Hier kann man sich einfach irgendwo hinsetzen, und nichts als die Natur auf sich einwirken lassen. Ideal, wenn man noch vor kurzem um sein Leben gebangt hat. »Komm, lass uns weiterfahren. Wir werden heute noch einige Stopps einlegen, das verspreche ich dir.« »Du meinst, bis wir in Fort Augustus ankommen und du deine Freundin wiedersiehst?« Alison grinste. »Sie ist nicht meine Freundin ... leider. Aber du hast Recht, wir werden sie besuchen. Ich habe sie schon erreicht und sie gefragt ...« »Wann? Und wie, ohne Handy?«, wunderte sich Niko. »Während du den Nachmittag verschlafen hast. Es gibt nicht viele Juweliere in Fort Augustus, also war es leicht, die Nummer zu finden.« Niko überlegte kurz. »Dann bist du davon ausgegangen, dass ich ...« »Schau, ich habe meinen Bodyguard bis zum Castle. Ich bin davon ausgegangen, dass du zurzeit keine anderen Verpflichtungen hast. Außerdem siehst du so noch etwas mehr von der Insel, als nur den Wald im Regen und eine kleine Ortschaft.« Dem konnte Niko nichts entgegensetzen. »Steig ein. Unser nächster Stopp: The Meeting of the Three Waters, da kommst du ganz nahe an einen Wasserfall.« Alison fuhr gemächlich die Straße entlang, Niko lauschte dem Radio, der Oldies der 70er und 80er spielte, genoss den Blick auf wolkenverhangene Berge, weite Wiesen, die zum Teil durch dünne Stacheldrahtzäune abgegrenzt waren und scheinbar endlos lange Straßen, die im Nebel verschwanden. Ein blaues Hinweisschild am Straßenrand holte ihn zurück. »Glencoe Mountain Resort. Sicher ein schöner Ort zum Schifahren«, überlegte Niko laut. »Ich war letzten Winter hier, da hat es einen heftigen Sturz gegeben. Mit vollem Programm, Hubschrauber im Tal, Piste gesperrt und so. Sowas sieht man sonst nur im Fernsehen. Fährst du Schi?« »Nein. Ich schau es mir lieber im Fernsehen an.« »Du bist aus Österreich, kann da nicht jeder Schifahren?« »Wien ist nicht gerade für Schipisten bekannt«, meinte Niko, der durch Alisons Wortmeldung wieder eine Erinnerung vor Augen hatte. »Was denkst Du, großer Mann? Du siehst so gedankenverloren aus.« »Eher nachdenklich.« »Wieso, was ist denn?« »Du hast mich an ein Erlebnis von früher erinnert.« »Mit einem Schiunfall?« »Mit einem Schwerwiegendem.«
Obwohl das Paar seit über einem Jahr unzertrennlich war, hatte sich die Einstellung von Julias Vater nicht geändert. Julia hatte deswegen mehrmals heftige Diskussionen daheim, immer mit demselben Ausgang. Ihr Vater wollte ihr den Umgang mit Niko verbieten und Julia erklärte ihm, dass sie sich das niemals vorschreiben lassen würde. Aufgrund ihrer guten Noten hatte ihre Familie keine Möglichkeit, Niko für etwas verantwortlich zu machen.
Der aktuelle Schulstress sorgte bei beiden dafür, dass sie ihren Jahrestag erst mit Verspätung feiern konnten.
Julias Freundin Stefanie half den beiden, indem sie für den Samstag eine kleine Feier bei sich daheim organisierte. Offiziell war es eine reine Frauenparty. Nur deshalb, und mit der Notlüge, dass Niko das Wochenende woanders verbrachte, konnte Julia ihre Eltern überreden, bei Stefanie übernachten zu dürfen.
Sie waren zu sechst. Stefanie hatte zu ihrer kleinen Feier noch ein Pärchen eingeladen. Christian und Antonia kamen zur Unterstützung, da weder Julias noch Stefanies Kochkünste besonders waren. Die sechste Person war ein Mädchen aus einer anderen Schule. Niko kannte sie nicht, Julia hingegen schon. Stefanie hatte sich Julia anvertraut, als sie den beiden zufällig über den Weg lief. Stefanie und ihre Freundin Pauline waren ein Paar, was sie aus mehreren Gründen geheim hielten. Einer davon waren die streng katholischen Eltern von Stefanie.
Julia und Niko war ein eigenes Zimmer für die Nacht angeboten worden, während Stefanie sich mit ihrer Freundin ihr Zimmer für die Nacht teilte.
