Blick ab, als sich ihre Augen begegneten. Herzhaft gähnend und sich ausgiebig streckend, gab Sebastian Viola einen Kuss. Sein Atem roch faulig.
„Schatz, hab ich mit offenem Mund geschlafen? Ich habe das Gefühl, die ganze Sahara verschluckt zu haben!“
Viola schüttelte ungläubig den Kopf.
„Hast du denn gar nicht gemerkt, dass wir einen Unfall hatten?“
„Wirklich?“
Sebastian wartete Violas Antwort gar nicht erst ab. Er sprang im Nu von seinem Sitz auf, quetschte sich an ihr vorbei und eilte nach draußen. Viola seufzte. Eigentlich hatte sie keine Lust aufzustehen, Trägheit und Erschöpfung hielten sie fest in ihrem Griff. Als sie sich schwerfällig erhob, schienen ihre Füße fast zu platzen, der Schweiß hatte ihre Hose an ihren Hintern gepappt und sie fühlte sich klebrig und unsauber. Nachdem sie sich aus ihrem Sitz bugsiert hatte, stieß sie mit Thomas zusammen, der regelrecht zurückzuckte. Er ließ ihr den Vortritt und folgte ihr nach draußen zu Sebastian, der bei dem Fahrer stand und zusammen mit ihm auf eine am Boden kniende Gestalt mit einem knallroten, breitkrempigen Hut hinabsah. In beider Gesichter prangte der gleiche fassungslose Gesichtsausdruck.
Als Viola sich näherte, erkannte sie die zierliche Frau, die dort kauerte. Es war Lea. Eine ihrer Kommilitoninnen und weiteres Mitglied ihrer kleinen Gruppe, die auf dem Weg zu einem Archäologie-Praktikum waren. Viola hatte mit Lea noch nie mehr als ein paar Begrüßungsworte gewechselt. Erst als sie erfahren hatte, dass Lea auch mit nach Bulgarien zu den Ausgrabungen kommen würde, hatte sie kapiert, dass sie dasselbe Fach studierten.
Viola fuhr zusammen, als sie hinter sich eine kräftige Frauenstimme vernahm.
„Was zum Teufel, tut sie da?“
Enza trat zu ihnen heran. Viola wusste nur, dass sie eigentlich Ingenieurin war, aber als Hobby-Archäologin brennend daran interessiert, mal an einer Ausgrabung teilzunehmen. Ein Wunsch, den sie sich nun, als Grabungshelferin, endlich erfüllte. Viola hatte sie bis jetzt als zurückhaltende Person erlebt, die sich nur ungern in ein längeres Gespräch verwickeln ließ.
Enza schützte ihre Augen mit der flachen Hand vor der gleißenden Sonne. Die andere hatte sie in die Hüfte gestemmt. Ihre schwarzen Haare schimmerten rötlich und ihren Ringfinger zierte ein glitzernder Diamantring. Die üppige, jetzt hochgezogene Oberlippe entblößte zwei sehr weiße Schneidezähne.
Der Busfahrer stieß wilde Flüche aus und Sebastian machte ein anerkennendes Gesicht.
„Auch wenn ich's nicht verstehe – der Typ redet mit Sicherheit übles Zeug über jemandes Mutter!“
Lea erhob sich vom Boden. Sie war das genaue Gegenteil von Enza. Klein, zierlich, blond, stupsnasig und blauäugig. Eine Person, die von anderen meistens nicht bemerkt wurde, was weniger an ihrem Aussehen, als vielmehr an ihrer Ausstrahlung lag, die etwas von einem Eierkarton hatte. Farb- und harmlos.
Mit Tränen in den Augen machte Lea einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf einen toten Vogel frei, der neben ihr lag. Oder vielmehr etwas, das wie ein Vogel aussah. Er hatte zwei Flügel und war stellenweise mit schwarz-braunen Federn bedeckt. Sein Hals war ungewöhnlich lang und der Kopf, der zu klein für seinen Körper wirkte, war komplett kahl. Sein leuchtend gelber Schnabel war wellenartig verbogen und sein Rücken bestand aus einer einzigen blutenden Wunde. Unter den Studenten wurde gerätselt, was für eine Art Vogel es sein könnte. Einige der älteren Frauen bekreuzigten sich. Die meisten Bulgaren verzogen sich gelangweilt einer nach dem anderen wieder in den Bus, auf der Suche nach Schutz vor der brennenden Sonne. Zwei ältere Männer redeten lautstark auf den Fahrer ein und schienen ihm gute Ratschläge zu geben, während es sich eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen am Straßenrand bequem gemacht, ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte und nun ihren mitgebrachten Proviant verzehrten. Brot und eingelegte Paprika, Schafskäse, Oliven, Tomaten, Gurken und jede Menge hartgekochte Eier. Die Mutter hielt ihre weißen, mit wulstigen Krampfadern durchwirkten Beine in die Sonne. Der Vater packte eine Flasche mit der Aufschrift "Rakia" aus, nahm einen Schluck, reichte sie an seine Söhne weiter, die ebenfalls daran nippten und die Flasche dann an die anderen Fahrgäste weitergaben, die völlig selbstverständlich daran tranken.
„Wir sollten ihn begraben!“ sagte Lea.
Sie schickte sich an, den Vogel hochzuheben. Viola hörte, wie Sebastian ironisch die Luft einsog. Sie fand es zwar auch etwas übertrieben, das tote Tier zu bestatten, aber Lea schien die Sache wirklich nahzugehen und die zwei Minuten konnten sie sich jetzt auch noch Zeit nehmen, bevor sie hoffentlich endlich weiter fuhren.
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