„Nur wenn der Tauchlehrer echt gut aussieht…“, antwortete Lucie im Spaß und wusste gar nicht wie recht sie damit haben sollte.
Die knapp einstündige Fahrt im U-Boot ging schnell vorüber, da immer wieder jemand referierte, was er gerade in der Hotel- und Inselbroschüre entdeckt hatte, obwohl jeder eigentlich das gleiche Prospekt hatte. Man diskutierte noch aufgeregt die seltsamen Buchungsumstände und die mühsame Anreise. Jeder hatte entweder von irgendwem einen Tipp bekommen oder war durch Zufall auf die Seite www.resort-inaara.com gestoßen, wo man Aufenthalt und Anreise buchen konnte.
Trotz eher karger Informationen, strömten immer zahlreiche Touristen auf die Insel, die nach ihrer Heimkehr begeistert davon erzählten und so neue Besucher anlockten. Bei der Bootsanlegestelle konnten die ankommenden Gäste sich noch nicht von den unerklärlichen Phänomenen überzeugen. Mit einer unterirdischen Monorail wurden sie direkt in das Hotel gebracht. Per Aufzug fuhren sie vom Untergeschoss in die Hotellobby. Dort bewunderten sie eine künstlich geschaffene Welt. Die imposante Halle war ein tropischer Dschungel, in dessen Mitte ein Wasserfall vom Dach bis ins Erdgeschoss des siebenstöckigen Gebäudes in einen See fiel. Das feucht-heiße Klima, das die Dschungelpflanzen benötigten und das Erlebnis authentischer machte, wurde an der Rezeption und im Cafe mit Klimaanlagen wieder gemäßigt. Die üppige Dschungelvegetation war echt, aber die Tierwelt in der Eingangshalle bestand aus verblüffend real aussehenden animierten Robotern. Diese sahen so echt aus, dass sich mancher Gast vor einer Schlange oder einem Löwen erschreckte. Die Lautsprecher der bunten Vögel erzeugten eine authentische Geräuschkulisse.
Das Personal jeder Etage trug dem Ambiente angepasste Kleidung. Im Erdgeschoss war die Arbeitskleidung vorwiegend afrikanischen Kulturen nachempfunden. Vom Kellner der Tropenbar bis zur Rezeptionistin und sogar den regelmäßig patrouillierendem Reinigungspersonal war die Kleidung ein Kompromiss zwischen Authentizität und Klischee. Obwohl kaum Wachpersonal nötig war, waren in jeder Etage und auf der ganzen Insel verstreut zahlreiche Sicherheitsleute, die ebenfalls ihrer jeweiligen Umgebung angepasst gekleidet waren, um das Gesamtbild und die Illusion nicht zu stören - und auch um weniger aufzufallen. In der prachtvollen Eingangshalle staunten die Gäste über soviel Schönheit und blickten von den vielen Eindrücken etwas eingeschüchtert von einem Anziehungspunkt zum anderen. Noch während dem Einchecken stellten sie dem geduldigen Personal alle möglich Fragen zu der geheimnisvollen Insel. Verständnisvoll gab das an Fragen gewöhnte Personal ausweichende Antworten. Geduldig teilten sie die Gäste ihren Zimmer in den unterschiedlichen Etagen zu. Jede Etage war einem eigenen Thema gewidmet, das einer bestimmten Epoche oder Kultur nachempfunden war. Die Angestellten des Hotels hatten Verständnis für die vielen Fragen über die Phänomene der Insel, auf die sie selbst gerne die Antworten gewusst hätten.
Kapitel 4: Die Ermittlungen
Wie vereinbart traf sich das Ermittlerteam in Kendras Büro. Eigentlich war der zweite Stock die,.für Touristen gesperrte, Büroebene. Um für die Gäste erreichbar zu sein, war das Büro der Sicherheitsabteilung im Erdgeschoss bei der Rezeption. So konnten sich Hotelgäste leichter an die zuständige Stelle wenden. Meistens machte Kendra die Arbeit Spaß. Sie mochte die unwichtigen Fälle, bei denen es nicht um Leben und Tod ging. Sie gab den Touristen stets das Gefühl, jede Kleinigkeit ernst zu nehmen. Kendra kümmerte sich gewissenhaft um diverse Anliegen die Sicherheit betreffend. Sie konnte mit fast allen Gästen gut umgehen und schenkte auch den ungehaltenen Touristen noch ein bezauberndes Lächeln, mit dem sie ihr Gegenüber leicht gewinnen konnte. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit freundlichen, graublauen Augen. Ihre langen, dunkelbraunen Haare trug sie meist offen und reichten bis zu ihrer Hüfte. Kendra mochte das angenehme Leben auf Inaara und das bisher ruhige Arbeitsumfeld im Hotel Dimension. Jetzt musste sie mit ihren Kollegen einen Mord aufklären. Das machte sie nervös.
