Sie mussten ein paar Schritte in den Raum hineingehen, bevor sie die zwei Gestalten in verdreckten, dunklen Regenmänteln entdeckten, die an ein paar Bärenfallen herum werkelten. Ihre Kapuzen hatten sie tief in ihre Gesichter gezogen und wirkten dadurch wie zwei gedungene Mörder, die ihren Job im Verborgenen erledigen. Sie standen mit dem Rücken zu den beiden und hatten sie augenscheinlich nicht hereinkommen gehört, denn sie unterbrachen ihre Arbeit keine Sekunde. Der Boden war voller getrockneter und noch frischer Schlammspuren. An den Wänden des Raumes stapelten sich meterhoch Konservendosen und Plastikkisten, die in ihrer quietschigen Farbigkeit völlig fehl am Platz wirkten.
Thomas und Lea warfen sich einen unsicheren Blick zu. Was soll das sein? Thomas betrachtete die verrosteten Bärenfallen am Boden. Die Gestelle wirkten wie riesige, aufgerissene Haifisch-Mäuler aus Stahl, deren spitze Zähne eine absolut tödliche Schneidekante bildeten. Er schauderte und fragte sich, was er tun sollte. Ihm fiel keinerlei plausible Erklärung für dieses Szenario ein. Im selben Moment rief Lea hinter ihm „Hallo! Sind Sie vom Grabungsteam?!“ und Thomas fuhr vor lauter Schreck zusammen.
Doch die beiden Gestalten rührten sich überhaupt nicht. Sie blieben vollkommen durch ihre Beschäftigung absorbiert. Wieder wechselten Lea und Thomas einen verdutzen Blick. Thomas beschloss, dass sie sich erst mal zurückziehen und er Sebastian holen sollte, bevor die beiden Typen sie bemerkten. Er wollte das Lea gerade zuflüstern, als diese der kleineren Gestalt beherzt einen Arm auf die Schulter legte, noch bevor Thomas sie davon abhalten konnte.
Und Woooom!
Es dauerte keine Sekunde da hatten die beiden Gestalten eine Axt und ein Survival-Messer gepackt und wirbelten herum. Die Axt fuhr durch die Luft und Thomas konnte im letzten Moment zur Seite springen, um ihr auszuweichen, stolperte dabei aber unglücklich und landete eingeklemmt zwischen einem Tisch und einer Bank. Leas Augen weiteten sich und sie schrie aus Leibeskräften. Gleichzeitig krallte sie sich mit ihren Händen an der Tür fest, als wolle sie diese aus ihren Angeln heben, um sich zu verteidigen. Thomas robbte unter den Tisch, um dort Schutz zu suchen, doch dabei geriet ein Zipfel seiner Jacke in eine der Bärenfallen, die mit einem haarsträubenden Geräusch zuschnappte und seine Taille nur um Haaresbreite verfehlte. Jetzt saß er in der Falle. Er drehte sich dem Angreifer entgegen und versuchte auf seinem Hosenboden in Sicherheit zu rutschen, doch er hatte keine Chance. Panik erfasste ihn. Seine Lippen formten stumm das Wort „Bitte“, doch das Gesicht des Mannes mit der Axt lag im Schatten seiner Kapuze und Thomas war sich mit einem Mal nicht mal sicher, ob er es mit einem menschlichen Wesen zu tun hatte. Die Axt schnitt so messerscharf durch die Luft, dass Thomas ihr leises Summen hören konnte.
Das Geräusch seines eigenen Todes.
Der stählerne Keil sauste auf ihn zu. Reflexartig schloss er die Augen. Er konnte es einfach nicht fassen, dass sein Leben hier und jetzt enden sollte. Das war absurd, ergab nicht den leisesten Sinn, er wollte doch nichts weiter als ein Praktikum machen. Als er nach einer Weile bemerkte, dass er immer noch am Leben war, öffnete er die Augen. Sein Angreifer stand vor ihm, die Axt baumelte nun schlaff in seiner Hand. Auch die zweite Gestalt hatte das Messer sinken lassen und glitt langsam auf Lea zu, die sich immer noch an die Tür klammerte, als könne diese sie beschützen.
Atemlos keuchend standen Sebastian, Viola und Enza im Türrahmen. Sie hatten Leas Schreie gehört und waren, mit einer Holzplanke und einem altersschwachen Stuhl bewaffnet, sofort zur Baracke gerannt. Ihnen bot sich ein verwirrendes Bild. Thomas, der von einem Mann in einem verdreckten Regenmantel gerade aus einer Bärenfalle befreit wurde und Lea, die neben einem blassen Teenager mit einem großen Survival-Messer stand. Die Verwirrung in ihrer beider Gesichter ließ sie für einen Moment wie Geschwister aussehen. Dann kam der junge Bursche auf Enza, Viola und Sebastian zu, die sich unwillkürlich anspannten, aber er drängte sich lediglich an ihnen vorbei nach draußen, hielt sein Gesicht gen Himmel in den Regen und pulte sich einen dicken Klumpen gräulicher Watte oder etwas ähnliches aus dem Ohr. Sebastian sah ihm verblüfft dabei zu und versuchte das Gesehene in einen Sinnzusammenhang zu bringen, allein es wollte ihm nicht gelingen.
