1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 Sie lebt seit einem halben Jahr in Chu Hai, einer Stadt ganz im Süden Chinas, in der Nähe von Hong Kong, direkt am Meer, gegenüber dem Glücksspiel-Paradies Macao. Gestern ist sie angekommen, über Nacht bei Onkel Shu Shu, dem Koch, geblieben, bei dem sie vorher jahrelang mit ihren Eltern gelebt hatte und jetzt am nächsten Morgen zu uns gekommen. Zuerst wird natürlich die kleine Anna begrüßt, Jin Jin darf sie sogar in den Arm nehmen, aber Anna scheut ein bisschen und weint, da wird sie an mich zurückgegeben, schutzsuchend klammert sie sich an mich und äugt dann ängstlich aber auch neugierig aus meiner Armbeuge zu dem neuen Menschen in der Wohnung. „Komm erst mal richtig an hier“ sagt Sophie und zeigt Jin Jin das Zimmer, in dem sie die nächsten vier Wochen bei uns leben wird. Ein kleiner Raum mit einem großen Bett und einem Fenster, das ein wenig schattig ist, weil es etwas zurückgesetzt von vorspringenden Mauern umgeben ist und der gegenüberliegende Häuserblock nicht allzu weit entfernt. Aber Jin Jin ist zufrieden, die letzten Jahre hatte sie nachts auf einem Sofa in dem Zimmer bei ihrem Onkel geschlafen, wo jedes Jahr das Frühlingsfest stattfindet. Und das ist ein Durchgangszimmer, weil der Onkel, wenn er aus seinem Schlafzimmer zur Toilette, zum Ausgang oder in die Küche gehen will, durch ihr Zimmer gehen muss. Immerhin hat sie bei uns ein eigenes Zimmer, und im Schrank Platz für ihre Kleider. Eine Kungtiao, ein Heizgerät über ihr an der Wand. Das Bett ist gemütlich und von dicken warmen Decken belegt. Draussen ist es kalt und regenerisch, Anfang Februar.
Zuerst muss Jin Jin natürlich erzählen, wie es ihr denn jetzt geht in der großen Stadt im Süden.
Sophie und Jin Jin hocken sich zusammen am Esstisch und ich setze mich in der Nähe mit Ana aufs Sofa, die immer ihre Augen bei Jin Jin hat. Die ist ein wenig traurig und enttäuscht, weil sie Ärger hat mit ein paar Mitgliedern ihrer Kirchengemeinde, für die sie für geringen Lohn arbeitet. Es ist keine offizielle Kirche, sondern eine so genannte Hauskirche, wie es sie zu Tausenden in China gibt. Die offiziellen Kirchengemeinden benutzen die alten Kirchenbauten aus Kolonialzeiten, oder dürfen neue bauen, werden aber streng kontrolliert von den staatlichen Behörden, die Hauskirchen sind nicht staatlich kontrolliert, werden widerwillig geduldet und sind ständig Schikanen und Repressalien ausgesetzt, verbreiten sich aber vielleicht gerade deswegen rasant im ganzen Land. Diese Gemeinden treffen sich in Wohnungen, Hotelsälen und angemieteten Räumen. Die Hauskirche, der Jin Jin angehört, ist ziemlich klein, bei Gottesdiensten sind zwanzig bis dreißig Leute versammelt, manchmal auch fünfzig, ein paar Hundert Leute verstehen sich als Christen im Umkreis dieser Gemeinschaft. Vor einem Jahr ist Jin Jin zu einem Bibelkurs in die Berge gezogen, in einer entlegenen einsamen Gegend in der Provinz Zhezjang, wo sie mit 20 anderen jungen Leuten in einem Haus auf engem Raum drei Monate lang zusammen lebte. Es war Winter und kalt, auch im schlecht beheizten Haus, aber es war, wie sie sagte, eine intensive und schöne Zeit, vor allem das Gemeinschaftsleben hat sie sehr genossen. Dort traf sie auf Leute aus Chu Hai, die sie einluden, zu kommen und bei der Gemeindearbeit zu helfen. Onkel Shu Shu, bei dem sie wohnte, war entsetzt. Er hat mit dem Christentum nichts am Hut. Er hatte gehofft, dass sie bei ihm bleibt und ihn in seinem Alter versorgt und pflegt. Außerdem hatte sie in Shanghai eine nicht gut bezahlte aber sichere Stelle in der Verwaltung eines Wohnbezirks, ihre Verwandten und ihre Sicherheit. Das alles wollte sie aufgeben für eine kümmerliche bezahlte Stelle irgendwo im Süden bei Christen?
