„Guten Abend, Herr Schollenbruch. Schön das Sie wieder bei uns sind. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“ Erschrocken zuckte Schollenbruch zusammen. Die Stimme traf ihn wie ein Peitschenhieb. Ihm wurde schwarz vor Augen. In seinen Ohren schien sich ein Orkan auszutoben. Atmung und Herzschlag setzten aus. Sein Kreislauf kollabierte. Dann wurde mit einem Schlag alles still.
Danke... Mama? Ein beißender Geruch riss ihn wieder aus seiner Ohnmacht. Riechsalz. Verzweifelt versuchte er seinen Kopf von der Quelle dieses grausam stechenden Geruchs wegzudrehen.
„Na, na, na, Herr Schollenbruch, Sie werden doch nicht jetzt schon schlapp machen? Wir haben doch noch gar nicht angefangen?“
Nicht angefangen? Ich piss mich gleich an und du sagst mir... Wenn er nur etwas sehen könnte.
„Bemühen Sie sich nicht, Herr Schollenbruch. Sie werden mich in der kurzen Zeit unseres gemeinsamen Projekts nicht zu Gesicht bekommen. Und glauben Sie mir, das wollen Sie auch gar nicht.“
Die Stimme war mit einem billigen Verzerrer bis zur Unkenntlichkeit verändert worden. Er hatte keine Chance herauszufinden, wer sich dahinter verbarg.
Bist du ein Mann oder eine Memme? Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Eingebrannte Verhaltensregeln. Er konnte die Situation immer noch kontrollieren. Er war intelligent. Bei einem Intelligenzquotienten von einhundert-dreiundzwanzig sogar überdurchschnittlich intelligent. Und Intelligenz war der Schlüssel zu jeglicher Lösung, das wusste er. Er merkte wie er ruhiger wurde.
Ich muss die Initiative ergreifen. Das Gespräch kontrollieren. Die vielen Seminarstunden „Verhandlungsstrategien in Ausnahmesituationen“ die er und seine Vorstandskollegen sich gegönnt hatten, begannen zu greifen. 10-9-8-7... Die Zehnschritte Methode der Profigolfer. Mach ihm Angebote. 6-5-4-3... Tiefenentspannung bei 0. Gib ihm Wahlmöglichkeiten. 2-1-0. Wer wählen kann denkt nach und wer nachdenkt handelt nicht.
„Hören Sie, ich habe Geld. Sagen Sie mir wie viel Sie wollen. Ich bin nicht nachtragend.“ Keine Reaktion. „Ich habe Beziehungen.“ Sein Peiniger rührte sich noch immer nicht. War er etwa gegangen? „Bitte sagen Sie doch etwas.“ - Stille. „Wenn Sie mir sagen, was Sie von mir wollen, werde ich sehen was ich für Sie tun kann.“ Immer noch rührte sich nichts hinter dem Wall aus Licht. Keine Bewegung, kein Laut.
Der will dich abkochen. Mach weiter.
„Sie wissen ja offensichtlich wer hier vor ihnen sitzt. Sie sind ein intelligenter Mensch und ihnen wird auch klar sein, wie mächtig meine Kontakte sind. Es gibt keine Grenzen. Nichts ist unmöglich.“
Jetzt sag halt was du arroganter Kretin.
„Lassen Sie uns das Ganze doch wie zivilisierte Menschen behandeln.“
„Ah, voilà Monsieur le Spéculateur. Ca c’est le sujet d'actualité.“
Der Kretin war gebildet. – War das jetzt gut oder schlecht? Schnell ging Schollenbruch alle Szenarien, die ihm einfielen durch und landete schließlich, Ironie des Schicksals, bei seinem eigenen Sinnspruch. Seinem Karrieremantra:
Gegner, die man unterworfen hat, muss man entweder glücklich machen oder vernichten! - Nicht gut! Das war gar nicht gut! – Um genau zu sein, war das richtig Schei... – „Ruhig bleiben, Johannes! – Reiß Dich zusammen! – Noch hat er Dich nicht unterworfen! Vorsichtig nahm Schollenbruch das Gespräch wieder auf.
„Möchten Sie mit mir über unsere Zivilisation sprechen? Oder über den zivilisierten Menschen an sich? Bitte, ich stehe ihnen voll und ganz zur Verfügung. Ich habe Zeit und laufe ihnen bestimmt nicht weg.“ - „Therapeutischer Humor, richtig angewandt, schuf die Möglichkeit angstauslösende Situationen neu zu bewerten und stellte außerdem eine persönliche Verbindung zwischen den Gesprächspartnern her.“
Aus dem Licht schoss ein Schatten auf ihn zu. Er erkannte die Umrisse einer Guy Fawkes Maske. Erschrocken verspannte sich sein Körper und die Fesseln gruben sich ihm tief ins Fleisch.
