„Defensio pro populo anglicano“, schnarrte die Maschinenstimme.
„Defensio pro populo angli... was?“, entfuhr es Schollenbruch reflexartig.
Sein Gegenüber richtet sich langsam und, wie es Schollenbruch schien, genüsslich auf.
„Kurz gesagt war John Milton ein Verfechter des Gedankens von der Freiheit der Völker und deren Recht zum Tyrannenmord.“
Dieser Irre war einer von diesen vollkommen durchgeknallten und selbstgefälligen Pseudoidealisten. Oh mein Gott. Wie sollte er hier jemals wieder heraus kommen?
„Schön, schön.... Ich meine...“, stotterte Schollenbruch. „Es ist doch zunächst einmal sehr lobenswert, dass Sie sich mit der Geschichte der Staatsphilosophie auseinandersetzen. Ich muss gestehen, dass auch ich ein gewisses Faible für die Geschichte und die Entwicklung der Staatsformen habe, wenn auch mehr im Zusammenhang mit den rein volkswirtschaftlichen Möglichkeiten.“
Schollenbruch hielt inne. Seine Augäpfel rollten wild in den von der Vorrichtung zwangsgeöffneten Höhlen. Sein Atem ging schnell und stoßweise. Speichel lief ihm in dünnen Fäden aus dem Mundwinkel und tropfte unaufhörlich auf seinen nackten Oberschenkel. Sein Körper zuckte plötzlich und Schollenbruch warf sich mit aller Kraft gegen die ihn fixierenden Fesseln. Schaumfetzen flogen aus seinem Mund als er den Maskenmann anbrüllte.
„Sie aufgeblasener, eitler Kretin. Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind? Sie haben mich betäubt, entführt und nackt auf dieses Folterinstrument gefesselt. Wissen Sie, wie viel Jahre Sie dafür bekommen werden, Sie durchgeknallter Psychopath? – Tyrannenmord! In welchem Jahrtausend leben Sie eigentlich? Was hab ich Ihnen denn getan?“ Schollenbruchs Stimme überschlug sich.
„Ich bin ein angesehener Geschäftsmann. Ich habe Verbindungen bis in die höchsten Ämter der Regierung. Meine Bank trägt die Last der europäischen Staatsverschuldung fast komplett auf ihren Schultern. Der Finanzminister geht in meinem Haus ein und aus und die Kanzlerin unternimmt keinen Schritt ohne sich vorab einen Ratschlag bei mir abzuholen. Ganz zu schwiegen von der bedingungslosen Rotarier-Kameradschaft, die mich mit dem Innenminister verbindet. Haben Sie überhaupt die leiseste Vorstellung davon, was mit ihnen geschehen wird, wenn die Sie finden? Und das werden die, verlassen Sie sich darauf.“
Erschöpft sank Schollenbruch in sich zusammen. Wie ein Häuflein Elend saß er nun da. - Nur sein Penis erfreute sich einer erstaunlichen aufrechten Haltung.
Oh mein Gott, wie entwürdigend. Schollenbruch wurde immer deutlicher bewusst, wie wenig er der ganzen Situation gewachsen war.
„Sehr beeindruckend, Herr Schollenbruch.“ Guy Fawkes applaudierte.
“Nein wirklich, Da Capo. Und das meine ich tatsächlich im Wortsinn.“ Schollenbruch zitterte jetzt vor Scham und Verzweiflung.
„Das war so wunderbar authentisch. Diese aufrichtige Empörung. Dieser machtbewusste Verweis auf ihre Verbindungen und Bekanntschaften. Die Verachtung für das Proletariat und am Ende diese Drohung. Ein wenig aus der Verzweiflung geboren, aber „Hu“ mich haben Sie richtig ein bisschen eingeschüchtert. Das ist schon eine Wiederholung wert.“
Die Maske ließ ein leises Lachen hören, das sich durch die elektronische Verzerrung wie der stotternde Anlassversuch eines Schiffsdiesels anhörte.
„Wenn wir gleich auf Sendung gehen, werde ich Sie zunächst mit diesem gefühlsechten Knebel zum Schweigen bringen“, rasselte die Maschinenstimme. In seiner Rechten war einer dieser Knebel zu sehen, die Schollenbruch nur zu gut aus seinen SM Sessions kannte und er begann reflexartig zu würgen.
„Aber den brauchen Sie heute eigentlich gar nicht“, fügte die Maske süffisant mit einem Blick auf sein erigiertes Glied an. „Sie sehen, ich hab keine Kosten und Mühen gescheut, ihnen den Aufenthalt so vertraut wie möglich zu gestalten.“
Die Maske hatte ihn ausspioniert. Gründlich. Schollenbruch schluchzte laut auf und stammelte mit letzter Kraft.
