1 ...8 9 10 12 13 14 ...38 4. Charisma als das Anti-Institutionelle: In stereotyper Eindringlichkeit hebt bereits Rudolph Sohm die charismatische Organisation der Ekklesia von jeder formalen Institutionalisierung ab. Das geistliche Wesen der Kirche entziehe sich gänzlich rechtlich-weltlicher Organisationsformen. Die Tragik der Geschichte liege gerade darin, dass die Kirche sich zunehmend rechtlich organisierte und dadurch von ihrem wahren pneumatisch-charismatischen Wesen entfernt habe. Diesen «Sündenfall der Kirche»[235] sieht Sohm in der Entstehung des römischen Episkopats und in der Einrichtung des landesherrlichen Kirchenregiments erfolgt.[236] Max Weber setzt in analoger Weise das Charisma in Widerspruch zu allem Institutionellen und Alltäglichen: Das «genuine Charisma» ist «seinem Wesen nach […] kein stetiges ‹institutionelles› Gebilde, sondern […] gerade das Gegenteil»[237]. Aus diesem Gegensatz heraus bestimmt Weber die Eigenart des Charismas vor allem durch negative Abgrenzung: Das Charisma ist «irrational»[238], «alles umwertend»[239], «außeralltäglich», «wirtschaftsfremd»[240]; es ist das «Außerordentliche und Unerhörte, aller Regel und Tradition Fremde»[241], die «Ablehnung der Bindung an alle äußerliche Ordnung»[242], die «revolutionäre Macht der Geschichte»[243]. Dennoch versuche sich die charismatische Herrschaft durch Institutionalisierung zu sichern. Dadurch wandle sie aber ihr ursprüngliches Wesen: Das genuin persönliche Charisma wird veralltäglicht bzw. versachlicht und büßt seine revolutionäre geschichtsbildende Macht ein. Weber verbindet, wie sein theologischer Vordenker Sohm, in dialektischer Weise die idealtypische Trennung beider Größen mit der geschichtlichen Dynamik ihrer Vermengung.
2.2.4.2 Der Einfluss des Weber’schen Charismabegriffs auf den theologischen und allgemeinen Sprachgebrauch
Die Formalisierung des Charismabegriffs durch Max Weber führte zu einer Ausweitung seiner Bedeutung und machte ihn über den innertheologischen Diskurs hinaus für eine Vielzahl sozialer Phänomene im politischen und religiösen Bereich anwendbar. In der Religionswissenschaft wurde das «Charisma» in der spezifisch Weber’schen Konzeption zur beliebten Interpretationskategorie.[244] So verwendet zum Beispiel Rudolf Otto den Begriff weitgehend synonym zu dem, was er in seinem berühmten Buch «Das Heilige» den «numinosen Eindruck» nannte.[245] Charismen sind «Wirkungen von Seele und seelischen Kräften auf Seelen, die den Rahmen normaler seelischer Wirkungen […] weit überschreiten»[246]. Der für Paulus konstitutive pneumatische Ursprung wird in der religionswissenschaftlichen Perspektive zum Interpretament.[247] Joachim Wach differenziert mit Hilfe des «glücklichen Begriff[s] des Charisma» verschiedene Typen religiöser Autorität. Er unterscheidet zwischen dem «persönlichen Charisma» und dem «Charisma des Amtes».[248] Dabei verwendet er den Begriff in einer formelhaften und entleerten Weise, die den theologischen Gehalt nur noch erahnen lässt.[249]
Vermittelt über die religionswissenschaftliche Rezeption wird der Begriff Charisma auch in der Theologie in einer verallgemeinerten Bedeutung angewandt. War bisher nur im Rahmen der paulinischen Pneumatologie und Ekklesiologie vom Charisma die Rede, so kann nun vom persönlichen Charisma der vorstaatlichen Führergestalten oder von Jesus als dem prophetischen Wandercharismatiker gesprochen werden.[250] Soziologische und theologische Motive werden dabei nicht selten unkritisch vermengt, die Differenzen zum paulinischen Sprachgebrauch nur selten markiert. So beschreibt zum Beispiel Gerd Theißen die besondere Autorität Jesu mit dem «religionswissenschaftlichen Begriff ‹Charisma› […], der unabhängig von christologischen Titeln ist und dessen Anwendung auf Jesus kein christliches Bekenntnis voraussetzt»[251]. Das Weber’sche Postulat der Wertfreiheit wird theologisch eingeholt, die Sendungsvollmacht des vorösterlichen Jesus kann unabhängig von christologischen Prämissen interpretiert werden.[252] «Charisma» versteht Theißen dabei gänzlich im Sinne Webers als «irrationale Ausstrahlungskraft auf andere Personen»[253]. Gleichzeitig bezieht er sich aber auf den paulinischen Sprachgebrauch, nach dem sich das Charisma «in außernormalen Begabungen […], vor allem in Prophetie, Wundermacht und Lehre»[254] äußere. Das Verhältnis von theologischem und soziologischem Charismabegriff bleibt dabei ungeklärt, Theißen begnügt sich damit, den Fragehorizont aufzuwerfen.[255] Außerdem wird der theologische Charismabegriff durch Implikationen des soziologischen umgeprägt. Denn die Außernormalität ist für das paulinische Charismenverständnis keinesfalls konstitutiv, sondern ist eher ein Kennzeichen der von den Korinthern hochgeschätzten Pneumatika.