„Herr Schollenbruch, halten Sie mich nicht für dümmer als Sie es sein können. Strengen Sie ihren Spekulantenschmalz ein bisschen an, andernfalls kann das hier sehr schnell sehr unangenehm für Sie werden.“
„Halten Sie das hier vielleicht für angenehm?“ Die harte Tour...Du musst ihm Paroli bieten.
„Halten Sie das hier vielleicht für eine menschenwürdige Behandlung?“
Augen zu und durch. Beinahe hätte Schollenbruch laut aufgelacht bei dem Gedanken. Seine Augenlider waren ja fixiert und gestatteten ihm nicht mal ein leises Blinzeln. Mittlerweile tränten seine Augen so sehr, dass seine Folterkammer hinter einer bewässerten Glaswand zu liegen schien.
Wie lange würde er das aushalten, ohne zu erblinden?
„Sie wollen doch bloß den Preis für das Lösegeld in die Höhe treiben. Ich kenne solche Kreaturen wie Sie. Die laufen da draußen zu Tausenden herum. Arbeitsscheues Gesindel. Missgünstige Sozialneider. Gescheitertes Unterschichtengeschmeiß.“ Jetzt hatte er sich in Rage geredet. „ Der heilige Zorn war über ihn gekommen.“ , wie seine Vorstandskollegen hinter vorgehaltener Hand zu sagen pflegten.
„Selbstmitleidige Versagertypen, die nicht die Eier haben, um erfolgreich zu sein. Ein entbehrlicher Bodensatz unsere Gesellschaft.“ Er konnte den Atem seines Peinigers nicht spüren, das verhinderte diese dämliche Plastikmaske. Aber jetzt, da er seine Wut losgeworden war, spürte er dessen Aura. Eine kraftstrotzende, furchteinflössende, gebieterische Aura. Schollenbruch fröstelte auf einmal trotz der Wärme der Scheinwerfer.
Was ist mit dir los, Armleuchter? Rede gefälligst mit mir. Schollenbruch war immer noch überzeugt, dass es hier um Geld ging. Alles und jeder hatte seinen Preis.
Du auch mein Freund. Ich krieg dich. Ich hab noch Jeden gekriegt. Nichts geschah. Keine beißende Erwiderung. Der Fremde starrte ihn weiter unverwandt an, als betrachte er ein seltenes Insekt. Schollenbruch unterdrückte mühsam eine aufkeimende Hysterie.
Zuviel Adrenalin. Sein Körper versuchte den permanenten, existentiellen Stresszustand mittels körpereigener Drogen zu entschärfen. Das war gefährlich. Sehr gefährlich sogar, denn je mehr Zeit verstrich, desto weniger würde er noch in der Lage sein, die Situation objektiv einzuschätzen und vernünftig zu reagieren.
Rechne, verdammt noch mal. Rechne.
Bei einem Transaktionsvolumen von 6 Milliarden Euro und einer Rendite von 9%...
„Kennen Sie Milton, Herr Schollenbruch?“
... machte das einen Gewinn von…
Noch immer trennten ihre Gesichter, wenn man bei der Maske seines rätselhaften Entführers von Gesicht sprechen konnte, nur wenige Zentimeter. Was sollte jetzt das schon wieder?
...540 Millionen Euro. Risikofrei!
Milton, Milton? Er kannte keinen Milton und das mit dem Rechnen war wohl doch keine so gute Idee gewesen. Schollenbruch hatte das Gefühl, in zunehmendem Maße die Kontrolle bzw. den Verstand zu verlieren.
Wie lautete gleich noch mal die Frage?
„Gut möglich, dass ich einen Herrn Milton kenne. Unser Kundenstamm ist groß“, murmelte Schollenbruch kaum verständlich.
„Ich spreche von John Milton, Herr Schollenbruch,“ erwiderte die Maske ausdruckslos. „dem Dichter und Staatsphilosophen. Ich dachte, ein Mann ihres Bildungsstandes sollte schon einmal von ihm gehört haben.“ Die Maschinenstimme ließ keine Rückschlüsse auf eine Gemütsregung zu. Aber allein die Wortwahl seines Entführers legte die Vermutung nahe, dass er sich über ihn lustig machte. Viel wahrscheinlicher aber verachtete er Schollenbruch und hatte offensichtlich vor, ihn nach allen Regeln der Kunst vorzuführen und zu demütigen.
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