Ein penetrantes Quietschen ließ die fünf plötzlich zusammenfahren. Der Fahrer hatte die Scheibenwischer eingeschaltet, um die matschigen Reste des Vogels von seiner demolierten Scheibe zu entfernen. Da ihm aber das Wischwasser ausgegangen war, stellte sich das als verheerende Idee heraus. Blutiges Geschmier, garniert mit Federn und Geweberesten war die Folge. Da hatte die Scheibe vorher wesentlich besser ausgesehen, dachte Viola und konnte sich kaum vorstellen, wie der Fahrer dadurch etwas sehen wollte. Der kam auch prompt wieder aus dem Bus gerannt und wischte wütend mit einem alten Adidas T-Shirt aus Polyester auf der Scheibe herum, was die Sache, ebenso wie seine Laune, nur verschlimmerte. Sein Kopf leuchtete einem Granatapfel gleich, der Schweiß lief ihm in Bächen das Gesicht herunter und auch unter seinen Achseln hatten sich große, nasse Flecken gebildet. Sebastian sah ihm amüsiert zu, während er mit seinem Handy auf und ab ging, und es in verschiedene Richtungen hielt.
„Kein Empfang! Das hätte ich mir denken können.“
„Wen wolltest du denn jetzt auch anrufen?" fragte Thomas trocken.
Viola verspürte nicht die geringste Lust, noch länger in der Gluthitze herumzustehen. Sie wollte endlich ins Camp, duschen und ein bisschen schlafen. Irgendwie hatte sie sich ihr Archäologie-Praktikum romantischer vorgestellt. Sie stieg bereits wieder in den Bus, als ein spitzer Schrei sie aufhielt. Er kam von Lea.
„Oh Gott, er lebt noch!“
Alle drehten sich zu ihr um, selbst der Busfahrer schien sie verstanden zu haben. Lea riss sich ihren roten Hut vom Kopf und hielt ihn vor das Tier, um es vor der Sonne zu schützen. Eine absurde Geste. Der tot geglaubte Vogel bewegte sich wirklich.
Enza sah es mit Erstaunen. Mit einer solch schweren Verletzung hätte jedwedes Leben aus ihm entwichen sein müssen. Seine Bewegungen wirkten kantig und zäh, und er öffnete den Schnabel immer wieder und schnappte dann ins Leere, als erwarte er jeden Moment seine Mutter, die ihn mit Nahrung versorgen würde. Lea flehte Viola und Thomas an, etwas zu unternehmen, doch die beiden hatten keine Chance darauf zu reagieren. Es machte Twuuuupf! und der verletzte Vogel landete in hohem Bogen in dem mit riesigen Disteln übersäten Straßengraben. Der Busfahrer hatte ihm einen gehörigen Tritt versetzt. Der Vogel gackerte kurz, es war das hohe, klingende Gackern eines Truthahns, und verstummte dann für immer.
„Mrassno Dschiwodno!“ schimpfte der Fahrer immer wieder. Dann hechtete er dem Vogel hinterher und trat wütend auf ihn ein, wobei er ihn mehrmals verfehlte, was ihn nur noch rasender machte und er schließlich dazu überging beidbeinig auf ihm herumzuspringen. Ein befremdlicher Anblick.
Endlich hatte er sich an der armen Kreatur abreagiert und stapfte zu seinem Bus zurück, als sei nichts gewesen. Einige der männlichen Fahrgäste klatschten Beifall. Nur eine blutige Lache und Lea, die immer noch wie eingefroren am Boden hockte, markierten die Stelle, wo der Vogel eben noch gelegen hatte.
„Das mit dem Begräbnis hat sich dann wohl erledigt“, bemerkte Sebastian lakonisch.
Die einheimischen Fahrgäste machten es sich wieder auf ihren Sitzen bequem, auch die vierköpfige Familie hatte ihren Proviant in einer riesigen grasgrünen Tasche verstaut und kletterte in den Bus. Mit einem selbstzufriedenen Blick scheuchte der Fahrer die fünf auf, sie mögen ebenfalls einsteigen. Viola war einerseits erleichtert, andererseits tat Lea ihr furchtbar leid, wie sie da so klein und zerbrechlich auf dem Boden kauerte. Sie ging auf Lea zu, um sie in den Bus zu geleiten, doch da hatte die sich bereits erhoben, marschierte mit versteinerter Miene auf den Busfahrer zu und boxte ihn mit aller Kraft in den Bauch, was sowohl den Busfahrer als auch die schlaulustigen Einheimischen und die vier Deutschen völlig überraschte. Wie vom Donner gerührt starrten sie auf den Fahrer, der sich vor Schmerz zusammenkrümmte und hörbar nach Luft schnappte. Keiner wagte es, sich zu bewegen. Als der Fahrer wieder atmen konnte, ballte er die Fäuste und schwankte auf Lea zu - bebend vor Zorn. Unwillkürlich rückten die fünf zusammen. Sebastian stellte sich sofort vor die kleine Gruppe.