Gleich nach der Schule kam Niko und half beim Herrichten der Zimmer, kurz darauf erschienen Antonia und Christian. Eine Stunde später kamen Julia und Pauline, sie hatten sich schon auf dem kurzen Weg zur Wohnung bestens verstanden. Der Plan der kleinen Gruppe war, zunächst ein Damen-Schirennen zu verfolgen und dann einen gemütlichen Kuschelabend zu verbringen.
Die Couch vor dem Fernseher bot Platz für alle, eine große Schüssel Chips wurde herumgereicht. Am Rand eng an Niko geschmiegt saß Julia.
»Ich bin so froh, dass meine Eltern nicht weiter nachgefragt haben. Diese Lügen sind so sinnlos. Wann kapiert mein Vater endlich, dass ich mein eigenes Leben führe?«
»Denk nicht weiter darüber nach, nicht heute. Der Tag und der Abend gehören uns beiden alleine«, versuchte Niko sie zu beruhigen. Dabei gingen ihm dieselben Gedanken durch den Kopf.
»Okay, heute gewinnt wohl keine Österreicherin.« Christian erhob sich.
»Warte, Schatz. Die Nächste schauen wir uns noch an, das ist Ulrike Maier«, meinte seine Freundin und hielt ihn fest.
»Die hat die Nummer 32, das sagt doch schon alles. Ihre besten Tage sind vorbei. Ich glaube, sie wird nach dieser Saison zurück ...«
In diesem Moment verkantete die Rennläuferin und stürzte. Alle verstummten und blickten entsetzt auf den Bildschirm.
»Oh mein Gott«
»Ach du Scheiße.«
»Das sieht gar nicht gut aus.«
Von der bislang lockeren Stimmung war nichts mehr übrig. Während Christian und Antonia sich um das Abendessen kümmerten, verfolgten die anderen die Nachrichten. Vor allem Stefanie war geschockt, da sie in den Weihnachtsferien genau dort Schifahren war, wo das Rennen stattfand. Außerdem war sie schon mehrmals bei Schirennen dabei gewesen und ein großer Fan des Sports.
»Die Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen war mir viel zu steil. Ich habe mich nur ein einziges Mal hinunter getraut und das sehr langsam. Aber das sind doch Profis, so etwas darf doch nicht passieren.«
Während des Abendessens kam die Bestätigung im Fernsehen, dass die Rennläuferin bei dem Sturz ihr Leben verloren hatte. Damit war der Abend für alle gelaufen.
Gleich nach dem Essen verabschiedeten sich Antonia und Christian. Pauline nahm Stefanie mit in ihr Zimmer, um sie etwas zu beruhigen.
Julia und Niko versuchten noch, etwas Ablenkung zu finden, was ihnen aber nicht gelang.
»Weißt du was? Lass uns ins Bett gehen«, schlug Niko vor.
Einige Minuten, nachdem sie eng umschlungen im Gästebett lagen, flüsterte Julia.
»Es kann so schnell gehen.«
»Was meinst du?«
»Diese Schifahrerin. Noch vor einigen Stunden hat sie sicher nur daran gedacht, am Abend bei ihrer Familie zu sein.«
Sie setzte sich auf und sah Niko an.
»Ich werde morgen mit meinem Vater reden. Ich lasse mir von ihm nicht vorschreiben, wen ich treffe und wie ich meine Zeit verbringe. Es wird keine Geheimnisse und keine Ausreden mehr geben. Du und ich, wir sind zusammen, damit muss er leben. Ich will mich nicht mehr verstecken und will jede Minute mit dir genießen.«
Niko lächelte sie an.
»Ich werde dich liebend gerne dabei unterstützen. Wir können gemeinsam mit deiner Familie reden, wenn du das möchtest.«
Julia umarmte ihn und küsste seine Wange.
»Ich liebe dich, jetzt und für immer.«
---***---
»Und kam es zu dem Gespräch?«
»Oh ja. Zuerst hat ihr Vater gemeint, Familienangelegenheiten gehen mich nichts an und ich soll gehen. Julia hat ihm deutlich gemacht, dass ich zu ihr gehöre. Es endete in einem lautstarken Streit. Jedes Mal wenn ich etwas sagen wollte, wurde ich von ihm unterbrochen. Seine letzten Worte damals waren, dass sie noch sehen wird, was sie davon hat, mit so jemanden wie mir die Zeit zu verschwenden.«
»Heftig.«
»Jedenfalls sind wir ab diesem Tag öfters bei ihr zu Hause gewesen. Aber nur in ihrem Stockwerk, kein gemeinsames Abendessen oder sonst etwas. Den Eltern bin ich dabei stets aus dem Weg gegangen.«
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