Und dann fahren wir in ein etwas verlassenes Viertel, das abseits liegt zwischen der Hochtrasse und dem schmutzigen Fluss unten, der gesäumt ist von Kohle- und Schutthalden, Ladekranen, Betonfabriken und verrosteten Werkhallen, die man aber nicht sieht wenn man in die Straße einfährt an der Sophies Eltern wohnen, fast idyllisch sieht es hier aus, Bäume, kleine Geschäfte, Kartenspielende Männer an Straßenecken.... Der Wohnbezirk von Sofies Eltern ist um die dreissig Jahre alt. Als ich Sophie zum ersten Mal hier besuchte, weil ich einen kleinen Film drehte über ihren Hund, der wenig später starb, sagte sie mir, weil ich noch nicht der Mann sei, für den sie sich endgültig entschieden habe als ihren zukünftigen Ehemann, könne sie mich nicht mitnehmen in ihre Wohnung, d.h. die Wohnung ihrer Eltern. In Wirklichkeit aber schämte sie sich wahrscheinlich davor, mir diese Wohnung zu zeigen, genau wie sich ihr Vater schämte, sie mir zu zeigen. Als ich zum ersten mal eingeladen wurde zum Frühlingsfest der Familie, ein paar Monate vor unserer Hochzeit, traf ich Sophie in einem Restaurant ein paar Stunden vor dem großen Ereignis und Sophie war verlegen und etwas bedrückt, als sie mir gestand, dass dieses Jahr das Fest nicht wie all die Jahre zuvor bei ihr zu Hause sondern bei Onkel Shu shu stattfinden sollte, weil ihr Vater beschlossen hatte, ihre Wohnung vollständig zu renovieren, das würde zwei drei Monate lang dauern und sie würde es bezahlen. Sophie hatte einen riesigen Krach mit ihren Eltern deswegen, weil sie wollte ihr mühsam zusammengespartes Geld nicht dafür ausgeben, die Wohnung im fünften Stock zu renovieren, die sowieso bald aufgegeben werden sollte, wenn nämlich ihre Eltern nicht mehr die vielen Treppen steigen könnten. Außerdem gedachte sie, die Eltern dann finanziell zu unterstützen, wenn sie es wirklich brauchten, im hohen Alter, wenn sie Pflege oder eine Operation brauchten. Wie es alte Sitte in China ist, fühlt sie die Verpflichtung, ihre Eltern im Alter zu versorgen. Ganz abgesehen davon, dass ihr das auch ihr christlich geprägtes Gewissen gebietet.
Aber ihr Vater bestand darauf, das meiste Geld jetzt sofort für die Wohnung auszugeben, so wichtig war es ihm, dem künftigen Schwiegersohn einen schönen Schein zu präsentieren. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Sophie das Familiengeheimnis an mich ausplaudern würde. Er erzählte mir beim Fest, dass es eben so üblich sei, dass die Familie sich bei Onkel Shu shu treffe zum Frühlingsfest, alte Tradition, das sei schon immer so gewesen.... Und das alles nur, weil er und seine Frau denken, ich als Mann aus Deutschland muss steinreich sein. Da haben sie sich geirrt. Sophie kennt die Wahrheit, hat aber ihren Eltern, um sie nicht zu schocken, keinen reinen Wein eingeschenkt. Sie sind reicher als ich. Sie haben eine eigene Wohnung, ich nicht. Ich habe Schulden.
Sofie klopft laut an die neue, glänzende, dunkelbraune Tür „Mama!“
Die Tür geht auf, die dicke Mama streckt ihre Arme aus, um als erstes Anna wie ein zugestelltes Paket in die Arme zu nehmen, spitzt ihre Lippen zu einem Kuss und drückt das kleine Mädchen an sich, ihre Augen werden weich und zärtlich und schon plappert sie kindlich liebkosendes Zeug „ Anna, Annalein....kleine Maus, Mausi, komm rein, wie geht es Dir.?“ und schleppt sie wie einen kostbaren Schatz nach hinten ins Wohnzimmer.
Papa steht wie meistens wenn wir ihn besuchen schon am Herd, eine grüne Schürze um und etwas brutzelt in der Pfanne. Die Eingangs-Tür führt direkt in die Küche, in der auch um einen rechteckigen Tisch, der zu einem großen runden ausgeklappt werden kann, gegessen wird.
