1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 „Guten Abend, mein Herr. Ist euch bewusst, dass euer Pferd lahmt?“
„Hm.“
Der Mann musterte Hanrek von oben bis unten.
„Nein, das habe ich nicht bemerkt. Was denkst du, welcher Fuß es ist?“
„Vorne rechts.“, kam die prompte Antwort Hanreks.
Der etwa fünfundzwanzigjährige Mann stieg vom Pferd, kam auf die andere Seite und fuhr mit der Hand am Bein des Pferdes entlang abwärts zum Huf.
„Geschwollen ist es nicht. Sei so gut und führe es mir ein paar Schritte am Zügel, damit ich mir das ansehen kann.“
Hanrek tat, wie er gebeten wurde.
„Hm.“, sagte der Steuereintreiber nach einer Weile.
„Ich denke, du hast recht.“
„Wenn ihr gestattet.“, sagte Hanrek.
Er nahm sein Messer aus der Tasche, hob den Huf an und begann den Dreck aus dem Huf zu kratzen. Als er an die Stelle kam, wo der Stein saß, ging er behutsamer zu Werk. Ganz vorsichtig, ohne dem Tier weh zu tun, hebelte er den Stein unter dem Hufeisen heraus.
„So mein Alter. Jetzt kannst du wieder schmerzfrei laufen.“
Dabei klopfte er dem Tier aufmunternd den Hals. Der Steuereintreiber hatte die ganze Zeit aufmerksam zugesehen.
„Gut gemacht, mein Junge.“, die beiden Gehilfen tauschten heimlich neidische Blicke.
„Wie ist dein Name?“
„Hanrek, mein Herr.“
„So wie Hanrek, der Drachentöter?“, fragte der Mann.
Die beiden Burschen grinsten sich hämisch an.
Hanrek verbeugte sich.
„So ist es. Zu euren Diensten, mein Herr. Ist euch unterwegs ein Drache begegnet, bei dem ich euch mit einer kleinen Heldentat beistehen soll.“
Der Steuereintreiber lachte.
„Nein, nein.“, sagte er schließlich.
„Nicht nötig. Du hast heute genug Heldentaten vollbracht.“
Dabei klopfte er seinem Tier, als ob er es belohnen wollte, den Hals und es war klar, dass diese Anerkennung für Hanrek bestimmt war.
„Und du brauchst mich nicht mit mein Herr anreden. Ich bin Lucek, der Steuereintreiber aus Haffkef, wie du vielleicht schon festgestellt hast.“
Hanrek nickte.
„Und das sind meine Gehilfen Rannold und Tonnir.“
Bei „Rannold“ deutete er auf den kleineren der beiden und bei „Tonnir“ auf den langen dünnen.
Hanrek schaute die beiden offen an, erntete aber nur abfällige Blicke. Er schätzte, dass die beiden ungefähr drei Jahre älter waren als er selbst.
„Wir sind auf dem Weg nach Hallkel. Kannst du uns sagen, wie weit das noch ist?“, fragte Lucek.
„Es ist nicht weit. Wenn ihr möchtet, kann ich euch begleiten.“, bot Hanrek an.
Lucek nahm dankend an. Rannold und Tonnir blieben auf ihren Pferden sitzen und ließen sie im Schritt hinter Lucek und Hanrek hergehen. Lucek ging neben Hanrek her und führte sein Pferd am Zügel hinter sich her. Dabei stellte er ihm viele Fragen. Wie das Erdbeben letztes Jahr war, wie viele gestorben waren, wie alt er sei, wie weit seine Ausbildung gediehen wäre und viele Fragen mehr. Hanrek beantwortete alle Fragen wahrheitsgemäß, und als sie den Dorfrand erreicht hatten, erklärte er ihm noch, wo die Dorfschenke zu finden war, verabschiedete sich und lief nach Hause.
Sein Vater horchte auf, als Hanrek erzählte, wen er ins Dorf begleitet hatte. Der Steuereintreiber war unerwartet gekommen.
„Stonek. Kannst du bitte bei den elf anderen Dorfratsmitgliedern vorbei laufen. Sag ihnen, ich würde sie bitten, zu uns zu kommen. In einer Stunde wäre gut. Ich möchte wegen des Steuereintreibers hier in unserem Haus ein kurzes Treffen haben. Hanrek, ich möchte, dass du auch dabei bist. Du sollst noch mal kurz berichten, was du mit dem Steuereintreiber gesprochen hast und wie er so ist.“
Stonek sauste los und eine Stunde später saß der ganze Dorfrat sowie Hanrek etwas beengt um den schweren Esstisch. Zaras hatte jedem das gewünschte Getränk in die Hand gedrückt. In kleinen Gruppen unterhielten sich die Frauen und Männer des Dorfrats. Dabei hatten viele eine besorgte Miene aufgesetzt. Da war Hirt der Bauer vom anderen Dorfende, Moreno der Dorfschmied, Zacharia der Dorfgelehrte, Wackes der Wirt von der Dorfschenke, der seinen Posten in der Schenke nur ungern verlassen hatte. Er hatte selbst kurz mit Lucek dem Steuereintreiber gesprochen und ihm ein Zimmer für die Nacht vermietet.