„Hören Sie... es tut mir…“
Guy Fawkes glitt auf Schollenbruch zu und drückte ihm den Knebel und den Rest des Satzes in den Mund.
„Sie geben wirklich alles, mein Wertester. Da wird jedes Register gezogen.“ Die Maske betrachtet angewidert ihr Werk.
„Was sind Sie nur für ein erbärmlicher Mensch“, tönte es gefährlich leise. „Sie und Ihresgleichen machen Profit mit der Armut und dem Sterben von Millionen in der Dritten Welt. Millionen, die nicht mehr in der Lage sind den von IHNEN gemachten Preis für eine Handvoll Reis aufzubringen. Und die für eure Profitgier mit dem Leben bezahlen.“ Jetzt war, elektronische Verzerrung Hin oder Her, der blanke Hass in jeder Silbe zu spüren, die dröhnend das Verließ anfüllte. Schollenbruch spürte, wie sich etwas Warmes über seine Beine ergoss, den schalenförmigen Sitz anfüllte und leise über den Rand auf den Betonboden zu tröpfeln begann. Er war wieder einer Ohnmacht nahe, aber die Erinnerung an den ätzenden Geruch des Riechsalzfläschchens hielt ihn im Hier und Jetzt.
„Jetzt haben Sie sich auch noch eingenässt. Wie wird denn das gleich auf youtube aussehen?“ Aufrichtige Besorgnis klang anders. Aber das erwartete Schollenbruch auch nicht von seinem Folterknecht. Er glitt allmählich in einen Zustand völliger Apathie ab.
„Schollenbruch, ich mache Sie zum Medienstar. Was sagen Sie dazu?“ Schollenbruch stöhnte auf und verdrehte die Augen, dass fast nur noch das Weiße zu sehen war.
„Kommen Sie, bleiben Sie bei mir.“ Guy Fawkes tätschelte seine Wangen.
„Nicht wegdämmern. Sonst muss der Onkel wieder das böse Riechsalzfläschchen holen.“
Schollenbruch schluchzte, Tränen flossen in Strömen über seine Wangen.
„Nein bitte, Sie brauchen mir doch nicht zu danken. Das Beste kommt ja noch. – Ich gebe ihnen die einmalige Chance ein Mensch zu werden. Bisher sind Sie ja noch in einer Art vormenschlichem Stadium gefangen. Im Stadium des Homo Speculantius , sozusagen. Sehen Sie, während die Welt an ihrem Leiden teilhaben darf und ihre Bank einige Milliarden an verschiede Hilfsorganisationen einzahlen wird, werden wir die Zeit nutzen und aus ihnen ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft machen.“
Mit wenigen Handgriffen reduzierte die Maske das Licht auf ein erträgliches Maß und gab den Blick frei auf eine Leinwand, die an der gegenüberliegenden Seite der Wand hing. Sie war so angebracht, dass sie Schollenbruchs Blickfeld komplett ausfüllte.
„Und hier wäre auch schon unser erster kleiner Lehrfilm. Bitte entschuldigen Sie die zum Teil lausige Qualität. Aber uns soll es doch auf den Inhalt ankommen, nicht wahr? Ich habe ihnen ein schönes Potpourri zusammengestellt.“ Die Maske drückte ein paar Knöpfe, ein Beamer fuhr langsam hoch bis er seine volle Lichtstärke erreicht hatte.
„Das Sterben in der Dritte Welt. Von der Sahelzone, über Somalia bis ans Horn von Afrika. Viel Spaß dabei und carpe diem, Dr. Schollenbruch. Wir sehen uns wieder, wenn ihre mächtigen Freunde und Vorstandskollegen meine Forderungen erfüllt haben.“
Guy Fawkes startete die Übertragung und schickte sich an zu gehen. An der schweren eisernen Stahltür wandte er sich noch einmal um.
„Sollte sich tragischer Weise herausstellen, dass ihre Freunde Sie für - wie haben Sie das doch gleich so schön formuliert - „einen entbehrlichen Bodensatz unserer Gesellschaft“ halten, dann fürchte ich, werden wir uns bedauerlicher Weise nicht mehr wieder sehen.“
Karl konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Der Streifschuss quer über seine rechte Gesichtshälfte blutete stark. Er schob sich die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und lauschte. Eine Kakophonie an- und abschwellender Töne hallte durch die Häuserschluchten des Frankfurter Bankenviertels.
Читать дальше