Sophie, die Einheimische
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
weiß das ja vielleicht.
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRR DRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
Ich kann kaum meine eigene Stimme hören
BUMMMMM BUMMMMMMMMMMM BUMMMMMMMMMMMM BUMMMMMMMM
„Die renovieren wahrscheinlich die Wohnung“ schreit mir Sophie zu.
„Die renovieren? Wahnsinn!“
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR BUMMMMM DRRRRRRRRR DRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
BUMMMMMMMMMMM RRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
„Schau doch mal.........DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
Schau doch mal, wo das DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR wo das ist und red ….“
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR BUMMMMM BUMMMMM
„Was?“
„Red mit denen, was los ist!“
Wir beschließen, uns gemeinsam auf den Weg zu machen, Anna auf meinem Arm, vielleicht stimmt sie das irgendwie gnädig, wenn sie ein kleines Kind sehen....
Zu unserer Verwunderung stellen wir fest, dass der Krach gar nicht aus unserem Haus kommt, sondern aus dem Nachbarhaus, darauf wäre ich nie gekommen, es klang als sei das direkt über uns. Im Nachbarhaus stoßen wir im vierten Stock auf eine offene Wohnungstür, vor der schon allerhand Staub und Dreck liegt, der sich über das ganze Treppenhaus ausgebreitet hat, drinnen wird gehämmert und gebohrt. Ein paar andere Nachbarn haben sich ebenfalls schon eingefunden. Sophie übernimmt die Verhandlungen, redet in heftig aufgebrachtem Ton mit einem älteren Mann in blauer Arbeitskluft, der sich als Vorarbeiter zu erkennen gibt. Ich sehe mich um, die Wohnung ist vollständig leer geräumt, einige Wände haben schon ihren Verputz verloren, offensichtlich werden Wände herausgerissen, sie werden herausgebohrt mit Pressluftmaschinen und herausgeschlagen mit massiven schweren Hämmern. Eine dicke weisse Kalkschicht liegt auf dem gesamten Wohnungsboden.
Sophie erfährt, dass wir zwei Wochen lang ungefähr den Lärm werden ertragen müssen, später wird es leiser werden, aber immer noch etwas lärmig, in vier bis sechs Woche soll alles vorbei sein. Sie werden sich an die Arbeitszeiten von 8 bis 18 Uhr halten, Samstags und Sonntags allerdings auch tätig sein. Wir ziehen wieder ab, „ Dagegen können wir gar nichts machen“, sagt Sophie, „Die Wohnung zu renovieren ist ihr gutes Recht.“ Wenn Chinesen eine neue Wohnung kaufen und dann dort einziehen wollen, wird meistens alles umgebaut und dementsprechend gehämmert und gebohrt. Besonders bei Altbauwohnungen ist das der Fall. Wir sind in einem ziemlich alten Haus, um die fünfzig Jahre alt ungefähr. Die Leute entfernen ein Zimmer ganz, indem sie es für das Wohnzimmer öffnen, das schön groß und repräsentabel sein soll, oder sie verkleinern zum selben Zweck die Schlaf- und Gästezimmer. Wohnungen kaufen und verkaufen liegt den Chinesen im Blut, fast jeder Chinese hat eine eigene Wohnung. Wer es sich leisten kann investiert in Wohnungen als Wertanlage oder Spekulationsobjekt, die Preise sind in den letzten Jahren in den großen Städten nach oben geschossen, es ist also viel Bewegung im Immobilienmarkt und ständig wird irgendwo renoviert und umgebaut. Merkwürdigerweise blieben wir bisher in unserem Haus verschont von diesem Umbaulärm, wir sind schon über ein Jahr hier.

Ein Bekannter erzählte, dass er eine wahre Leidenszeit in seiner Wohnung hatte, weil ein Stock unter ihnen ein Ladengeschäft in ein Restaurant umgebaut wurde und monatelang die Männer auch spät abends, früh morgens und am Wochenende hämmerten, sägten und lärmten, dass es in der Wohnung nicht mehr auszuhalten war und er sogar für einige Zeit in ein Hotel auszog. Illegal sei das Hantieren mit lauten elektrischen Baumaschinen wie Bohrern am Sonntag, aber selbst das sei nicht durchzusetzen, er war Kungfu - Kämpfer und drohte ein paar mal mit Gewalt, aber das nützte nichts, sie hätten dann kurz aufgehört, um kurz danach wieder damit anzufangen. Die Polizei kümmere sich nicht um solche Lappalien, wie sie es nennt. Oder man müsse fünf Mal anrufen, dann käme sie endlich. Aber dann erlebe man das gleiche Spiel, kaum ist die Polizei weg, geht der Lärm weiter. Obwohl sich normalerweise die Baufirmen in teueren Wohnvierteln, in denen viele Ausländer wohnen, zumindest an die Sonntagsregel halten.
Okay, das ist also ihr gutes Recht, zu renovieren aber was machen wir jetzt? Was machen wir mit unserem Kind?
Wohin gehen wir?
DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRAT
„Zu den Eltern“ sagt Sofie.
„Oh nein!“ sag ich „Nicht in diese kleine Wohnung!“
Wir sitzen in unserem Wohnzimmer, aber verstehen uns kaum, weil der Lärm so laut ist, müssen schreien, auch Anna fängt an zu schreien, die Wände in diesem alten Haus sind wahrscheinlich ziemlich dünn.
