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Obwohl Julia wirklich nicht gerade das Vollfleischweib ist, macht sie eine interessante Figur. Sie steht mit Harald Weber (er baut Öko-Häuser - ich habe ein Firmenlogo für ihn entworfen) in der Tür zur Küche, das heißt, sie hat sich in den Türrahmen eingebeugt, wegen ihrer Größe, und redet sehr konzentriert mit ihm.
Harald hat mir Lisbeth abgenommen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als es am schlechtesten stand zwischen der Beth und mir, kam eines Tages Harald. Ich kannte ihn schon lange – wir machten eine Stadtzeitung mit anderen zusammen - und beichtete mir seine Liebe zu Lisbeth. Ich glaube, ich war noch nie so erleichtert in meinem ganzen Leben, denn so löste sich dies Problem von allein und sehr einfach und Lisbeth war glücklich. Und ich erst! Nur, konnte ich nach dieser Trennung meine Tochter nicht sehen, weil diese Irren sich jahrelang in ganz Europa herum trieben. Natürlich sind Lisbeth und Harald nicht mehr zusammen, aber jetzt wieder hier.
Julia trägt einen schieferfarbenen Hosenanzug. Ich habe ihn von meiner Schwester bekommen. Sie arbeitet als Kundenberaterin in einem Modegeschäft für Übergrößen. Ich wollte ihn mir zurechtschneidern lassen. Da bekam ihn Julia in die Finger und sie sieht darin aus…. Also der Stoff ist so leicht, dass die Haut ihn an sich zieht und so sieht es aus, als würde er an ihr kleben. Ihre Brustspitzchen, ihre Schultern, ihre Rippenbögen, die Nähte ihres Slips, die Kniegelenke… alles zeichnet sich ab. Es wirkt, als hätte man eine seidene Stoffbahn an sie geblasen.
Ich weiß, Harald versucht Julia auszuhorchen, und sie wird ihm so treuherzig antworten, dass er noch weniger begreift als vorher.
Lisbeth ist völlig begeistert von Julia. „Das hätte ich einmal machen sollen“ ist jeder fünfte Satz, und Julia mag Lisbeth wie eine Mutter. Julia hat völlig freiwillig eine Quarkspeise gefertigt, die für mich gipsig, den Leuten hier anscheinend schmeckt. Sie wird nach dem Rezept gefragt – es ist Quark mit Birnen aus der Dose – und es rührt mich, wie eifrig sie das Rezept verrät.
Julia war sehr lange gegen jeden Besuch. Sie reagierte fast hysterisch, kam jemand unangemeldet, einfach spontan so vorbei. Zu groß, zu dünn, das war ihr Problem und das galt es zu verteidigen. Mit mir eher kleinem und molligen und soviel älteren schloss sie Solidarität. „Der kleine Dicke mit der großen Dünnen, in Love, sind unschlagbar“, sagt Julia und so tritt sie auf.
Mit Lisbeth sitze ich auf dem Zweisitzer, der auch noch aus unserer vergangenen Ehe stammt, und wir sehen Harald und Julia zu und kommen solidarisch zu dem Entschluss: Die beiden passen auf keinen Fall zusammen. Sie unterhalten sich aber verdammt gut, und bevor ich mich aufraffen kann, um das zu hören, kommt Julia auf mich zu, um mich augenblicklich auf diese Weise zu umarmen, dass auch der Dümmste zu sagen weiß: Die, die liebt den mit Haut und Haaren und er sie sowieso. Julia umarmt auch Lisbeth mit Herzlichkeit und Lisbeth deutet mir mit diesem Augenaufschlag: „Tja, da kann man nichts machen, man muss sie mögen.“
Das erste Mal, dass Julia tanzt, wenn wir eine Gesellschaft geben, ist allerdings auch die erste Gesellschaft, die wir geben. Nach dem relativ guten Jahr, das ich bisher hatte, dem guten Abschluss mit der Stadt, konnte ich Julia zu einem kleinen Fest überreden und anschließend fahren wir vier Tage in die Berge, zu mir nach Hause, nach Berchtesgaden. Nach dem Tode meiner Eltern blieben uns Kindern die beiden Wohnungen in dem Haus, das mein Vater erbaute. Der Rest ist verkauft und meine beiden Schwestern und ich bemühen uns, es zurückzukaufen. Eine Wohnung und ein Ladengeschäft im Parterre.
Ich habe meine Schwestern gebeten, uns einige Zeit allein zu lassen, aber ich weiß, sie sind zum Sterben neugierig auf Julia. Sie sind einiges gewöhnt von mir, was Frauen betrifft, aber Julia ist so etwas wie die Krönung für sie. So reden sie zumindest am Telefon.