In der Wohnung ist alles neu, schick und modern. Die Küchen-Uhr an der Wand ist in Form eines grinsenden Mickymauskopf gestaltet. Die Einbauküche ist in dezentem Braunton gehalten, der ehemalige Balkon wurde in die Wohnung integriert, so dass sie etwas grösser aussieht, aber zwischen dem großen fetten Ledersofa und dem niedrigen Tisch davor ist nicht mehr viel Platz bis zum Flachbildfernseher an der gegenüberliegenden Wand. Das Sofa hat ein Vermögen gekostet und wurde im Fernsehen bei einer Verkaufsshow bestellt. Dann gibt es noch ein Schlafzimmer mit einem Ehebett, das fast den ganzen Raum einnimmt. Dort wird eine ganze Wand von einem Einbauschrank verkleidet. Dessen Türen gleiten auf Schienen.
Im Bad ist eine Toilette nach westlichem Standard eingebaut, die sich auch so nennt „American Standard“ heißt die chinesische Firma, deren Schriftzug auf dem Klo-Deckel prangt.
Papa hat speziell für mich ein paar Kostbarkeiten gekocht, nämlich Kartoffeln, Möhren und klein gehacktes Hühnchenfleisch gemischt mit einer grünlichen Currysauce, mein Lieblingsessen, einen Teller Schrimps, große Scheiben Schweinebraten, dunkelbraun in fast schwarzer Soyasauce schwimmend. Zu allem gibt es natürlich Reis und auch eine wunderbar aromatisch schmeckende Fischsuppe. Beim Essen lobe ich Papa für seine Künste und sein Gesicht hellt sich auf, wird strahlend, wenn er meine Komplimente hört.
Später verabschiede ich mich und gehe mit Sophie ein paar Häuser weiter in Onkel Shushus Wohnung, der um die Mittagszeit noch arbeitet. Dort lässt mich Sophie dann mit einem Chinesich Lehrbuch und zu korrigierenden Hausaufgabenheften von Studenten alleine, während sie in die elterliche Wohnung zurückkehrt.
Eine friedliche Atmosphäre umgibt mich, es ist ein sonniger Tag. Von der Straße unten klingt schwach der Lärm herauf, der an Freibadgetöse im Hochsommer erinnert, das man aus der Ferne wahrnimmt. Vor dem Fenster, das dem Innern des Wohnbezirks zu gewandt ist, hängt frisch gewaschene Wäsche. Weil die Chinesen ihre Wäsche im Freien trocknen, sind sonnige Tage Waschtage. Wie Spiesse ragen überall die langen Bambusstangen vor den Fenstern in die Luft. Daran geheftet schaukeln jetzt überall bunt leuchtende Höschen und Büstenhalter, Hemden, Hosen und Betttücher im leichten Frühsommerwind.

Geld
Ich bekomme mein Geld nicht auf mein Konto überwiesen, sondern von zwei verschiedenen Stellen und immer in Bar. Um mein Grundgehalt zu bekommen, muss ich im alten Campus in das Verwaltungsgebäude der Uni gehen, dort empfange ich vom Sekretär, der für ausländische Angelegenheiten zuständig ist, mit freundlichem Lächeln, und ein paar netten Worten ein Papier, mit dem ich ein paar Häuser weiter zur Zahlstelle gehe und dort bekomme ich nach einigem Herumdoktern, Notieren und Unterschreiben mein Geld in Scheinen in die Hand gedrückt. „Bitte nachzählen!“
Die roten Hundert Yuan- Scheine durch meine Finger gleiten lassen, die ich ab und anfeuchte, damit die Scheine besser haften. Volksheld und Massenmörder Mao lächelt von allen Scheinen mir milde zu, während die Sachbearbeiterin von ihrem Sessel hinter der Theke zu mir abwartend aufschaut. Hab ich mich verzählt?
Diese Bar-Bezahlung ist auch in China ungewöhnlich, wie ich von anderen Lehrern hörte. Ob sie damit Steuern umgehen wollen?
Bei unserem bescheidenen Lebensstil haben wir ein paar Hundert Euro übrig am Monatsende und ich habe immer das Gefühl, genug Geld zu haben, nur Sophie macht sich Sorgen, kauft sehr sorgsam und sparsam ein, redet ab und zu besorgt von der Zukunft. Wie wird es weitergehen, wenn ich älter werde, wenn ich noch älter werde? Ich werde in diesem Jahr noch sechzig....
Sophie hat als Bibliothekarin gearbeitet, jetzt kann sie für das Kind knapp ein Jahr zu Hause bleiben und bekommt noch rund ein Drittel ihres Gehalts ausbezahlt. Wir haben beschlossen, dass wir unser Geld nicht mehr fein säuberlich trennen, sondern es mischen, es als ein gemeinsames Geld betrachten. Das hat den Nachteil, dass wir größere Anschaffungen gemeinsam besprechen müssen und nicht immer einer Meinung sind. Sophie ist viel sparsamer als ich, der ich bisher in meine ganzen Leben noch nie gespart hatte.
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