„Wir könnten in den Park gehen!“
DRRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRR DRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR
„Was?“
„In den Park!“
„Den ganzen Tag in den Park?“
Sophie verzieht ihr Gesicht, rennt aufgeschreckt herum, packt schnell alles zusammen, was sie für Anna braucht außerhalb des Hauses, für sie ist die Sache klar, wir gehen zu Mama. Ihre Eltern wohnen nicht weit entfernt von uns. Sie ruft an. Sie ist den Tränen nahe, ihre Stimme hysterisch überdreht. Ja natürlich, wir können kommen, jahrelang hat sie noch als erwachsene Frau bei ihren Eltern in deren kleiner Zwei Zimmer-Wohnung gelebt. Nachts schlief sie auf dem Sofa im kleinen Wohnzimmer, bis zu ihrer Heirat lebte sie so, sie hätte sich durchaus eine eigene kleine Wohnung leisten können mit dem Gehalt einer Bibliothekarin oder doch zumindest ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft... Die ist keine Erfindung deutscher Studenten der 68er Jahre, die gibt es in China schon lange als Einrichtung für arme Leute. Aber das lag ihr und ihren Eltern fern, das war ihnen einfach zu teuer. Besser das Geld sparen. Bis zu ihrem 38ten Lebensjahr, bis zu unserer Hochzeit, lebte sie so bei ihren Eltern.
„Oh mein Gott, den ganzen Tag bei deiner Mutter in der kleinen Wohnung vor dem Fernseher hocken!“ Ich maule herum, aber ich weiß auch nichts Besseres. Wir kennen noch niemanden in unserem Wohnbezirk zu dem wir jetzt gehen könnten, auch sonst niemanden in der ganzen Stadt, der uns jetzt gerne seine Wohnung als Aufenthalt anbieten würde oder mit dem wir gerne Tagelang zusammen sein würden. Jedenfalls kennen wir diese Leute, die jetzt vielleicht in Frage kämen nicht gut genug für so etwas. Da bleibt nur die eigene Familie....
Sophie hat eine Idee:„Wir könnten auch zu Shu Shu gehen“ Ihr Onkel, der Vater ihres Bruders, bei dem seit ein paar Jahren die Frühlingsfeste der ganzen Verwandtschaft gefeiert werden. Der wohnt nur wenige Häuser von Sophies Eltern entfernt im selben Wohnbezirk. Tagsüber ist er bei der Arbeit, kommt erst abends um sechs nach Hause.
Oder wir könnten doch beides machen....“Du bleibst bei Mama mit Anna und ich gehe allein zu Shu shu, dann kann ich mich ungestört auf den Unterricht morgen vorbereiten und Chinesisch lernen“
Wir überlegen hin und her, rennen im Lärm durch die Wohnung, um uns anzuziehen, für Anna alles zusammen zu packen für alle Fälle, auch den, dass sie Kacka hat. Wir brauchen genug Milchpulver, warme Sachen, Unterwäsche zum Umziehen, falls alles nass wird, was manchmal vorkommt, etwas Spielzeug.... „Hast du den Schlüssel, Geld, Handy?“ ruft Sophie, während sie ein Taxi bestellt. „Ja natürlich!“ Anna schreit und weint... BUMMMM BUMMMMM BUMMMMMMMM
Der Vorschlaghammer…..
Im Taxi drücke ich Anna an mich, halte sie gut fest aus Angst, der Fahrer tritt plötzlich scharf auf die Bremse, die meisten Taxifahrer sind ziemlich aggressiv und ruppig unterwegs, drängeln sich vor und durch, geben Gas, bremsen hart. VW Passat, wie fast alle Taxis in China. Ungefragt fängt der kleine Monitor, der in der Rücklehne des rechten Vordersitzes eingebaut ist, sein lautes Gedudel und Abspielen von Werbespots an, Sophie bringt ihm mit energischem Bearbeiten seiner Oberfläche zumindest zum Schweigen, ganz abstellen kann man ihn nicht. Alle Taxis in Shanghai fahren so eine Belästigung mit sich herum. Die Fahrer sitzen hinter einer Plexiglaskabine, die sie fast gänzlich abschirmt, nur oben und an der Seite ist noch etwas Platz, um die Bezahlung abzuwickeln. Anna reckt ihren Kopf, um aus dem Fenster zu schauen, sie ist ganz fasziniert von den vorbeihuschenden Bildern. Vorbei am Botanischen Garten, über eine belebte Kreuzung, das Krankenhaus auf der linken Seite und unter der Hochstraße hindurch, die ich schon öfters fotografiert habe, weil ich sie so beeindruckend finde, die riesige Masse an Beton, die eine breite Autobahn trägt, von zierlich aussehenden Stelzen in die Höhe gewuchtet.... Die ganze Stadt wird von diesen Stelzenbahnen durchkreuzt, weil auf der Erde kein Platz mehr ist, geht man in den zweiten Stock....und an manchen Stellen gibt es diese Verkehrsknotenpunkte, an denen schwingen sich diese Bahnen durcheinander in Bögen und Kreisen auf mehreren Stockwerken durch die Luft, Zu-und Abfahrten, Querverbindungen...
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