Ein Streicheln über seinen Arm ließ Niko aufschrecken.
»Alles in Ordnung. Du hast ganz ruhig geschlafen, das ist gut.«
»Geschlafen? Ich habe nur ...«, Niko war verwirrt. Er hatte keinen Plan, wie spät es war und wie lange er im Bett gelegen hatte. Er sah Alison an. Sie war vollständig angezogen, ihre Haare waren trocken.
»Du bist nicht gerade erst aus der Dusche gekommen?«, fragte er verschlafen und erntete dafür ein herzhaftes Lachen.
»Es ist kurz nach sechs am Abend. Du hast den ganzen Nachmittag friedlich geschlafen.«
»Wir wollten doch essen?«
»Keine Sorge, großer Mann. Ich habe mir nur eine Kleinigkeit geholt, um mit dir jetzt ordentlich zuzuschlagen. Ach, und morgen früh werden wir mit einem Mietwagen weiterreisen. Außer, du möchtest noch etwas wandern?«
Niko rang sich ein Grinsen ab und setzte sich langsam auf. Sein Körper schmerzte immer noch, aber das Taubheitsgefühl in seinen Fingern war verschwunden. Er hatte sich wieder einigermaßen erwärmt. Dafür spürte er, wie leer sein Magen war.
»Es gibt nur eins, was ich jetzt möchte. Mich anziehen und ins Restaurant.«
»Endlich etwas Warmes«, freute sich Alison und bestellte einen Tee. Niko hingegen nahm mit einem großen Bier vorlieb. Beim Hauptmenü waren sie sich beide einig, Fish and Chips sollten es sein, das Nationalgericht in Schottland. Niko hatte sich nie besondere Gedanken darüber gemacht, was der Unterschied zwischen diesem Fisch und einem panierten Fisch zu Hause sein sollte. Als der Teller vor ihm stand, sah er sofort den Unterschied. Der Fisch war in Backteig frittiert, die Pommes viel dicker geschnitten. Hungrig schlang er sein Abendessen hinunter und stellte recht schnell fest, dass der fettigere Teig für einen vollen Magen sorgte.
»Es scheint dir zu schmecken«, kommentierte Alison sein Schlingen.
»Ja, schmeckt gut.«
Nachdem sie ihn nach dem Essen, bei Kuchen und einer weiteren Runde Whisky, erneut fragte, wie es ihm ging, stellte er auch ihr die Frage.
»Was ist mit dir? Die letzten Tage, der Sprung aus dem Flugzeug, die Nacht im Wald, das scheint dir nichts anzuhaben.«
Alison griff nach seinem Bier und nahm einen großen Schluck.
»Der Sprung war für mich weniger einschneidend, weil ich den Rucksack oben hatte. Ich hatte Angst um dich, ob ich dich fange und heil runterbringe. Und unser Abenteuer im Wald, da habe ich auf dich vertraut und mich bei dir sicher gefühlt.«
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu.
»Außerdem war ich mir halbwegs sicher, wo wir runtergekommen sind. Ich bin davon ausgegangen, dass wir innerhalb eines Tages auf ein Dorf, eine Straße oder Ähnliches stoßen.«
Sie redeten weiter über Nikos bisherige Survivalerfahrung. Diese beschränkte sich neben der Theorie aus Büchern und Magazinen auf ein paar eintägige Kurse. Alisons Erfahrung mit dem Fallschirm beruhte auf dem Umstand, dass eine Freundin von ihr Pilotin war und sie öfters mitgenommen hatte.
Als sie gegen Mitternacht zurück ins Zimmer gingen, musste sich Niko eingestehen, sich schon lange nicht mehr so locker und gelöst unterhalten zu haben. Noch dazu mit einer Person, die er erst seit Kurzem kannte.
»Klischeehafter geht es wirklich nicht.«
Nach einer ruhigen Nacht ohne Alpträume stand Niko vor dem Ankleidespiegel im Zimmer und betrachtete sich von Kopf bis Fuß. Das Gewand vom Vortag war immer noch nass und wurde im Rucksack verstaut.
»Sehen darf mich so niemand«, stimmte Alison ihm zu.
In den neu gekauften Sachen kamen sich beide albern vor, dafür waren die Kleidungsstücke trocken.
»Weiß dein Vater schon Bescheid?«, wollte Niko wissen, während sie im Freien auf ihren Wagen warteten. Der Regen war leichter geworden, trotzdem war der Himmel über ihnen dunkelgrau. Vor dem Regen waren sie unter dem Vordach des Tyndrum Inns geschützt, aber der eisige Wind ließ Niko gleich wieder frösteln.
»Ich habe ihn gestern noch angerufen. Genaue Details habe ich ausgelassen, das hätte zu viele Fragen gegeben. Er erwartet mich heute oder morgen, wir haben demnach keinen Stress. Nur für den Fall.«
»Welchen Fall?«, fragte Niko verwundert nach und erntete ein schelmisches Grinsen.