„He, he! Immer mit der Ruhe!“ versuchte er den Fahrer zu beschwichtigen. „Was hat er denn vor?" raunte er Thomas zu, der direkt hinter ihm stand.
Trotz des Ernstes der Situation, mussten die beiden sich beherrschen, um nicht loszuprusten. Viola hingegen spürte gleich, dass eine Grenze überschritten war, diese Demütigung würde der Fahrer nicht auf sich sitzen lassen können. Ein paar Sekunden lang schien er selbst zu überlegen, was er nun tun solle und blickte feindselig von einem zum anderen. Die Mitreisenden drückten ihre Nasen an den Fensterscheiben platt, gespannt, was als nächstes passieren würde. Ein paar männliche Stimmen waren zu hören. Viola konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber ihr Tonfall war aufwieglerisch. Einer der Teenager hielt sich Zeige- und Mittelfinger unter die Nase und ahmte den Hitlergruß nach. Auch weibliche Stimmen waren zu vernehmen, sie schienen die Lage allerdings befrieden zu wollen.
„Ich regle das schon", sagte Sebastian und nestelte an seiner Gesäßtasche, um seine Geldbörse zu zücken.
Doch Viola war klar, dass das keine Lösung sein würde und hielt ihn davon ab. Mit einem mädchenhaft unschuldigen Lächeln trat sie auf den Fahrer zu. Im Laufe ihres Lebens hatte sie gelernt, dass sie ihr Aussehen nicht verteufeln, sondern einsetzen sollte, um zu erreichen, was sie wollte. Sie machte das nicht oft, aber, nachdem sie einmal entdeckt hatte, wie gut es funktionierte, und zwar ungeachtet des Geschlechts ihres Gegenübers, setzte sie es hin und wieder ein, besonders, wenn es nicht nur um sie selber ging. Die Gesichtszüge des Busfahrers wurden sofort weicher. Viola sah es mit Erleichterung und wies auf Lea.
„Es tut ihr wirklich leid. Aber sie liebt Tiere und…sie ist ein bisschen durcheinander, müssen Sie wissen.“
„Was redest du denn da?!“ ereiferte sich Lea empört, „Der Vogel hat noch gelebt und da kommt dieser Typ und macht ihm einfach den Garaus.“
Sebastian wollte sie zum Schweigen bringen, doch es war zu spät. Auch wenn der Fahrer offensichtlich kein Deutsch verstand, so war ihm doch klar, dass Lea alles andere als Reue zeigte und seine Miene verhärtete sich augenblicklich. Enza packte Lea unsanft am Arm und schüttelte sie leicht.
„Au, du tust mir weh!“
„Es wäre besser, du entschuldigst dich bei dem Typ!“
Doch alles, was Lea tat, war, trotzig die Unterlippe zu wölben und die Arme zu verschränken.
Aus dem Bus war nun immer lauter werdendes Genörgel zu hören. Der Busfahrer geriet in Zugzwang. Zu stolz, um die Sache auf sich beruhen zu lassen, fluchte er zweimal laut und sah Lea an. Er schien immer noch auf eine Entschuldigung zu warten. Viola drängte Lea, endlich zu sagen, was der Fahrer hören wollte. Widerwillig wandte Lea sich dem Fahrer zu und setzte an, etwas zu sagen, brach dann jedoch ab und schaute zu den Studenten herüber.
„Ich kann mich einfach nicht bei diesem Idioten entschuldigen."
„Idiot? Idiot!" schrie der Busfahrer empört.
Offenbar war das bulgarische Wort für Idiot - Idiot. Lea entgleisten die Gesichtszüge. Der Fahrer rannte zum Bus zurück, riss die Gepäckklappe auf und warf ihre Rucksäcke und Koffer einfach auf die Straße. Thomas und Sebastian versuchten ihn zu beschwichtigen, aber sie hatten keine Chance. Lea rührte sich immer noch nicht und selbst Violas flehende Bitte, sie nicht einfach in der sengenden Hitze stehen zu lassen, überhörte der Fahrer.
Bevor die fünf überhaupt so richtig begriffen, in welch unguter Lage sie steckten, war der Bus auch schon auf und davon. Die einheimischen Mitfahrer feixten, und auch wenn ihnen einige mitleidige Blicke zuwarfen, so waren sie doch alle froh, dass es endlich weiterging. Niemand setzte sich für sie ein. Der Bus ratterte davon und hüllte sie in eine Wolke aus schwarzen Abgasen.
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