»Viel besser. Dank dir.«
»Wirklich?«
Niko wandte den Kopf zu ihr.
»Es war keine angenehme Nacht, wie du sicherlich bemerkt hast«, gestand er.
»Es ist verständlich, nachdem was du gestern erlebt hast.«
»Keine Sorge, dafür wird jemand bezahlen.« Niko klang entschlossen.
»Wer ist Julia?«, wollte Alison nach einer kurzen Schweigepause wissen. Niko zog die Augenbrauen überrascht hoch.
»Du hast ihren Namen geschrien, mehrmals.«
»Eine Jugendliebe. Ich muss in letzter Zeit viel an sie denken«, erklärte er ihr.
»Wieso gerade jetzt?«
»Weil sie aus Schottland kam.«
»Erzählst du mir mehr?«, fragte Alison.
»Beim Frühstück«, antwortete Niko und deutete auf drei Fische, die er frisch aus dem Wasser geangelt hatte.
Alison war von Nikos Kochkünsten überrascht. Fachmännisch zerlegte er den Fisch auf dem flachen Stein und reichte ihr einen Trinkbecher mit eiskaltem Wasser. Schnell war das Feuer entfacht und Niko platzierte den Stein samt Fischfilets über die Flammen. Vorsichtig kostete sie ein Stück.
»No Bad«, meinte sie und fuhr im unverständlichen Dialekt fort, bis Niko die Hand hob.
»Du kannst mit mir englisch reden, aber bitte kein schottisch.«
»Ich habe nur gemeint, etwas Salz und Gewürze wären gut.«
»Die habe ich leider nicht im Gepäck.«
Auf Alisons Nachfragen erzählte Niko von den Anfängen der Beziehung mit Julia, wie er es bislang in den Träumen wieder erlebt hatte.
»... Ab diesem Zeitpunkt galten wir als das Traumpaar der Schule. Romeo und Julia haben sie uns genannt.«
»Das ist aber süß.«
»Wir waren jung, fünfzehn, sechszehn Jahre alt, und es war für uns beide die erste große Liebe. Da war noch vieles einfacher.«
Nach dem Frühstück wurde die Unterkunft abgebaut. Alles, was sie tragen konnten, wurde mitgenommen, um keinen Müll zu hinterlassen. Dabei fiel Alison auf, dass der Fallschirm weiter zerlegt worden war. Niko reichte ihr ein zusammengerolltes Bündel.
»Ich habe aus dem Schirm einen Regenschutz geschnitten. Wir werden es brauchen.«
»Aus dem Fallschirm?«
»Das Material für Fallschirme ist nicht nur äußerst leicht, sondern auch dichtgewebt. Es soll ja möglichst luftundurchlässig sein. Deswegen ist es auch feuchtigkeitsabweisend.«
Alison warf sich den Umhang über den Kopf. Die Kapuze war ihr viel zu groß, doch sie schützte sie vor dem wieder einsetzenden Regen.
»Und du bist dir sicher, dass wir nur dem Bach folgen müssen?«
»Es ist der einzige Anhaltspunkt«, Niko deutete auf den Kompass, der auf seinem Messer montiert war, »Wir werden nicht im Kreis gehen und müssen hoffen, dass der Fluss zu einer Straße oder einem Dorf führt.«
Da Alison keinen besseren Vorschlag anzubieten hatte, stimmte sie zu und folgte ihm. Ihre improvisierten Regenüberzüge schützten sie zwar vor dem Regen, der durch den dichten Wald hinabtropfte, dem eisigen Wind hatten sie nichts entgegenzusetzen. Um sich von den immer steifer werdenden Fingern und den wieder aufkommenden Schmerzen abzulenken, fragte Niko nach Alisons bisherigem Lebenslauf.
»Ich bin einen Großteil meiner Kindheit und Jugend bei meinem Onkel aufgewachsen. Mein Vater war so sehr mit seinen Geschäften beschäftigt, vor allem, nachdem meine Mutter überraschend starb. Im Schloss wurde ich meistens von einem Kindermädchen betreut. Die hieß übrigens auch Julia, wenn ich mich richtig erinnere. Bei meinem Onkel in Edinburgh sind die Schulen einfach besser gewesen, als auf dem Land und ein Privatlehrer kam nicht in Frage. Ich wollte ja auch unter Gleichaltrigen sein. Da mich Edelsteine schon immer faszinierten, war bald klar, dass ich ins Familienunternehmen einsteige.
Inzwischen bin ich für die Akquirierung neuer Händler zuständig. Dazu kann ich viel reisen, verdiene nicht schlecht und sehe viel von Europa. Außerdem kann mein Vater sich so auf seine neuen Aufgaben konzentrieren.«
»Was ist mit diesem anderen Clan?«, wollte Niko wissen.
