1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Letztes Jahr im Herbst fuhren Sophie und ich mit Jin Jin und ein paar ihrer Verwandten auf einem Auto-Fährschiff zusammen aufs Meer hinaus, um die Asche ihrer Mutter ins Wasser zu werfen. Das machen die armen Leute in Shanghai, ein warmes Plätzchen in der Erde auf einem Friedhof ist inzwischen astronomisch teuer geworden. Die Behörden nutzen schamlos aus, dass die Verwandten bei einem Todesfall zahlen müssen, es gehört sich so. Nur dass das Geld-Couvert in diesem Fall nicht rot, sondern weiß ist. Es war ein sonniger Tag, ein paar Hundert Leute bevölkerten den großen Saal auf dem Oberdeck, Volksfest-Atmosphäre, Sandwich-essende Familien, die ihre kleinen Asche-Urnen diskret in Taschen versteckt mitgebracht hatten. Ein Vertreter der Bestattungsfirma, die diesen Ausflug aufs Meer organisiert, sollte ein Art Toten-Ritual abhalten, sagte Sophie. Aber zu meiner Überraschung prahlte er bei seiner Ansprache am Mikrofon damit, dass jedes Jahr die Zahl der Kunden steige und wie gut seine Firma das alles organisiere und wünschte noch weiterhin eine gute Fahrt auf seinem Super-Schiff! Nach einer halben Stunde, die Küste vor Shanghai in Sichtweite, verlor der Kahn an Fahrt und über Lautsprecher kam die Durchsage, jetzt könne man die Asche abwerfen. Alle gingen nach unten in den großen leeren Raum, in dem sonst Autos parken, die Schritte hallten hohl auf dem eisernen Boden und an dem Geländer waren kleine Kästen angebracht, in die man die Asche leeren konnte, die Kästen hatten unten eine Öffnung. Manche hatten auch Blumen mitgebracht, die sie ins Meer warfen, der Asche hinterher. Wir standen um diesen Kasten herum und ich fotografierte. Jin Jin war gefasst, die Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Monate tot. Niemand weinte außer Sophie. Sie hat Jin Jins Mutter geliebt, mehr als ihre eigene Mutter. Schon als kleines Kind war sie so oft wie möglich bei ihr, die im Nachbarhaus wohnte. Auch als Erwachsene war sie ihr nah geblieben und hat sie zusammen mit Jin Jin in den Tod begleitet, stundenlang an ihrem Bett sitzend, im Krankenhaus und später zu Hause. Ein Lungenkrebs mit zunehmend unerträglicher werdenden Schmerzen. Sophie und Jin Jin standen Arm in Arm an der Reling und schauten aufs glitzernde Wasser. Vor der Küste standen zahlreiche Schiffe, das ganze Meer um uns war dicht bevölkert mit Tankern und Containerschiffen, auf der Rückfahrt kamen wir an ein paar grauen Kriegsschiffen vorbei, die vor Anker lagen. Als wir das Schiff verließen, krachte und böllerte es plötzlich mehrmals heftig. Die Besatzung wollte böse Geister vom Schiff jagen.
Nach dem Essen räumt Jin Jin die Teller ab, geht in die Küche und fängt an, abzuwaschen, ich will sie vom Waschbecken verdrängen, tu das aber wohl nicht handfest überzeugend genug, sie behauptet ihren Platz und fährt fort. Ich ziehe mich erleichtert zurück.
Am Nachmittag dann die Premiere, Jin Jin nimmt Anna in den Arm. Anna schaut mit großen Augen nach oben, Jin Jin mit großen Augen nach unten. Anna dreht sich weg und weint ein bisschen, aber Jin Jin lässt sich nicht beirren, schaukelt sie sanft auf ihrem Arm hin und her und spricht leise begütigend auf sie ein und schließlich beruhigt sich Anna, atmet auf, fasst Vertrauen und entspannt sich, Jin Jin lacht. Später macht es sich Jin Jin mit Anna in unserem Shu Shu Fu Fu bequem, so haben wir den Ikea- Schaukelstuhl getauft, den ich für Sophie gekauft habe. Shu Shu Fu Fu heisst einfach „bequem“ oder „angenehm“. Und das ist er auch. Man kann sich richtig gut darin entspannen, zurücklehnen und langsam alles gehen lassen und in den Schlaf gleiten, dabei leise hin und her schaukeln mit leichtem Wippen auf den Zehenspitzen…
Den Shu Shu fu fu haben wir aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer gestellt, damit Sofie dort Anna stillen kann. Jetzt hat sich Jin Jin darin zurückgelehnt, Anna schmiegt sich an sie, scheint zu dösen, wir ziehen leise die Vorhänge vor, damit es dämmrig wird im Zimmer und lassen Jin Jin mit ihrem Kind alleine…
Anna ist jetzt knapp zwei Monate alt, schaut meistens etwas zerknittert in die Welt, irgendwie unglücklich, wie aus einem schlechten Traum erwacht und noch nicht richtig in dieser Wirklichkeit angekommen. Noch nicht so richtig da. Als sei ihr das alles zuwider, als sei die Seele in einem Körper angekommen, den sie als sehr seltsam und fremd empfindet, als lästig. Ihre Augen irren herum und suchen zu verstehen. Sofie beruhigt mich, alle Kleinkinder schielen, wenn man zu nahe an sie herankommt, verengt sich ihr Blickwinkel, sie versuchen zu fokussieren, wahrscheinlich sehen sie die Welt noch als buntes Durcheinander von Farben, Lichtschattierungen und Geräuschen. Andererseits meine ich, klare Erinnerungen zu haben an meine Zeit im Mutterleib. Wie ich gemütlich herumschwamm und dumpfe Geräusche wahrnahm von draußen und allmählich versuchte zu verstehen, was hier los war und wie es mir dann auf die Dauer zu eng und ungemütlich wurde und wie ich herumstrampelte und mir Platz zu schaffen versuchte und wie ich mich dann durch einen engen Kanal zwängte und nur widerwillig hinauskam, herausgezerrt wurde und mit Geschrei empfangen wurde in einer grellen Helle.
