Erst als die Hebamme auf ihn zutrat, fragte der Junge leise: „Ist alles gut verlaufen?“
„Ja.“ Sie nickte. „Es war nicht allzu schwer. Dieses Mädchen besitzt mehr Kraft als es scheint.“ Sie warf einen Blick nach hinten. „Und Ihr habt einen gesunden Sohn.“ Sie sah ihn wieder an. „Ruft nach mir, falls sich die Nachgeburt ankündigen sollte. Ich warte hier draußen.“ Mit diesen Worten schloss die Hebamme die Tür hinter sich.
Der Junge verharrte immer noch auf der Stelle. „Ich habe bereits erfahren, aus welchem Grund nach mir geschickt wurde“, sagte er schließlich leise, noch ehe das Mädchen ein Wort gesprochen hatte.
Sie nickte langsam. „Sie sagen, dass es das Beste wäre, wenn du ihn mitnimmst“, meinte sie dann.
Der Junge stand reglos und starrte zu Boden, aber als ihm die junge Mutter ihre Hand entgegenstreckte, trat er an sie heran und kniete neben ihr nieder. Er stürzte sich nahezu auf sie und küsste ihre Finger wie ein Verhungernder. Das Mädchen aber neigte sich zu dem winzigen Kind hinab, das mittlerweile in ihren Armen eingeschlafen war, und betrachtete es liebevoll, bis sie plötzlich mit einem Stoß ausatmete und das Neugeborene in den Schoss des Jungen vor ihr bettete. Augenblicklich löste er seine Hände von dem Mädchen und schloss seine Finger um den warmen Körper des Kindes.
„Wenn ich das alles doch früher gewusst hätte“, meinte er leise.
„Was dann?“, fragte das Mädchen. Ihre Augen schienen voll banger Erwartung.
„Dann wäre ich bereit gewesen ...“ Der Junge brach ab.
„Zu töten?“, vollendete das Mädchen seinen Satz. Und es lag eine Spur von Entsetzen in ihrer Stimme.
„Möglicherweise.“ Er hob den Blick und sah sie an.
Dann beugte er sich über das Mädchen und suchte ihre Lippen, aber sie wich vor ihm zurück und drehte den Kopf zur Seite. Da wurden die Augen des Jungen hart.
„Ich verstehe“, sagte er mit Bitterkeit. „So haben sich die Dinge also verändert, nicht wahr?“
„Gar nichts verstehst du!“, fuhr ihn das Mädchen an. „Blieb mir denn eine andere Wahl?“
„Nein“, stimmte der Junge zu. „Wohl kaum.“ Er betrachtete sie. „Warum weinst du dann?“, wollte er wissen.
„Weil …“ Die Wangen des Mädchens waren nass. „Weil du … Weil ich dich …“
Er beugte sich wieder über sie. „Wenn du leben willst, dann musst du all das vergessen, was gewesen ist.“ Sanft strich er ihr die vom Schweiß und der Schwüle des Raumes verklebten Haare aus dem Gesicht. „Und versprich mir, dass du nie wieder meinetwegen weinst.“ Er legte eine seiner Hände an ihre glühenden Wangen. „Willst du mir das versprechen? Zum Abschied?“
Das Mädchen nickte und trocknete ihre Augen. Anschließend löste sie mit einer schnellen Bewegung einen Armreif, den sie um das linke Handgelenk getragen hatte. Der Reif war schmal, aus Silber gedreht und mit zwei dunkelroten Edelsteinen besetzt.
„Für das Kind“, sagte das Mädchen und hielt dem Jungen das Schmuckstück entgegen. „Sobald er alt genug ist, um alles zu verstehen, kannst du es ihm geben, wenn du es für richtig hältst. Ich habe leider nichts anderes hier, was ich dir für ihn mitgeben könnte.“ Sie brach ab.
Der Junge küsste ihre Hand, ehe er den Reif an sich nahm. Dann erhob er sich rasch, wandte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Das Kind presste er fest an sich. Die Hebamme, die vor der Tür gewartet hatte und nun wieder zu dem Mädchen in den Raum hineinging, nahm er kaum wahr.
„Lass mein Pferd bereit machen!“, wies der Junge stattdessen den ersten Diener an, der ihm entgegenkam. „Ich will augenblicklich aufbrechen. Und bring mir eine warme Decke für das Kind.“
Der Diener lief und der Junge folgte ihm langsam. Er war so versunken in den Anblick des Kindes auf seinem Arm, dass er wenig später beinahe mit der älteren Frau zusammengestoßen wäre.
„Herrin“, entschuldigte er sich.
Sie spuckte vor ihm auf den Boden und bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Scher dich davon mit deinem gottverdammten Bastard!“, fuhr sie ihn an. „Ich will dich hier nicht mehr sehen. Und komm bloß nicht auf den Gedanken, mir das Geld für die Hebamme zurückzugeben. Das übernehme ich gerne für dich, wenn ich dich bloß nicht mehr zu sehen brauche.“
Der Junge schwieg.