Sebastian ergriff als erster das Wort: „Alle Überwachungsbänder von gestern Nacht sind verschwunden! Der zuständige Wachmann hat festgestellt, dass die Bänder von letzter Nacht heute morgen weg waren.“
„Wie werden die Aufzeichnungen denn aufbewahrt?“, wollte Kelly wissen.
„Alle 6 Stunden werden die DV-Bänder gewechselt.....das System ist etwas veraltet. Einmal am Tag werden die gesammelten Bänder in einem separaten Raum zur Lagerung gebracht. Die Bänder von letzter Nacht sind unauffindbar. Das betrifft alle Bänder von fast allen Kameras. Der Überwachungsraum selbst wird nicht kameraüberwacht, ist aber abgeschlossen und den Schlüssel haben nur wenige. Vielleicht hilft uns das weiter...“ Sebastian war sichtlich beunruhigt. Er ahnte, dass sie sich alle in Gefahr befinden könnten. Sebastian fuhr sich nervös mit der Hand durch seine schwarzen Haare und sah die anderen ratlos an. Er sah sehr gut aus. Er hatte dunkelbraune Augen und einen dunklen Teint.
Kelly lächelte ihren Kollegen und guten Freund aufmunternd an und ergriff als nächste das Wort: „Die erste Untersuchung der Leiche hat ergeben, dass das Opfer zuerst niedergeschlagen worden ist. Es gibt einen deutlichen Abdruck in seinem Gesicht – von einer Faust. Ich konnte keine Abwehrverletzungen finden. Vermutlich war er bewusstlos, als ihm die Kehle durchgeschnitten wurde. Der Schlag ins Gesicht hatte ihn wahrscheinlich unerwartet getroffen. Allerdings könnten eventuelle Spuren oder Verletzungen auf den Händen gewesen sein. Die Hände wurden postmortem verbrannt – mit Feuerzeugbenzin übergossen und angezündet. Die Todesursache war jedenfalls verbluten und die Tatwaffe ein scharfes Messer“, beendete Kelly ihren Bericht.
Sandra ergänzte: „Fingerabdrücke oder andere Spuren konnten wir keine finden. Wir haben vorerst nur einen Faustabdruck, aber noch kein Tatwerkzeug. Gestern abend hat Frederick im indischen Restaurant gegessen und ist dann noch in sein Büro gegangen. Seit dem hat ihn niemand gesehen und seine Sekretärin ist unauffindbar.“
Nun begann Kendra zu berichten: „Ich habe den Familienmitgliedern hier auf der Insel gesagt, was passiert ist.“ Alle hörten ihr aufmerksam zu, als sie die Reaktionen der einzelnen Angehörigen schilderte.
Alec, der älteste Sohn des Opfers arbeitete im Management des Hotels. Kendra hatte ihn als ersten aufgesucht und von dem Mord erzählt – ohne genaue Einzelheiten zu nennen. Sie bemühte sich so vorsichtig und schonend wie möglich vorzugehen, aber sie wusste, dass es nichts gab, was sie sagen konnte, dass die Nachricht weniger schlimm machen würde. Sie musterte ihn kurz, als sie nach den richtigen Worten suchte. Alec war groß und sehr schlank. Er lebte mit seiner zweiten Frau und seinen beiden Kindern auf Inaara. Als Kendra ihn über den Tod seines Vaters informierte, war er schockiert. Es dauerte eine Weile bis er reagieren konnte. Er wirkte meist älter als 41 Jahre. In dem Moment fiel das Kendra besonders auf. Sorgenfältchen zeichneten sich deutlich um seine tiefblauen Augen ab. Alec bewahrte seine Fassung, wirkte aber dennoch mitgenommen und stellte Kendra alle möglichen Fragen zum Tathergang, die sie kaum beantworten konnte. Er war damit einverstanden, dass Kendra und Dustin, den Mord mit ihren Mitarbeitern vorerst ohne Hilfe von außen untersuchen sollten.
Dean war der jüngste Spross der Familie. Da er sich für Technik interessierte arbeitete er in der Hotelabteilung, die sich um technische Belange auf Inaara kümmerte. Seit er seinem Vater mitgeteilt hatte, dass er homosexuell war und dieser wenig aufgeschlossen reagiert hatte, war das Verhältnis zwischen den beiden noch angespannter. Die meisten kamen mit Dean trotz seiner verschlossenen und manchmal etwas schroffen Art gut aus. Lange Zeit hatte er eine Beziehung mit einem der U-Boot Piloten vom Hotel Dimension. Als diese in Brüche ging, hatte er sich noch mehr zurückgezogen. Obwohl er mit seinem Vater einige Differenzen hatte, hatte ihn die Nachricht tief erschüttert. Dean fuhr sich mit beiden Händen durch seine kurzen, hellbraunen Locken und hielt einen Moment seinen Kopf. Kendra drückte ihr Mitgefühl aus. Er stellte keine Fragen zum Tathergang, sondern wollte nur alleine gelassen werden.
Читать дальше