Hanrek suchte die Gegend ab, suchte nach einer Stelle, die ihn retten würde und dann entdeckte er sie. Er schlug einen Haken und rannte auf die Stelle zu. Es war eine Hecke aus Schlingpflanzen, die mehrere Bäume überwuchert und die Räume zwischen den Bäumen wie einen Vorhang vollständig ausgefüllt hatte. Die Hecke sah fast aus wie eine grüne Wand, sie war aber durchlässig.
Hanrek brach durch die Hecke hindurch. Wie er gehofft hatte, schwangen die herunterhängenden Äste der Schlingpflanzen zurück und bildeten hinter ihm erneut eine scheinbar undurchdringliche Wand. Hanrek blieb schwer keuchend und mit hoch rotem Kopf stehen und ging direkt hinter der Hecke in Stellung. Die Schlingpflanzen verdeckten ihn vollständig und damit waren sie perfekt für seinen Hinterhalt. Nur Momente später brach der Mann kraftvoll wie ein Wildschwein an fast der gleichen Stelle wie Hanrek durch die Hecke. Die Arme und Hände hielt er zum Schutz vor den Ranken vor sein Gesicht.
Hanrek zögerte nicht. Er packte seinen Stab mit fester Hand und donnerte ihn seinem Verfolger auf den Hinterkopf. Ohne einen Laut von sich zu geben, ging der Mann ohnmächtig zu Boden und rührte sich nicht mehr.
Hanrek gönnte sich noch einige erleichterte tiefe Atemzüge, bevor er verdeckt durch die Hecke seine Flucht fortsetzte. Der Vorsprung zu den restlichen Verfolgern war nach wie vor groß und jetzt war es ein Leichtes, die restlichen Verfolger abzuschütteln.
Körperlich und geistig völlig erschöpft kam Hanrek in Hallkel an, und nachdem sich die Nachricht von seinem Abenteuer im Wald herumgesprochen hatte, gab es natürlich im ganzen Dorf kein anderes Gesprächsthema mehr. Hanrek wurde lang und ausführlich befragt und danach wurde die Dorfwehr in Bereitschaft versetzt. Auch die Nachbardörfer wurden informiert. Vierzehn Tage lang wurden Wachen aufgestellt und die Dorfwehr patrouillierte ums Dorf aber nichts geschah und allmählich beruhigte man sich wieder und die Sache geriet langsam in Vergessenheit.
In der Folgezeit unternahm Hanrek keine größeren Wanderungen mehr, davon hatte er erst einmal genug. Er konnte den Vorfall nicht so schnell vergessen. Stattdessen machte er lieber kürzere Ausflüge in den nahen Wald. Meistens suchte er sich eine Waldlichtung und übte dort mit seinem Stab, manchmal war ihm aber auch mehr nach Bogenschießen zumute.
Mehr als einmal hatte er dabei das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden. Er suchte die ganze Gegend mit seiner Gabe ab, konnte aber niemanden entdecken und trotzdem ließ das Gefühl nicht nach. Es kribbelte ihn am ganzen Körper und ganz besonders an einer Stelle zwischen den Schulterblättern, genau dort, wo die Hand nicht mehr hinreichte, um sich zu kratzen. Hanrek hatte auch das Gefühl verfolgt zu werden, ständig drehte er sich nach Verfolgern um, um dann festzustellen, dass niemand da war, der ihn verfolgte. Dabei konnte er mithilfe der Gabe rundum die Gegend auf mögliche Verfolger prüfen und tat es auch. Und trotzdem.
Er schämte sich davon seinen Eltern zu erzählen und nach einer Weile tat er es als Spinnerei ab, die ihn als eine Folge des Ereignisses mit den fremden Männern im Wald anhing.
Erst nach Monaten war auch für Hanrek so viel Gras über die Sache gewachsen, dass er wieder eine größere Wanderung unternahm. Hanrek schlug dieses Mal eine andere Richtung ein als in seinen früheren Wanderungen. Er orientierte sich mehr in Richtung Fluss und er war dort weit in den Wald vorgedrungen.
Er hatte sich der Gabe weit geöffnet und genoss das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, das sich ergab, wenn ihm die Sonnenstrahlen mal direkt ins Gesicht fielen und mal von den Ästen und dem Blätterwerk der Bäume aufgehalten wurden.
Plötzlich spürte Hanrek über die Gabe eine Präsenz, die er vorher noch nie wahrgenommen hatte. Alarmiert blieb er stehen. Er konzentrierte sich und stellte fest, aus welcher Richtung die Empfindungen kamen. Dann wandte er sich in diese Richtung und ging zielsicher aber langsam und vorsichtig darauf zu. Die Präsenz war stark. Sie vermittelte Hanrek ein Gefühl von väterlicher Kraft und Stärke. Wenn er sie hätte beschreiben müssen, hätte er sie als königlich bezeichnet.