»Für den Fall, dass du es mit mir noch einen Tag länger aushältst. Wir fahren quer durch Glencoe, kommen an ein paar Lochs vorbei und könnten einen Abstecher nach Fort Augustus machen. Es gibt dort nicht nur die berühmten Bootstouren auf dem Loch Ness, sondern auch einen Juwelier, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe.«
»Geschäftsbeziehungen pflegen?«
»Sowas in der Art. Einerseits habe ich es nicht sonderlich eilig, heimzukommen und ein gemütlicher Abend am Wasser, dazu ein paar gute Getränke und ...« Alison verstummte.
»Dein Funkeln in den Augen ... dieser Juwelier ist jemand, den du schon sehr vermisst«, spekulierte Niko.
»Nicht ihn, eher seine Tochter. Sie ist eine ganz Liebe. Wir könnten eine Nacht in Fort Augustus verbringen und einen Tag später weiterfahren.«
Alisons Gesichtsausdruck sprach Bände. Sie wollte diese Frau unbedingt treffen und dabei ging es ihr nicht nur um einen Abend in einem Pub.
Bevor Niko weiterfragen konnte, bog ein Wagen auf den Parkplatz vor ihnen ein.
»Das ist unser Mietwagen«, sagte Alison und ging die Stufen hinab. Niko staunte nicht schlecht, vor ihnen stand ein schwarzer BMW im sportlichen Design. Der Fahrer grüßte sie freundlich und reichte Niko den Schlüssel.
»Ihr gewünschter Wagen, Sir. BMW, Automatik mit Navigationssystem, Start Stop System, Bordcomputer und Rundumpaket. Der Wagen ist bereits vollgetankt. Bitte beachten Sie, dass es sich um ein Dieselfahrzeug handelt.«
Niko nickte nur, warf seinen Rucksack in den Kofferraum und ging zur vorderen Tür.
»Ich fahre, du sagst an«, entschied er, öffnete die Tür und warf sich in den Sitz.
Zuerst fiel ihm das Grinsen von Alison und dem Mitarbeiter der Mietwagenfirma auf, dann erkannte er seinen Fehler. Alison öffnete die Fahrertür auf der rechten Seite des Wagens und machte es sich hinter dem Lenkrad bequem.
»Ich werde fahren. Schon alleine aus dem Grund, weil ich am Steuer sitze.«
Die Autofahrt dauerte keine fünfzehn Minuten, als Alison auf einem Seitenweg der Straße stehen blieb. Der Regen hatte eine Pause eingelegt, eine gute Möglichkeit für Niko, die Landschaft genauer anzusehen. Sie fuhren an grünen Hügeln vorbei, das Gras war saftig und dicht. Immer wieder tauchte ein Fluss in den Hügeln auf, das Wasser floss rauschend hinab und sorgte für einen weißen Kontrast im Grün.
Neben der Straße befand sich ein großflächiger See. Kleine Wellen schlugen gegen die Steinkante, am schmalen Ufer ragten vereinzelt Bäume aus dem seichten Wasser.
»Auch wenn ich viel unterwegs bin, am besten gefällt es mir immer noch in Schottland. Hier siehst du ein typisches Beispiel für die wunderschöne Landschaft. Wir sind am Loch Tulla, es ist einfach nur einer von vielen Seen, aber jeder ist etwas Besonderes. Dieser hier zum Beispiel, er grenzt direkt an die Straße. In knapp einem Kilometer gibt es einen Parkplatz, von dem aus man bei schönem Wetter über den ganzen See blicken kann.«
Niko stimmte ihr nickend zu und stieg aus. Es war feucht, windig und kühl, wobei Niko das Wetter als absolut passend für die Gegend fand.
»Fällt dir etwas auf, wenn du auf das Wasser siehst?«, fragte Alison, als sie sich neben ihn stellte.
»Ich bestaune die kleinen Wellen, die über das Wasser ziehen. Es sieht recht dunkel aus.«
»Genau, dabei ist es klar und sauber. Trinkwasserqualität, aber du würdest etwas im Wasser schmecken, Torf. Dieser dunkelbraune, manchmal sogar schwarze Lehm sorgt dafür, dass die Seen meistens so dunkel aussehen.«
Sie blieben noch einige Minuten stehen, in denen Niko den Blick über das Wasser und die Umgebung streifen ließ. Er war umgeben von Grüntönen, zumeist das saftige Grün der Wiesen, aber auch dunklere Sträucher, einzelne Bäume und immer wieder Bäche und kleine Wasserstellen. Zusammen mit dem wolkenverhangenen Himmel spürte Niko eine Art innere Ruhe, die er lange vermisst hatte.
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