„Ich glaube beinahe, du hast keinen Verstand in deinem Kopf“, schimpfte die Frau weiter. „Oder haben dich deine Erzieher nicht oft genug verprügelt, um dir Manieren beizubringen? Was war bloß in dich gefahren, dass du wissentlich solch ein Unglück heraufbeschwören konntest?“
Der Junge sah ihr geradewegs in die Augen. „Ich habe sie geliebt, Herrin“, erwiderte er.
„Geliebt?“ Sie lachte. „Das nennst du Liebe? Gemeinhin nennt man es wohl anders.“ Und die Frau machte eine äußerst unschöne Geste.
Da wurden auch seine Augen kalt. „Was versteht Ihr schon davon?“, fragte er barsch.
„Nun, vermutlich überhaupt nichts“, höhnte sie. „Aber ich lasse mir gerne von einem Grünschnabel wie dir allerhand über diese Dinge erzählen. Also?“ Sie blickte ihn herausfordernd an.
Doch der Junge schüttelte den Kopf.
Auch die Frau wirkte erschöpft. „Lassen wir das“, sagte sie. „Es hilft ja nun doch alles nichts mehr.“ Sie schien ein wenig versöhnlicher und warf einen Blick auf das neugeborene Kind. „Du wirst so bald wie möglich eine Amme brauchen.“
„Ja“, erwiderte der Junge.
„Ich kümmere mich darum“, versprach sie.
Der Junge nickte und wollte eben zu einem Dank ansetzten, als ein schriller Schrei den Gang hinab drang. Ihm folgte ein zweiter.
„Um Gottes Willen, das wird gewiss die Nachgeburt sein!“, rief die ältere Frau. „Ich muss wieder hinein!“ Sie lief davon.
Der Junge sah ihr einen Augenblick nach. Dann stieg er schließlich die Stufen hinab. Doch jeder Schritt, den er sich mit dem Kind auf dem Arm weiter von dem Mädchen entfernte, ließ ihn altern. Machte ihn verschlossener, härter und kälter. Als er schließlich am Fuß der Treppe angelangt war, war der Junge ganz und gar zum Mann geworden. Wortlos nahm er im Hof der Burg sein Pferd entgegen und ließ sich das Kind hinaufreichen. Und als er letztendlich das Tor der äußeren Ringmauer passierte, da war von Jugendlichkeit auf seinen Zügen keine Spur mehr zu finden.
„Nun beeil dich doch bitte ein bisschen!“, drängelte Anna ungeduldig und zappelte aufgeregt mit Armen und Beinen. „Die ersten Gäste kommen bereits.“
Das junge Mädchen schob den Vorhang vor ihrem Fenster beiseite und spähte neugierig in den Hof der Burg hinab, in dem gerade ein kunstvoll verzierter Wagen vorgefahren war. „Vielleicht ist Judith sogar schon da.“
„Herrgott noch mal, immer dasselbe mit Euch!“, schimpfte Maria, während sie sich damit abmühte, ihrer Herrin ein blaues Kleid anzulegen. „Haltet endlich einmal still!“ Sie zerrte den Vorhang wieder vor das Fenster. „Wollt Ihr, dass man Euch von unten halb nackt betrachten kann?“
Vor Wut zog die Dienerin so heftig an den seitlichen Bändern des Gewandes, dass dem Mädchen schier die Luft wegblieb.
„Aua!“ Anna wand sich. „Macht es dir eigentlich Freude, mich immer derart zu quälen?“, fragte sie mit einem nahezu bösen Gesichtsausdruck.
„Ein wenig“, nuschelte die Frau frech. Endlich hatte sie dem Mädchen das Gewand angelegt. Sie zupfte an dem Stoff und glättete die Falten. „Sehr hübsch“, meinte sie anschließend. „Es steht Euch so gut. Ganz zu schweigen von den Stickereien.“ Maria strich beinahe ehrfürchtig über den perlenverzierten Einsatz auf der Vorderseite des Kleides. „Ihr seid wirklich eine Künstlerin.“
Anna zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern, betrachtete sich allerdings weiterhin im Spiegel hinter dem Waschtisch und als ihr die Dienerin für einen Moment den Rücken zuwandte, um nach Kamm und Haarnadeln zu suchen, zog das Mädchen eine dünne Kette hervor, die hinter der Schüssel verborgen gewesen war. An einem schmalen Lederband hing ein silbrig glänzender Anhänger in Form eines Ahornblattes. Doch Anna kam nicht dazu ihn umzubinden, weil Maria sich plötzlich aufrichtete. Daher verbarg sie die Kette in ihrer linken Hand.
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