Der österreichische Mystiker Jakob Lorber, der im 19. Jahrhundert lebte, sagte, dass es zwei Wege gebe, Mensch zu werden. Der eine sei durch einen langen Entwicklungsweg aus der dunklen Materie, über mineralisches und pflanzliches Leben, dann durch eines oder mehrere Leben in Tieren schließlich bis zum Erwachen in einem Menschen. Also ein Entwicklungsweg ähnlich dem, was Darwin als Evolution beschrieben hat. Der andere Weg sei der, dass Gott direkt einen sogenannten Engel, also ein geistiges Wesen, herabschicke auf die Erde, um Mensch zu werden und eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, was allerdings selten vorkomme. Lorber nannte sich den Schreibknecht Gottes, weil er eines Tages eine Stimme hörte, die ihm sagte: Nimm einen Stift und schreibe, hier spricht Gott. Er hat so Tausende von Seiten über Jahre hinweg vollgeschrieben und hat heute eine große Gemeinde von Verehrern. Aber andere sagen, er sei ein geisteskranker Spinner gewesen.
Sophie und ich sind froh, dass Jin Jin uns ab und zu Atempausen verschafft, indem sie Anna übernimmt. Manchmal lassen wir sie zu lange alleine im Schlafzimmer und dann muss sie ihren Stuhlgang in sich behalten, obwohl der nach außen drängt oder spürt Schmerzen, weil sie sich schlecht regen kann mit Anna auf ihrem Schoss oder ist hungrig und durstig und niemand kommt, um sie zu erlösen. Aufstehen und Anna aus ihrem Schlaf reisen will sie auch nicht, so wartet sie geduldig, bis jemand von uns kommt und sie ablöst. Mir ist das allerdings auch schon öfters passiert, dass ich mich völlig vergessen fühlte wie ein alter im dunklen Abstellraum vergammelter Stuhl. So schnell sie nur konnte, machte Sofie die Tür hinters sich zu und machte es sich im lustigen kinderlosen Leben draußen gemütlich, während ich vor mich hin schimmelte mit dem Kind auf meinem Arm. Andererseits ist das auch etwas ganz Kostbares und Schönes, mit dem Kind auf seinem Leib lange eng verbunden zusammen zu sitzen und dann gemeinsam vor sich hin zu dösen….
Nicht nur Jin Jin sondern auch die Milchpumpe ist jetzt in unser Leben getreten und sorgt für große Erleichterung, weil der ganze Stress mit dem künstlichen Nippel reduziert werden kann. Sophie gibt Anna nur noch ab und zu ihre Brust, meistens wird sie mit der Flasche ernährt, die entweder mit Muttermilch gefüllt ist oder mit künstlicher Milch. Am Anfang saugte die Maschine nur wenig aus Sophies Brüsten, aber je mehr sie in Dienst gestellt wird, desto mehr kann sie auch liefern. „Das ist Gottes Design“ sagt Sophie. „Je mehr du gibt’s, desto mehr fließt nach“ War nach einer Sauge-Sitzung am Anfang die Flasche nur zu einem Drittel gefüllt, ist die Flasche schon eine Woche später halb voll.
Abends zieht sich Jin Jin in ihr Zimmer zurück und wir hören ihre christlichen Popsongs leise durch die Tür schallen, sie sitzt auf dem Bett und liest in der Bibel oder in christlicher Literatur oder schreibt Messages auf ihrem Handy an alle möglichen Leute aus ihrer christlichen Gemeinde. Als Gemeindehelferin ist sie jetzt auch Ansprechpartnerin für Sorgen und Nöte und sucht, so gut sie kann zu helfen.
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