Auf Platz zwei liegt Deutsch als Fremdsprache, direkt hinter Englisch und gleichauf mit Japanisch. Französisch, Spanisch, Russich weit abgeschlagen dahinter. Das hat seinen Grund darin, dass die deutsche Industrie massiv in China vertreten ist, sogar Mittelsständler haben ihren Fabriken hier. 12 000 Deutsche leben in Shanghai. Deutschland hat einen guten Ruf in China, die deuschen Autos werden hoch geschätzt und sind überall zahlreich auf den Strassen zu sehen.
Später schlendere ich auf dem Weg zur Mensa über das Unigelände, ungefähr 20 000 Studenten sind hier untergebracht in 12-stöckigen weißen Wohnblocks, die sich genau gleichen. Vier bis sechs Studenten zusammen auf kleinem Raum, keine Heizung, kein Fahrstuhl, Duschen auf jedem zweiten Stock. Aber das mit der fehlenden Heizung wird nicht als Problem empfunden, alle Wohnungen in Shanghai haben keine Heizung, wie wir sie kennen, an der Wand hängt eine Luftmaschine, die im Sommer kühlt und im Winter manchmal wenn es sehr kalt wird, warme Luft hinausbläst, die meisten Leute in Shanghai heizen grundsätzlich und traditionell nicht. Die Wohnblocks der Studenten sind von einer Mauer und hohem Geländer umgeben, um zu ihnen zu gelangen, muss man durch ein Tor, das bewacht ist. Wie auch die ganze Anlage von einer hohen Mauer und Wassergräben umgeben und nur durch drei große bewachte Tore zugänglich ist.
Der ganze Campus ist ästhetisch reizvoll und großzügig gestaltet, viel Platz zwischen den Gebäuden, auch zwischen den Blocks für die Studenten, Grünanlagen, Bäume entlang der breiten Straßen, alle Lehrgebäude bis auf wenige Ausnahmen im selben Stil gehalten, also von einem Architektenteam gestaltet, eine bestimmte Idee, die immer neu variiert wird. Karmin-Rot und weiß sind die Farben, große Fenster, Außentreppen, dicke rote Säulen, glitzernde Messing-Geländer, über Straßen und Innenhöfe gespannte Fußgängerbrücken, die Gebäude verbinden. Ein ziemlich großer See, der sich um die Bibliothek herum schmiegt, ein Kanal als Mittelpunkt und Querachse, an dem entlang viel Volk sich bewegt, eine Geschäftszeile, die auf die Mensa zuführt, links und rechts kleine Geschäfte, zwei Supermärkte, ein Obst-und Gemüseladen, Computer und Handys, zwei Geschäfte für Backwaren und alles was Studenten und Studentinnen gerne naschen, ein Copyshop, T- shirts, Regenschirme, Basketballkappen und Toilettenpaper, man findet fast alles… Was fehlt, sind Bänke…nirgendwo Bänke zu sehen, am Kanal und dem See entlang warnen Schilder vor den Gefahren des Wassers. Da das Wasser wie überall in Shanghai verschmutzt ist, denkt ohnehin kein Student im Sommer an Baden.
In der Mensa bieten dutzende verschiedene kleine und große Firmen auf drei Stockwerken ihr Essen an, die Vielfalt ist deshalb bedeutend grösser als in deutschen Mensen, die nur vier oder fünf verschiedene Speißen zu bieten haben.
Es gibt auch Sportanlagen, ein riesiger Basketballplatz, auf dem um die Mittagszeit Hunderte von Jungs schreiend herumrennen, Tennisplätze, ein Stadion mit Laufbahnen, Räume für Krafttraining, Hallen für Unifeste und Versammlungen, Computerräume im Studentencenter, einem wuchtig großen Gebäude, die Bibliothek steht als riesiger massiver Quader am See, die Trutzburg des Wissens. 8 Stockwerke hoch, der Eingang eine hohe Halle, die dem Eingang zugewandte Wand geschmückt mit zwanzig Meter hohen Bildern von alten Männern mit langen weißen Bärten in bis zum Boden reichenden Gewändern und einer Frau. Es sind berühmte Gestalten aus den Anfängen der Chemie in China, man könnte sie Alchemisten nennen. Diese Universität hat einen hervorragenden Ruf im Fach Chemie.