Jin Jin ist eine hübsche, schlanke, junge Frau, mit schönen Gesichtszügen, großen feingeschwungenen Augen und langen samtschimmernden Haaren. Leider ist sie jetzt schon knapp über dreißig und noch Jungfrau. Das ist eine Art Todesurteil für eine chinesische Frau, dreißig ist die Grenze, danach hat sie es sehr schwer, noch einen Mann zu finden. Steuert eine Frau unverheiratet auf die dreißig zu, verfällt sie in Panik, das Tor schließt in wenigen Jahren, Monaten, Tagen, ein Mann muss her, da helfen dann auch die Eltern, Großeltern und Verwandten, in dem sie im Freundes-und Bekanntenkreis Ausschau halten nach einem geeigneten Kandidaten und dann die Kontakte knüpfen. In Shanghai, im Zentrum der Stadt, am Peoples Square, gibt es in einem Park einen Heiratsmarkt, wo Eltern und Großeltern ihre noch unverheirateten Kinder auf Plakaten anpreisen und dann über mögliche Verbindungen palavern. Bei Jin Jin ging mit dem Heiraten etwas schief, wahrscheinlich vor allem deshalb, weil sie jahrelang darin verstrickt war, Vater und Mutter, die beide hinter einander an Krebs erkrankten, in den Tod zu begleiten. Diese traurige Geschichte hat einen gewissen Schatten in ihrem Gesicht hinterlassen und immer noch etwas bitter nach unten ziehende Mundwinkel. „Und wie steht es mit der Liebe, hat sich was Neues getan?“ will Sophie wissen. „Ach je,“ Jin Jin seufzt. Zwei Männer seien jetzt an ihr interessiert, beide aus ihrer christlichen Gemeinde. Aber der, in den sie verliebt sei, habe einen Rückzieher gemacht. Sie zeigt uns das Bild ihres Auserkorenen auf ihrem Handy. Ein großer, stark aussehender junger Kerl mit einem breiten Lachen des Siegers umgeben von ein paar Frauen, die ihn umschwärmen und ein paar Männern im Hintergrund. „Und der andere Mann?“
Der sieht nicht so gut aus. Sehr jung, bübisch, etwas schüchtern. Eine dicke Brille auf einer Knollennase. Auf einem Bild sieht man ihn an einem Schlagzeug sitzen, aber er sitzt dort wie ein Sonntagsschüler in einem Rocker-Club. Ganz vorsichtig hält er die Trommelschläger in der Hand und streichelt damit die Trommelfelle… Er arbeitet in einem Musikladen. Er ist fast zehn Jahre jünger als sie. „Warum hat es denn mit dem anderen nicht geklappt?“
„Ach… er hat mir jetzt gesagt, dass wir irgendwie doch nicht zusammen passen“ Jin Jin schaut traurig in die Tasse Tee, die Sophie ihr vorgesetzt hat. Sie glaubt, dass dessen Vater dabei eine Rolle gespielt habe. Sie sei ihm wohl nicht standesgemäß gewesen. Zu arm, keine ordentliche Familie im Hintergrund.. Offensichtlich kein christlicher Vater. Der Schlagzeug-Junge aber hat christliche Eltern.
Das Veto des Vaters hat starkes Gewicht bei jungen Männern und Frauen. Chinesische junge Leute sind ganz anders als deutsche viel stärker noch in die Familie eingebunden, leben meistens noch zu Hause bis zur Heirat, sind auch viel stärker von ihren Eltern finanziell abhängig. Vor allem die Söhne, weil sie eine eigene Wohnung brauchen, wenn sie heiraten wollen. Und das wollen sie. Ohne offizielle Heirat zusammen zu leben, ist zwar jetzt in China möglich und wird langsam immer mehr gesellschaftlich akzeptiert, aber es ist doch im Augenblick noch eine verschwindend kleine Minderheit in den großen Städten, die das ausprobiert. So wie eine Frau keine Chancen bei Männern hat, wenn sie über dreißig ist, hat ein Mann keine Chancen bei Frauen, wenn er keine Wohnung oder Haus hat. Und in der Regel braucht er dafür die finanzielle Hilfe der Eltern. Zumal die Wohnungspreise in den Städten enorm in die Höhe geschossen sind in den letzten Jahren. Nur bei den Christen sind diese Regeln nicht so wichtig, so sagt man. Es geht sogar das üble Gerücht um, es würden deswegen viele Männer Christen, weil sie keine Wohnung hätten und hofften, bei christlichen Frauen landen zu können, die mehr an charakterlichen als an materiellen Werten interessiert seien.
Um elf verschwindet Jin Jin in der Küche und man hört christliche Weisen aus der Küche durch die Wohnung tönen, weil sie einen kleines Musikgerät mitgebracht hat. Ich lausche an der Tür, weil ich die Musik interessant finde, amerikanisch angehauchter Pop mit Gospelelementen, das Ganze auf Chinesisch, soll aus Taiwan kommen, sagt mir Jin Jin, sei in ihrer Gemeinde sehr beliebt. In ihrer Suppe liegen dicke Knochen mit Fleisch ummantelt, typisch chinesische Angewohnheit, das Fleisch in der Küche nicht von den Kochen zu trennen und das dem armen Esser zu überlassen. Sophie hat das schon längst mir zu liebe aufgegeben… Aber ansonsten schmeckt ihr Essen gut. Sophie ist glücklich, weil sie einige Zeit lang zwar gerne kochte, aber weil sie so viel für mich kochte die letzten Jahre ist ihr die Lust an dieser Kunst vergangen. Außerdem hat sie dann mehr Zeit für das Kind. Ich sitze mit Jin Jin allein am Esstisch, weil Sophie im Schlafzimmer Anna stillt. Ich bin ein bisschen befangen, weil Jin Jin eine schöne Frau ist. Normalerweise hätte ich mit ihr jetzt geflirtet, die Mutter meines erwachsenen Sohnes in Deutschland könnte ein Lied davon singen. Aber ich bin jetzt Christ, da darf ich das nicht mehr. Schade.
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