Er kam auf eine Lichtung und da stand er. Ein Heronussbaum. Hanrek hatte schon viel über diese Bäume gehört, aber dies war der erste, den er sah. Der Baum war riesig und seine ausladenden Äste reichten weit bis in die Lichtung hinein. Er wurde von der Sonne beschienen und seine sanft schaukelnden Blätter funkelten wie Gold. Hanrek blieb bewundernd am Rand der Lichtung stehen, genoss den Anblick und gab sich der Ruhe und dem Frieden hin, die der Baum ausstrahlte.
Der Heronussbaum war sehr selten im Königreich. Alles an dem Baum war wertvoll. Aus der harten dicken Rinde, die der Baum alle paar Jahre in Teilen abwarf, konnte man Holzschalen und Teller fertigen. Ihre glatt polierte Oberfläche schimmerte samtig und silbrig.
„Wer einen kompletten Satz Teller und Schüsseln aus Herorinde besitzt, kann auch den König zum Essen einladen.“, lautete ein Sprichwort im Königreich.
Das Holz des Heronussbaums bestand aus zwei Teilen, der äußeren weicheren Schale und dem harten Kernholz. Die Bezeichnung weiche Schale war eigentlich falsch, denn sie vermittelte den Eindruck, dass das Holz weich war. Die weichere Schale war härter als alle anderen Holzarten, die man kannte. Eine Säge oder Axt wurde schon an der weichen Schale sehr schnell stumpf, wenn man versuchte diesen Baum zu fällen. Man konnte einen Heronussbaum nicht fällen. Das Kernholz des Baumes war so hart, dass eine Axt eher zerbrach, als dass sie dem Baum eine merkliche Kerbe zugefügt hätte. Auch Feuer konnten dem Heronussbaum wenig schaden. Die Rinde und die Blätter konnten zwar einfach verbrannt werden. Bei der Schale tat man sich schon schwerer und das harte Kernholz war nicht brennbar. Dabei waren sowohl das Holz der Schale als auch das Kernholz sehr leicht. Wenn man das Holz der Schale zu Pulver zerrieb, war es für Heiler sehr wertvoll. Sie verwendeten es in kleinen Dosen in ihren Heiltränken. Es verbreitete einen unvergleichlichen Wohlgeruch, wenn man nur eine winzige Menge des pulverisierten Holzes verbrannte. Und schließlich war da die Heronuss, die Frucht des Baums. Heronussbäume trugen nur sehr unregelmäßig Früchte und dann auch nie mehr als 10 Früchte auf einmal. Man konnte die Früchte zwar pflücken, aber nur wenn sie vom Baum gefallen waren, waren die Früchte in der Lage zu keimen. Der Baum trug seine Früchte oft bis zu 3 Jahre, bevor sie reif waren und herunter fielen. Auch keimten die Früchte nicht in unmittelbarer Nähe eines anderen Heronussbaums.
„Eine ganze Reihe von Gründen, warum dieser Baum so selten vorkommt.“, hatte Zacharia der Dorfgelehrte gesagt, von dem Hanrek alles erfahren hatte, was er über den Baum wusste.
Was Zacharia ihm aber nicht sagen konnte, war, wie man das harte Kernholz bearbeiten konnte.
„Wenn weder Säge, Axt noch Feuer dem Holz etwas anhaben können, wie kann man dann Gegenstände aus ihm fertigen, eine Schale, ein Schmuckstück oder etwas anderes?“, hatte er im Unterricht gefragt.
„Das mein Junge“, hatte der Dorfgelehrte geantwortet, „ist das Geheimnis der Handwerker von Fissool. Diese Handwerker sind dazu in der Lage, aber sie hüten das Geheimnis wie ihre Augäpfel. Das Geheimnis wird von Generation zu Generation weitergegeben aber es darf nie die Handwerkerzunft in Fissool verlassen.“
Zuletzt hatte Zacharia beschrieben, dass die Nuss ungefähr walnussgroß sei und heruntergefallene Früchte gern von Feldmäusen „gestohlen“ werden.
„Stellt euch vor, was es für den Besitzer eines Heronussbaums heißt, wenn er 3 Jahre lang auf das Herabfallen der Nuss wartet und er dann feststellen muss, dass die Nuss zwar endlich heruntergefallen ist, dass aber eine freche Feldmaus nachts die kostbare Frucht als Wintervorrat in ihren Bau geschleppt hat. Daher werden in der Nähe des Baums immer viele Katzen gehalten.“
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