Den Weg in den allgemeinen Sprachgebrauch findet «Charisma» erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Der theologische Gehalt geht dabei immer mehr verloren. In Entsprechung zur Ausweitung des Begriffs durch Max Weber wird «Charisma» zum allgemeinen Ausdruck für herausragende und Aufsehen erregende Qualitäten eines Menschen. Der «Große Duden» nahm den Begriff «Charisma» mit der zwölften Auflage (1941) in sein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung auf und ordnete ihn dem Lemma Charis zu. Die Bedeutung wird dabei noch dem theologischen Sprachgebrauch entsprechend mit «Gnade, Berufung» wiedergegeben,[256] seit der 21. Auflage (1996) allerdings mit «besondere Ausstrahlungskraft».[257] In der außertheologischen Gegenwartssprache herrscht dieser Sprachgebrauch vor: «Charisma ist die Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und sie festzuhalten»[258], Charisma ist «die magnetische Kraft der persönlichen Ausstrahlung»[259]. So definieren zwei der Ratgeber, die in großer Zahl den Buchmarkt erobern und zum Training des je eigenen Charismas anregen möchten. Denn das persönliche Charisma gilt als der Schlüssel zum Erfolg im Privat- und Berufsleben, zum Teil sogar als die Lösung der abendländischen Gesellschaftskrise.[260] Aus der unverfügbaren geistgewirkten Gnadengabe ist eine methodisch erlernbare persönliche Qualität geworden. Die Differenzen zum genuin theologischen Charismabegriff sind offensichtlich. «Der Charismabegriff hat von seinem ersten Auftreten bei Paulus bis zu seiner heutigen Verwendung eine völlige Umkehrung erfahren.»[261]
Die theologische Beschäftigung mit dem Charismabegriff muss sich dieses Bedeutungswandels bewusst sein und beständig prüfen, ob sachfremde Konnotationen aus der allgemeinsprachlichen oder religionswissenschaftlichen Verwendung in ihr eigenes Verständnis einfließen. Wird dem Charisma zum Beispiel eine habituelle Grundstruktur unterlegt und die pneumatische Ursprungsrelation auf den initialen Akt der Verleihung reduziert, dann wird das Charisma zu einer dem Menschen verfügbaren Begabung, zu einer geistlichen Qualität und Auszeichnung. Dem widerspricht aber die dynamisch-aktuale Akzentuierung des neutestamentlichen Charismabegriffs (→ 5.3). Ähnliches gilt für die Verhältnisbestimmung von Charisma und Amt. Sie fällt bei Paulus wesentlich differenzierter aus, als der Sohm’sche und Weber’sche prinzipielle Antagonismus vermuten lassen (→ 5.6).
2.3 Die Wiedergewinnung der theologischen Relevanz der Charismenlehre in der Theologie des 20. Jahrhunderts
2.3.1 Edmund Schlink: Charismatische Erfahrungen der Bekennenden Kirche
Die Impulse, die einzelne Theologen im 19. Jahrhundert zur Neuentdeckung der Charismenlehre gaben, wurden in der Theologie nach dem zweiten Weltkrieg aufgenommen, so dass es zu einer Wiedergewinnung ihrer theologischen Relevanz kam. In der Diskussion um die kirchliche Reorganisation nach dem Zusammenbruch und vielfachen Scheitern der evangelischen Kirchen unter der nationalsozialistischen Diktatur wurde der Ruf nach theologischen Klärungen laut, die den bisherigen Horizont der konfessionellen Ekklesiologie überblicken und die neuen Erfahrungen reflektieren, die die Gemeinden der Bekennende Kirche gemacht hatten:[262] Als ihnen durch Inhaftierung oder Einberufung die Mehrheit ihrer Pfarrer genommen worden waren, kamen bisher verborgene Charismen zum Vorschein.[263] «Mündige Gemeinde» wurde Wirklichkeit.[264] Edmund Schlink beschreibt diese Erfahrungen in seinem Rechenschaftsbericht über den «Ertrag des Kirchenkampfes» (1947).
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