Harald würde mich so gerne fragen, wie ich das wieder angestellt habe mit Julia. Schließlich habe ich damals auch seine heilige Schwester rumgekriegt, obwohl er Stein und Bein geschworen hat, dass sie nie…. Sie hat und es war eine sehr gelungene Liebesfreundschaft.
Julia ist wirklich aufgekratzt wie ein verliebtes Huhn. Sie hat kleine rote Flecken am Hals vor Aufregung! Sie tanzt und trinkt, präsentiert und serviert das Dessert: „Apfelküchlein mit Vanilleeis und einem Zimt-Cognac-Sößchen flambiert.“ Sie genießt es wirklich sehr und immer wieder stürzt sie auf mich zu, umarmt und küsst mich und nennt mich vor allen Leuten „mein Glück, du bist mein Glück!“
Meine Bekannten sind gerührt.
Julia hat nur ihren Vater eingeladen, um den sie sich besonders kümmert. Er ist noch ein bisschen größer als Julia, ihr aber äußerst ähnlich, oder Julia ihm. Anfangs war er sehr schüchtern, aber wie er sieht, dass Julia glücklich ist und er sie so noch nie erlebt hat, ist er auch langsam aus sich heraus gekommen, hat sogar einmal getanzt mit seiner Tochter. Lisbeth habe ich zugeredet, auch mit Volker zu tanzen, und nun, kurz vor Mitternacht, ist er gelöst, lacht sogar von Herzen.
Ehrlich gesagt, bin ich im Moment ganz schön nervös, hat Julia doch gleich ihren Auftritt. In ihrer Autohöhle hat sie einige Texte geschrieben und sich Melodien ausgedacht, die sie auf den Kassettenrecorder aufgenommen hat. Und eben so ein Lied hat sie sich für heute Abend erwählt. Tage brauchte ich, um ihr dieses Festchen schmackhaft zu machen, und als ich anfing, laut darüber nachzudenken, wen ich alles einlade und einen Speiseplan aufstellte, kam Julia plötzlich damit heraus, dass sie eines ihrer Lieder singt. Sie sagte das so, als wenn sie des Öfteren Lieder vortragen würde. Natürlich dachte ich erst, sie macht Spaß, aber dann sang sie es mir vor und ich wäre beinahe umgefallen wegen ihrer Stimme, des Textes, der Melodie. Ihre Singstimme ist die eines Jungen kurz vor dem Stimmbruch, der in einem Jugendchor singen gelernt hat.
Der Text lautet folgendermaßen:
Kleine Jahre
Kleine Jahre von mit gelebt
nicht gezählt – ausgewählt
von mir entschieden
Luft so rein für mich
von keinem geatmet
als Geschenk von dir
ich nehme sie
Refrain:
Kleine Jahre von mir gelebt…
Meine Wolken können fliegen
ohne deinen Himmel
angetrieben durch meine Sonne
kann die Seele selbst betrügen
Refrain:
Will nur diesen einen Garten
genug der Größe für uns zwei
will niemals auf dich warten
aber bei dir sein
Refrain
Nie möchte ich den Weg vermissen
den ich ging allein
bin so froh den Weg gefunden
den wir gehen
Refrain
Was für ein Text für eine Neunzehnjährige! Die Melodie ist soulig-gospelig. Sie singt es extrem langsam, dehnt die Worte, melodisiert jazzig zwischen den Zeilen. Ich meine, sie ahmt Instrumente nach, um dem Text swing zu geben. Sie….
Oh Mann, sie kommt, sie kommt aus der Küche und trägt ein Hemdblusenkleid, vorne durchgeknöpft, mit kleinen, aufgedruckten Stiefmütterchenblüten, hunderte Gesichtchen auf weißem, weichem Stoff. Sie bleibt vor der Wohnzimmertüre stehen und ich klopfe mit einem Löffel an mein Weinglas und muss nun sagen: „Meine Damen und Herren, sie sind die Glücklichen, die heute Nacht….“ Und sie fängt schon an, jazzt erst die Melodie „Da, ra, dara, da ra ra…“ und beginnt mit dem Textteil, der später zum Refrain wird. Sie wiegt sich ein bisschen… psst!
Aus!! Die Leute sind so überrascht, dass sie so was gesehen und gehört haben, aber vor allem von Julia… Und nun beginnt ein Geklatsche, Gepfeife, Gejohle und Julia hopst auf der Stelle, juchzt zähnebreit, klatscht selbst in die Hände und auf einmal, erschrocken über ihre zur Schau gestellten Freude, flieht sie in die Küche.
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