Am nächsten Tag holte ich meine s,Sachen von meinen Eltern. Louis traute s,sich nicht mit, gab mir aber sein Auto.
Oh Gott, ich habe ihm immer noch nicht gebeichtet, dass ich keinen Führerschein habe.
Mit Gewalt musste ich meine s,Sachen packen – Mutter hing s,sich an jedes s,Stück, s,schrie und weinte.
Ich war danach s,sowas von fertig, kaputt, musste mehrere s,Stunden im Auto s,sitzen bleiben, vor Louis’ Haus, bis er mich s,sah, s,sein ewiges „Mein Gott“ murmelte, mich küsste – das erste Mal – mir meine s,Sachen nachtrug, während ich mich heulend nach oben in die Wohnung s,schleppte. Das war genau an meinem achtzehnten Geburtstag, vor über einem Jahr. Das habe ich Louis aber nicht gesagt, nicht an diesem Tag.
So einen August habe ich noch nicht erlebt, dass ich den Laden einheizen muss, damit wir nachher hier essen können. Hühnerflügel habe ich in der Pfanne, scharfe Tomatensoße zum dippen, Rose’ Baguette. Julia liebt das Abnagen der kleinen Knusprigkeiten, und wenn es nur nach ihr ginge, gäbe es dies jeden Tag. s’Baby.
So gern kommt sie nicht in den „Metzger-Laden", ist sie doch Fast-Vegetarierin. Fisch und Huhn, kein Fleisch. Mir macht das nichts, ich koche danach, und wenn ich meinen Schweine- oder Sauerbraten brauche, bekommt s Kind etwas extra.
Julia kocht nicht. Nie! Sie weigert sich zu kochen, wie sie sich überhaupt weigert, im Haushalt zu helfen. Und sie will nicht mit jemand darüber reden, der das gerne tut. Aus!
Nur für das Schlafzimmer fühlt sie sich verantwortlich und das von Anfang an. Vielleicht, weil sie die meiste Zeit darin verbringt. Vielleicht, weil sie sich nicht ganz ausschließen will von der Hausarbeit. Vielleicht mir zu liebe. Es stellt für mich kein Problem dar, es ist mir sogar recht. Ich bin so eingespielt in meine Hausarbeit, dass ich froh bin, wenn alles so läuft, wie ich es gerne habe. Das Auto putzt Julia leidenschaftlich gerne, das ist wahr. Sie fährt ausgezeichnet Auto. Ich bin keinen Meter mehr gefahren, seit sie bei mir ist. Seit sie bei mir ist!?
Sie denkt tatsächlich, ich wüsste nicht, dass sie keinen Führerschein besitzt. Ihr Vater hat mir das gesteckt, aber ich sagte ihm, das müsse sie selbst wissen in ihrer Volljährigkeit. Er sagte: „Ja, neunzehn!“ „Sollte ich ihr erst mit dreißig erlauben, ohne Führerschein zu fahren?“ Er winkte ab, ließ mich stehen.
Natürlich ist es für ihn unbegreiflich, Julia mit einem Mann zu wissen, der elf Jahre älter ist als er selbst. Für mich ist es doch auch nicht zu verstehen. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich ein Kind, eine Geliebte und Frau. Ein Mädchen, das mich um zwei Köpfe überragt und diese blödsinnige Angewohnheit hat, mir in der Öffentlichkeit die Hand auf den Kopf zu legen, da könnte ich…
Dafür hasst sie es leidenschaftlich, wenn ich „Kind“ zu ihr sage.
Normalerweise koche ich nicht im Laden, außer bei größeren Gerichten (weil der große Gasgrill vorhanden ist) und bei mehreren Gästen. Im Sommer koche ich meist am frühen Vormittag ein kleines Gericht vor, das sich Julia wärmen kann, wenn sie Appetit hat. Sie isst es aber meist kalt oder sie gibt es in die Mikrowelle, die ich ins Schlafzimmer gestellt habe. Und den Rest – es bleibt immer eine gute Portion über – bereite ich mir zu nach Belieben.
Im Herbst und Winter und je nachdem bereite ich unser Mahl am Abend. Das Kochen ist für mich nicht nur die Fertigung von Speisen, es ist Kreativität, Liebe zu den Materialien und Erholung in der besinnlichen Art. Aber seit einer Woche koche ich im Laden, denn ich muss früh aus dem Hause und komme sehr spät zurück, habe ich doch einen Auftrag, der termingerecht fertig werden muss. Muss! Ich habe nicht gerne diesen Druck, aber ich brauche dieses Honorar sehr, habe ich doch noch eine weitere Person zu versorgen: Julia!
Sie ziert sich, ja, aber letztendlich kauft sie sich doch gerne ein Irgendwas, das um ihren hageren Körper weht. So wie die Dicken sich, so versteckt sie ihre Magerkeit unter diesen weiten Sachen. Natürlich denken die Verkäuferinnen des Übergrößengeschäfts „Für kurze und für lange“, dass Julia meine Tochter ist und Julia spielt dies auch perfekt. Und ich denke, dass ich diese Geduld mit meiner realen Tochter nicht hätte.