Der ganze Campus ist zwei bis drei Quadratkilometer groß. Man sieht hier deutlich den Willen der chinesischen Regierung, in Ausbildung zu investieren als Teil des großen Aufstiegsplans, den Westen zu überholen.

Die Nacht verbringe ich in einem kleinen Zimmer in einer Art Hotel für Lehrer und Gäste der Uni. An zwei Tagen habe ich 16 Stunden Unterricht hier draußen in Fengxian, das ist ein hartes Programm, müde und erschöpft komme ich danach nach Hause. Die restlichen vier Stunden unterrichte ich auf dem alten Campus in der Nähe unserer Wohnung. Dort steht eine riesengroße Statue von Mao zentral in der Mitte des Campus, wegweisend die Hand erhoben auf einem Podest einem weiten leeren Rasenplatz zugewandt. In allen staatlichen Universitäten Chinas stehen diese riesigen Mao Statuen in der Mitte des Campuses herum. Aber auf dem neuen Campus ist kein Mao zu finden und das scheint auf allen in den letzten Jahren neugebauten Universitäts-Arealen Chinas der Fall zu sein.
Nicht weit weg, ganz in der Nähe muss hier irgendwo das Meer sein, im Sommer, wenn es wärmer ist, werde ich es erkunden, ich werde mir vielleicht ein Fahrrad besorgen und dann rausfahren ans Meer...
Presslufthammer
Den Kopf hin- und her drehen
Kann das Kind am Anfang schwer,
ist aber schon in den ersten Tagen möglich.
Den Kopf heben, während der Körper auf dem Bauch liegt,
geht allmählich in den ersten Wochen.
Sich zur Seite drehen fängt nach einem Monat an.
Die Beine anwinkeln und hochheben aus liegender Lage
geht nach drei Monaten
Auf dem Rücken liegend mit den Beinen strampeln
gelingt Im fünften und sechsten Monat
Sich vollständig zur Seite drehen aus der Rückenlage auf den Bauch gelingt nach einem halben Jahr
Der nasse kalte Winter weicht allmählich dem milderen Frühling und jeden Tag mehr machen wir uns Mut: Wir schaffen das, es wird schon besser, das ist nur der Anfang, mit jedem Tag wird es leichter und es wird auch mit jedem Tag leichter... weil wir immer besser wissen, wie man mit Anna umgehen muss, weil wir immer leichter erahnen, was sie braucht, wenn sie nörgelt, quengelt oder gar schreit, was nicht ausschließt, dass wir ab und zu Krach haben wegen Anna, Krach darüber, wie man sie richtig behandelt…Und so sitzen wir an einem friedlichen sonnigen Frühlingsmorgen auf dem Sofa.....
Anna auf meinem Schoss, die wie immer versucht, an mir hochzuklettern, was ihr noch nicht so richtig gelingt, oder Erkundungen auf dem Sofa zu unternehmen, was ihr auch nur mit meiner Hilfe gelingt, es ist acht Uhr morgens, die Nacht war nicht allzu schwierig, wir sind entspannt, Sophie geht in die Küche, um ein Nudel-Frühstück herzustellen, ihr Lieblingsfrühstück, es ist ruhig, wir sind hier ziemlich weit entfernt von der nächsten größeren Straße und hier im ummauerten Wohnbezirk fahren mit Autos nur die Anwohner herum und es gibt nicht all zu viel Autos,
eine sanfte Sonne scheint in den Raum, plötzlich:
DDRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR DDRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRR
Was war das?
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
DRRRR DRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
kleine Pause und:
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRR DRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
Was ist das?
Jemand über uns bohrt wahnsinnig laut
Was soll das?
Anna fängt an zu jammern, klammert sich schutzsuchend an mich, blickt mit aufgerissenen Augen nach oben wie ich.
Plötzlich:
BUMMMMM BUMMMMMMMMMMM BUMMMMMMMMMMMM BUMMMMMMMM
Das muss ein Vorschlaghammer sein, er schlägt dumpf und hart zu, die Wände zittern
Sophie kommt aus der Küche.
„Was ist das denn? Was machen die, reißen die Wände raus oder was?“
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