Einst hatte sie Chili auf einem Bauernhof in letzter Minute vor einem grausamen Tod bewahrt. Für ihre Geschwister war es leider zu spät gewesen. Kendra war schockiert, wie leicht es manchen Menschen fiel hilflose Tiere zu töten. Sie wusste, dass sie daran nichts ändern konnte und sich derartiges immer wiederholen würde. Aber dieses eine Kätzchen konnte sie retten und das machte einen großen Unterschied. Als Chili vier Monate alt war, hatte Kendra aus dem Tierheim eine ungefähr gleichaltrige Katze geholt. Minni war schwarz-weiß und ihr Name war mittlerweile als Scherz zu verstehen. Minni war ziemlich groß und rund geworden. Als diese beiden Katzen ungefähr ein Jahr alt gewesen waren, hatte Kendra auf einem Supermarktparkplatz in einer Altpapiertonne ein kleines, graues Katzenbaby gefunden, das achtlos weggeworfen worden war. Nach einem notwendigen Bad hatte sich herausgestellt, dass das Babykätzchen eigentlich weiß war. Sie bekam den Namen Isa. Sie musste mit der Flasche aufgezogen werden und blieb immer eine sehr zarte und kleine Katze. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatten Chili und Minni die neue Dame in ihrer Runde schließlich akzeptiert. Obwohl Isa auch mit drei Jahren noch zerbrechlich wirkte, hatte sie sich zu einer extrem wilden und manchmal völlig irren Katze entwickelt. Mit der Zeit sah sich Kendra gezwungen Vorhänge, Nippsachen auf diversen Regalen und einen alten Sessel mit Stoffüberzug zu entfernen.
Minnis ausgeprägten Appetits wegen, mussten alle Lebensmittel in wirklich gut verschließbaren Dosen aufbewahrt werden. Chili wiederum öffnete gerne Schubladen auf der Suche nach allerhand brauchbaren Dingen. Am liebsten mochte sie Socken, mit denen sie dann diverse Schlafplätze oder Körbchen auspolsterte. Einmal hatte Chili einen Socken vom Nachbarn mit nach Hause gebracht. Offensichtlich hatte sie auf einem ihrer Spaziergänge den Socken von der Wäscheleine erbeutet. Die Katzen konnten sich dank einer kleinen Katzentür frei bewegen und im ganzen Areal umherstreifen. So genossen die Katzen einen Teil Insel, der ihnen einen schönen Lebensraum bot.
Das Klima im Wohnteil hatte meistens angenehme 25 Grad und kaum Wind oder Regen. Es waren zwar in diesem Abschnitt der Insel auch Einrichtungen untergebracht, die zum Hotel gehörten, wie verschiedene Lagerhallen, aber das Wohngebiet hatte im wesentlichen Dorfcharakter. Es gab einen Supermarkt, ein Krankenhaus, eine kleine Feuerwehrstation und freundlich gestaltete Wohnkomplexe mit Parkanlagen, wo sich Kendras und andere Katzen und Hunde meist aufhielten. Die Gegend um die Tierarztpraxis mieden sie alle weiträumig. Ebenso die wegen dem Lärm etwas abgelegenen Gebäude mit mehreren Generatoren für die Stromversorgung, sowie eine Mülltrennungs- und Müllaufbereitungsanlage waren für die herumlaufenden Haustiere uninteressant. Zum Ärger der Gärtner tollten die Haustiere der Einwohner aber gerne in den Obst- und Gemüsegärten herum. Zumindest die Glashäuser, die auch zur Inselversorgung beitrugen, waren vor ihnen sicher.