Für die Stadtverwaltung illustriere ich eine Umweltbroschüre, die den Schrebergärtnern die natürliche Gartenhaltung beibringen soll. Den Großteil meiner Aufträge beziehe ich von der Stadt und das ist gut so, zahlen sie doch gut und pünktlich und ist man erst einmal bei ihnen bekannt, dann bekommt man auch hie und da einen Auftrag.
Julia nimmt so ziemlich alles bedenkenlos und selbstverständlich an, aber dafür gibt sie mir auch bedingungslos alles, was sie zu geben hat: Ihre aufrichtige, ach so liebe Person. Mir kommen manchmal die Tränen der Rührung, wenn sie kommt und sie trägt dieses Schürzenkleid, ärmellos, bei dem kalten Wetter. Habe ich da nicht noch einen Pullover gehabt?
Ich stelle das Geschirr in den Spüler, sperre den Laden zu und gehe zu Fuß nach Hause. Julia ist mit dem Auto vorausgefahren und ich werde bei „Juan Carlos“ noch einen Espresso mit einem Grappa trinken, ja!
Wenn ich nach Hause komme, wird Julia irgendwo herumliegen, auf zehntausend Kissen, um ihre Knöcherigkeit zu betten. Dies Auf-dem-Boden-liegen begreife ich nicht so gut. Entweder hört sie Musik und liest dabei, oder sie liest und hört Musik dazu. Sie liest viel, aber am liebsten meine Sachen. Sie liest mein Tagebuch und meinen neuen Roman, den es gilt zu beenden, aber ich kann mich noch nicht dazu entschließen.
Die Grafikerei ist nur mein Gelderwerb. Mein Beruf ist Schriftsteller. Ich schreibe seit ich schreiben kann und es sind genügend Gedichte entstanden, Kurzgeschichten und auch vier Romane.
Nein, nicht veröffentlicht, die Romane, aber alle Bekannte und Verwandte und deren Verwandte und Bekannte lesen meine Bücher, die getippt, kopiert und gebunden begehrt sind. Denn ein jeder hofft, dass er darin vorkommt oder dass er jemanden kennt, der beschrieben wird.
Diesen Gefallen tue ich ihnen mit meinem letzten, noch nicht beendeten Buch mit dem Titel „Fliegen haben keine Mimik“ oder „Das Wahrheitsbuch“. Es ist im Stil eines Tagebuches geschrieben und enthält ehrlich keine einzige Lüge. Viele haben schon Auszüge davon gelesen, oder ich las vor, und warten somit auf die Beendigung.
Julia reißt mir mein Schreibbuch aus der Hand, wenn sie bemerkt, dass meine Konzentration nachlässt, flieht in eine Ecke, kichert, zieht die Augenbrauen hoch, grimassiert und macht so lange herum, bis ich nicht umhin kann zu fragen: „Was ist, gefällt es dir?“ Natürlich weiß ich, dass es ihr gefällt. Julia ist begeistert von dem, was ich schreibe. Julia gefällt ohnehin alles, was ich tue und, ohne hochzustapeln, ich gefalle ihr auch.
Julia gefällt mir auch ausnehmend gut, obwohl ich erschrak, als ich sie das erste Mal nackt sah. Ihre Größe trägt natürlich dazu bei, die Magerkeit zu unterstreichen, s Baby.
Sie trägt zwei Himbeeren als Brüste, ihre Taille kann ich mit den Händen leicht umspannen, ihre Schulterblätter gleichen kleinen Flügelchen. Natürlich kann ich die Wirbel ihres Rückgrates zählen. Ihr winziger schrumpeliger Nabel sitzt auf ihrem harten, flachen Bauch, der sich ganz leicht unter ihren Rippenbögen abzeichnet. Die hervortretenden Beckenknochen halten ihre Hosen wie Bügel, wenn sie welche trägt. Ihre langen harten Schenkel, die zu großen eckigen Kniegelenke, die so sanften Waden, die kaum-zu-glauben-schmalen Fesseln ergeben die langen Beine eines Tieres. Vielleicht eine Gazelle oder so was! Julia steht auf großen, aber schmalen Füßen, mit fingerhaften Zehen.
Ganz oben in ihrer Länge, auf dem beeindruckend sensiblen Hälschen, sitzt ein wohlgeformter runder Kopf mit Schneckenöhrchen, Kinderhundeaugen, einer gut geschwungenen schmalen Nase mit geschlitzten Nasenlöchern, deren Flügel durchsichtig scheinen. Ein spöttischer, lustiger Mund, mit aufgeworfenen Lippen, lenkt ab von dem zu spitz geratenen Kinn, das bekanntermaßen am Ende ihres ovalen Gesichtes sitzt.
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