»Die Remingtons? Heutzutage sollten diese Clandifferenzen kein Thema mehr sein, aber wie du selbst mitbekommen hast ...«
»Differenzen? Alles nur wegen einer Geschichte um eine Höhle.«
»Eine Höhle in der Gold und Edelsteine wachsen, angeblich.«
»Natürlich. Eine schöne Fantasie«, meinte Niko herablassend.
»Für mich schon. Aber sag das nicht meinem Vater. Er nimmt das Clanwesen sehr ernst. Er ist ja auch das Oberhaupt. Keiner widerspricht ihm, was er sagt, wird befolgt.«
»Das kommt mir bekannt vor«, fiel Niko ein.
Um die Zeit im Wald zu überbrücken und sich vom Nieselregen abzulenken, fragte Alison erneut nach Nikos Jugendliebe.
»Was willst du wissen?«
»Egal, erzähl mir etwas, was mich von der Kälte ablenkt.«
Nach kurzem Überlegen begann Niko zu erzählen.
Seit zwei Monaten waren Julia und Niko bereits ein glückliches, unzertrennliches Paar. Inzwischen waren sie nicht mehr Gesprächsthema der ganzen Schule, dennoch kannten mehr Schüler Niko unter dem Namen Romeo als unter seinem tatsächlichen.
Alles lief bestens für das junge Glück, bis auf eine Sache. Julias Eltern, vor allem ihr Vater, waren gegen die Beziehung. Niko hatte ihn bislang nur einmal zu Gesicht bekommen, als er sie eines Abends heimbegleitete. Er grüßte ihn höflich, bekam aber nur ein Murren als Antwort. Tags darauf erfuhr er von Julia, dass sie ein Gespräch mit ihrem Vater hatte, der von ihr verlangte, sich auf die Schule zu konzentrieren und nicht von einem dahergelaufenen Burschen den Kopf verdrehen zu lassen.
»Ich bin immerhin eine stolze schottische Frau mit einer eindrucksvollen Familiengeschichte und die habe ich zu ehren. So ein Schwachsinn!«, schimpfte sie mit Tränen in den Augen. Niko hatte Mühe, sie zu trösten, versicherte ihr, dass er alles tun würde, damit ihre Familie keinen Grund hatte, so über ihn zu denken. Doch Julia war sich sicher, dass ihr Vater bei seiner Meinung bleiben würde. Deshalb trafen sie sich nur bei Niko, seinen Freunden oder verbrachten den Tag im Freien.
Es war ein Samstag Mitte März, als Julia vor Unterrichtsbeginn zu Niko stürmte und ihn aus der Klasse zerrte.
»Was ist passiert?«
Noch bevor sie antwortete, drückte sie ihm einen langen Kuss auf den Mund.
»Nehmt euch doch ein Zimmer! Ist ja schrecklich, der Grieche und die rote Schottin.« Die Stimme kannten sie beide, es war Mathias.
»Neidisch, weil du keine abkriegst?«, gab ihm Julia als Antwort und zog Niko ein Stück weiter.
»Du musst zu Hause durchbringen, dass du von heute auf morgen bei mir bleiben darfst«, erklärte sie ihm aufgeregt. Niko sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Einerseits wegen der Aussicht, nicht nur einige Stunden, sondern eine ganze Nacht mit ihr verbringen zu können. Andererseits hatte er sofort wieder das mürrische Gesicht ihres Vaters vor Augen.
»Wie soll das ...?«
»Meine Eltern sind gestern Nachmittag nach Schottland geflogen und kommen Sonntag in der Nacht wieder. Wir haben das ganze Wochenende für uns.«
Niko strahlte übers ganze Gesicht und versprach ihr, dass ihn nichts und niemand daran hindern würde. Gleich nach der Stunde lief er zu seinem Bruder und teilte ihm mit, dass er nicht heimkommen würde.
»Ich werde es Mama schonend beibringen, dass ihr kleiner Sohn langsam zum Mann wird.«
»Idiot!«
Stefanos kramte eine kleine Schachtel aus seinem Rucksack und drückte Niko zwei Kondome in die Hand.
»Viel Spaß und benutz die Dinger, verstanden!«
Niko wollte etwas antworten, unterließ es aber, nickte und verschwand wieder in Richtung seiner Klasse.
Sehnsüchtig wartete er, bis die Schulglocken um zwölf Uhr das Ende der Woche einläuteten.
»Schönes Wochenende, euch beiden«, wünschte ihm Daniel, der sich inzwischen damit abgefunden hatte, dass sein bester Freund nicht mehr so viel Zeit mit ihm verbrachte.
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