Pirion bat um Aufmerksamkeit.
„Wie ihr ja alle mitbekommen habt, ist heute Abend der Steuereintreiber aufgetaucht. Mein Vorschlag ist, dass vor allem der Dorfrat mit dem Steuereintreiber spricht. Die Gefahr, dass von uns jemand mit etwas prahlt, was der Kerl hinterher besteuern will, ist klein. Wir haben zwar alle nichts zu verbergen, aber solange wir den Mann nicht kennen und einschätzen können, halte ich das für den richtigen Weg.“
Im letzten Jahr war der Steuereintreiber wahrscheinlich wegen des Erdbebens nicht gekommen. Der jetzt aufgetauchte Steuereintreiber war neu und gänzlich unbekannt. Außerdem war er für einen Steuereintreiber sehr jung. Pirion vermutete, dass dieser sich noch profilieren wollte und daher übermotiviert war. Das waren Voraussetzungen, die die Gespräche vielleicht schwieriger machen konnten als nötig.
Hanrek und Wackes berichteten kurz über ihre Begegnungen mit Lucek. Für Hanrek war das eine sehr ungewohnte Situation. Und das eine oder andere Mal geriet er leicht ins Stocken, da er nicht wusste, ob er zu ausführlich berichtete. Immer wenn er stockte, suchte er instinktiv den Blick seiner Mutter, die sich dezent im Hintergrund hielt, da sie ja nicht Teil des Dorfrats war. Sie nickte ihm jedes Mal beruhigend zu und er fuhr dann jedes Mal bestätigt fort. Nachdem noch die eine oder andere Frage von den Dorfratsmitgliedern gestellt worden war, bedankte sich Pirion bei den beiden. Hanrek war dankbar, als es vorbei war und er merkte erst jetzt, dass er ganz durchgeschwitzt war.
Man besprach sich noch eine Weile und am Ende einigte man sich darauf, den Steuereintreiber zum Gespräch in die Schenke zu bitten.
Als alle gegangen waren, fragte Hanrek seinen Vater: „Warum macht ihr euch wegen Lucek so große Sorgen? Ich denke, er ist ganz nett.“
„Nun. Dass er ganz nett ist, wie du sagst, ist eine Sache. Aber wenn er die falschen Steuern erhebt, kann das für den einen oder anderen aus dem Dorf eine große Belastung sein. Wer will schon einen wertvollen Bullen verkaufen müssen, nur damit er die Steuern bezahlen kann. Natürlich unterstützen wir uns im Dorf untereinander, wenn einer in Not ist, so wie wir das ja schon immer getan haben, aber das sollte wenn möglich die Ausnahme bleiben und vor allem sollte es nicht an den Steuern liegen. Oder denk nur mal an die Ledersäckchen mit dem Holzmehl vom Heronussbaum, die wir im Keller vergraben haben oder gar an deinen Stab. Willst du den versteuern, nur weil irgendjemand seinen Mund nicht halten kann?“
„Oh.“
Da hatte Hanrek begriffen. Noch in der Nacht suchte er sich ein sicheres Versteck, in das er seinen geliebten Stab versteckte. Er nahm sich fest vor, seinen Stab bei nächster Gelegenheit so zu präparieren, dass keiner ihn als kostbar erkennen würde.
Am nächsten Vormittag traf sich wie verabredet der Dorfrat mit Lucek in der Schenke. Lucek gefiel die Idee sich mit nur wenigen im Dorf auseinanderzusetzen, da er dann nicht von Haus zu Haus gehen musste.
Der Steuereintreiber begann damit zu erzählen, dass der vorherige Steuereintreiber bei dem Erdbeben gestorben war.
„Er wurde mit zwei seiner Gehilfen in seinem Haus verschüttet. Man konnte alle drei leider nur noch tot bergen. Das ist natürlich auch der Grund, wieso im letzten Jahr niemand zum Eintreiben der Steuern gekommen ist.“
„Aber ihr wollt doch nicht ...“, setzte Pirion an.
Doch Lucek unterbrach ihn.
„Keine Sorge. Die Steuern vom letzten Jahr werden euch erlassen.“
Erleichtert atmeten die Dorfratsmitglieder am Tisch aus. Man unterhielt sich dann eine Weile über das Erdbeben und die Auswirkungen, die es hatte.
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