Chili, Minni und Isa gingen allerdings nie sehr weit. Einmal hatte Isa aus dem Teich der Parkanlage einen Goldfisch mit nach Hause gebracht und Kendra vor das Bett gelegt. Kendra wusste nicht wie sie reagieren sollte, also reagierte sie gar nicht. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als den toten Fisch zu entsorgen. Allerdings sorgte sie dafür, dass der Teich eingezäunt wurde. So blieb es bei diesem einmaligen Vorfall – von ein paar Schmetterlingen abgesehen. Zum Glück waren alle drei Katzen eher anhängliche Schmusekatzen und verspielte Clowns als gefährliche Jäger. Auf Fremde reagierten Isa, Chili und Minni sehr unterschiedlich. Isa war trotz ihrer Wildheit extrem scheu und ging Fremden oder Gästen von Kendra aus dem Weg. Minni hingegen ging fast jedem zu, besonders wenn ihr jemand mit etwas Essbaren begegnete. In jeder anderen Umgebung hätte Minnis Zutraulichkeit anderen Leuten gegenüber Kendra beunruhigt. Hier fühlte sie sich sicher – zumindest bis vor dem Mord. Chili interessierte sich wenig für andere Menschen. Einige Bekannte von Kendra duldete sie, andere lehnte sie ab und verlieh dieser Ablehnung oft mit einem kräftigen Pfotenhieb deutlich Ausdruck. Nur Kimi mochte Chili wirklich – aber eben nicht Peachy, die Wölfin.
Am späteren Abend machte sich Kendra auf den Weg zu Kimi, um ihn von den Neuigkeiten zu berichten. Es war selbstverständlich für sie, dass er zu den Eingeweihten zählen sollte.
Je eine unterirdische Monorail verband das Hotelgebäude mit den fünf Teilen der Insel. Vom Wohnbereich gelangte Kendra nach ein paar Stationen im Personalteil zur Hauptstation im dritten Untergeschoss des Hotels. Dort stieg sie in die Monorail um, die zur ‚Natur’ fuhr. Die unterirdischen Monorailstationen waren modern und nüchtern. Aufzüge brachten die Fahrgäste an die Oberfläche der Stationen, die je nach Inselzone verschieden gestaltet waren. Der oberirdische Teil der Stationen im Abschnitt ‚Natur’ war eine kleine Holzhütten und passte somit perfekt in die Landschaft. Es gab mehrere Stationen, da die verschiedenen Attraktionen relativ weit voneinander entfernt waren.
So gab es eine Station beim Reitstall, eine im Seengebiet mit den am Seeufer verteilten Blockhütten, eine direkt am Strand beim Wassersportzentrum und eine weitere beim mysteriösen Eissee.
Mitten im Wald war eine Station in der Nähe des Zoos, der eigentlich mehr eine Tierpflegestation war.
Die meisten Tiere lebten frei im Wald. Bei der Station ‚Zoo’ stieg Kendra aus. Sie atmete tief die frische Luft ein und nahm den wohltuenden Waldgeruch war. Sie ging über eine Lichtung an deren Rand sie das Elchgehege schon von Weitem sehen konnte. Vier Elchkühe waren dort mit ihren Kälbern zum Schutz untergebracht. Gleich daneben war ein eingezäuntes Areal mit mehreren Rentieren, von denen einige kleinere Verletzungen hatten. Deshalb wurden sie hier vorübergehend gepflegt.
Kendra liebte ihr Leben auf Inaara, obwohl die vielen Geheimnisse der Insel eine wahre Qual für sie waren, weil sie extrem neugierig war. Es ärgerte sie, dass sie keine Antworten auf die Phänomene der Insel fand. Oft hatten sie und Kimi mögliche Erklärungen diskutiert. Mittlerweile kamen ihnen aber die mysteriösen Gegebenheiten schon ganz normal vor. Kendra hielt kurz an der Koppel mit den prachtvollen Isländerpferden und beobachtete wie ein Teil der Herde zum Bach galoppierte. Sie bewunderte diese herrlichen Tiere.
Ein übermütiges Fohlen wälzte sich genüsslich in der Wiese. Seine Mutter lag ganz in der Nähe in der Wiese und sah ihrem schwarzen Fohlen aufmerksam zu. Zwei weiße Pferde kratzen sich gegenseitig am Hals. Von einer kleinen Gruppe galoppierender Pferde war ein freudiges Wiehern zu hören. Als sich Kendra der Holzhütte näherte, die etwa 100 Meter von den Koppeln entfernt war, rief sie laut: „Kimi! Peachy!“ Da sie zwar Peachy in der Hütte hören konnte, aber von ihrem Freund keine Antwort erhielt, zückte sie ihr Handy – auf Inaara gab es auch ein eigenes Funknetz – und wählte Kimis Nummer.
„Hallo?“
„Hei! Wo bist du?“
„Bei den Bären. Und du?“
„Bei deinem Haus. Ich komm zu dir rüber. Ich muss dir was Unglaubliches erzählen.“
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