„Was ist hier los?“
Aufgepeitscht vom angestauten Adrenalin, überschlug sich Sebastians Stimme fast und verriet, zu seinem Verdruss, wie irritiert er war. Der Mann, der Thomas mittlerweile aus der Bärenfalle befreit hatte, begann nun ebenfalls, sich undefinierbare Klumpen aus den Ohren zu rupfen. Kein sonderlich appetitlicher Anblick. Thomas stand mit wackligen Beinen auf und winkte ab.
„Das scheint ein Missverständnis gewesen zu sein.“
Seine Stimme klang zittrig und er war aschfahl im Gesicht, durch das er sich mehrmals rieb, als wolle er einen intensiven Alptraum loswerden, aus dem er gerade erst erwacht war. Der Mann nahm seine Kapuze ab. Sein zerfurchtes, verwittertes Gesicht strahlte zugleich etwas Altersloses aus, das Sebastian irritierte. Dazu trug er eine verschmierte, wenngleich teure Markensonnenbrille für Frauen, was ihm eine düstere, beunruhigende Komik verlieh wie Clowns sie oft ausstrahlen. Sebastian blickte misstrauisch von einem zum anderen. Der Teenager schien angesichts ihres Auftauchens nervös.
„Wer seid ihr und was wollt ihr hier?“
Der barsche Ton, den der Junge anschlug, passte Sebastian ganz und gar nicht.
„Ist das hier nicht der Club Med?“ entgegnete er ironisch und stellte mit Genugtuung fest, dass seine Stimme ihre Festigkeit zurückgewonnen hatte.
Der Bursche blickte hilfesuchend zu dem älteren Mann hinüber, offenbar unsicher, was er als nächstes tun oder sagen sollte. Viola spürte seine Verunsicherung und kam ihm entgegen.
„Wir sind Archäologie-Studenten der Kölner Uni und wegen des Grabungs-Praktikums hier. Professor Harris müsste längst informiert sein.“
Wieder wechselten die beiden Fremden einen Blick. Der Junge schien über etwas besorgt zu sein, doch der alte Mann machte eine Geste, als wolle er einen Hund verscheuchen.
„Die Ausgrabungen sind beendet. Unser Brief an die Uni ist wohl nicht mehr rechtzeitig eingetroffen. Tut mir Leid, dass ihr den weiten Weg umsonst gemacht habt, aber ihr müsst sofort wieder zurück!“ ratterte der Bursche eilig herunter.
Die fünf machten ungläubige Gesichter. Sebastian baute sich vor dem Teenager auf.
„Ich hoffe, das ist ein Scherz.“
Jetzt schaltete sich auch Enza ein, die ruhig und besonnen wirkte, beschwichtigend auf Sebastian einsprach, dann die kleine Gruppe einem nach dem anderen vorstellte und die beiden Fremden darum bat, sich ebenfalls vorzustellen und ihnen zu erklären, was genau eigentlich los wäre. Der Junge zögerte einen Moment und schien innerlich etwas abzuwägen. Dann wies er mit ausgestrecktem Arm auf den älteren Mann, der unbewegt da stand und die Studenten nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.
„Das ist Professor Drago Neschev von der Uni Sofia und ich bin Miles Harris. Mein Vater leitet diese Ausgrabungen.“
Sebastian wurde mit einem Schlag freundlicher.
„Du bist Harris' Sohn?“
Miles nickte knapp.
„Hallo Miles! Professor Neschev!“, er machte einen angedeuteten Diener in dessen Richtung, was Miles zu amüsieren schien.
„Nenn ihn ruhig Drago!“ bemerkte Miles.
„Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe, aber ihr habt uns einen Mords-Schrecken eingejagt. Wir dachten schon, ihr seid Grabräuber.“
Enza fuhr ihm ungeduldig in die Parade.
„Wo ist dein Vater eigentlich?“ fragte sie Miles unvermittelt.
Miles blickte zu Boden.
Mit einer Stimme, die dem Knurren eines gereizten Rottweilers glich, erklärte Drago, dass Professor Harris im Krankenhaus sei, wegen eines Arbeitsunfalls. Sebastian setzte ein mitfühlendes Gesicht auf.
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