An all das musste Hanrek denken, als er verträumt an der Lichtung stand. Langsam und ehrfürchtig ging er auf den Baum zu. Als er nur noch ein paar Schritte vom Stamm entfernt war, sah er, wie auf der anderen Seite des Stamms ein Rabe mit seinem scharfen Schnabel etwas bearbeitete, das er mit seinen Krallen festhielt.
Mit einer Vorahnung eilte Hanrek auf den Vogel zu, der krächzend davon hüpfte und beleidigt seinen Schatz im Stich ließ.
Staunend betrachtete Hanrek, was der Rabe bearbeitete hatte.
Es war tatsächlich eine Heronuss.
Hanrek kramte in seinem Bündel und warf dem Raben einen Bissen von seinem Essen hin. Der Rabe stürzte sich auf den Ersatz für die Nuss und war besänftigt.
Eine Weile bestaunte Hanrek noch den Schatz, bevor er die Heronuss äußerst sorgsam in seinem Bündel verstaute.
Kaum hatte er sich wieder aufgerichtet, da fiel sein Blick auf einen Ast, der unter dem Baum im Gras lag.
„Donnerwetter ...“, entfuhr es Hanrek, „... heute habe ich aber Glück.“
Im Gras lag tatsächlich ein armdicker langer gerader Ast vom Heronussbaum. Die Blätter am Ast waren schon lange verdorrt aber dem Holz selbst merkte man nicht an, wie lange es schon im Gras gelegen hatte. Hanrek vermutete, dass ein Blitz in den Baum eingeschlagen hatte und dabei der Ast abgebrochen war. Er fand das war die einzig logische Erklärung. Er untersuchte den Ast und erkannte an der Bruchstelle tatsächlich eine Art Brandspur.
Als Hanrek nach einer Weile die Lichtung verließ, ließ er die Gabe fließen und versuchte dem Baum seinen Dank für Nuss und Ast zu vermitteln. Fast kam er sich dabei vor, wie ein kleiner Junge, der sich artig bei seinem Großvater für ein kostbares Geschenk bedankt. Zappelig und aufgeregt, weil er das Geschenk am liebsten gleich ausprobieren will und verlegen vor der Präsenz und Autorität des Großvaters. Der Eindruck verstärkte sich noch, als er das Gefühl hatte, dass ihm der Baum huldvoll zusprach.
Erregt kam er spät am Abend nach Hause. Als er seinen Eltern von den gefundenen Schätzen erzählte, übertrug sich die Aufregung auf die ganze Familie. Man beschloss, gleich am nächsten Tag über die weitere Verwendung von Ast und Nuss zu reden.
„Ich könnte die Nuss im Garten einpflanzen.“, schlug Hanrek vor.
Alle stimmten sofort zu.
„Bleibt nur die Frage wo.“, meinte Pirion.
„Am besten direkt in der Mitte, da hat er den meisten Platz.“
Auch dieser Vorschlag von Hanrek wurde angenommen.
Die Frage mit der Nuss war also schnell geklärt. Über den Ast diskutierten sie länger. Schließlich einigten sie sich darauf, dass sie sich vom Dorfschreiner Till Werkzeug leihen wollten. Anschließend wollten sie das Holz der Schale zerkleinern und dann zu Pulver zermahlen. Für das Mahlen wollten sie den Müller Smit um seine Unterstützung bitten. Was sie mit dem harten Kern machen würden, ließen sie sich offen, da sie noch nicht wussten, wie dieser aussehen würde.
Pirion und Hanrek suchten zuerst den Schreiner auf. Der erklärte sich gerne bereit, das gewünschte Werkzeug zur Verfügung zu stellen.
„Wenn ihr beim Schälen Hilfe braucht, ihr wisst ja, wo ich zu finden bin“, bot Till seine Hilfe an.
Es war harte Arbeit. Nach zwei Tagen hatte Hanrek das Holz der Schale vom Kern getrennt. Einen weiteren Tag benötigte er, um das Holz möglichst gut zu zerkleinern.
Für Hanrek war der Kern des Astes eine große Überraschung und eine große Freude. Als er Stück für Stück die Schale abschälte, kam ein langer heller Stab zum Vorschein. Der Stab war an dem einen Ende durch den Blitzschlag ganz gerade. Am anderen Ende, das entsprach der Stelle, wo der Ast in kleinere Äste verzweigt war, war er abgerundet. Der ganze Stab war bis auf eine kleine Erhebung an einer Stelle in der Mitte vollkommen glatt. Es war ein perfekter Stab für den Kampf.
Auch der Müller Smit erklärte sich bereit zu helfen.
„Hm.“, brummte er, als Hanrek mit dem Holz der Schale kam.
„Dann versuchen wir mal unser Glück.“
Diese Arbeit fand Hanrek wesentlich angenehmer. Einen ganzen Tag ließ der Müller die Mühlsteine angetrieben durch den Dorfbach auf dem Holz kreisen. Dann war er mit dem Ergebnis zufrieden.
„Bring mir morgen davon meinen Anteil, was immer ihr für angemessen haltet.“, brummte Smit in seinen Bart, als er ihm den Ledersack mit dem Holzmehl überreichte.
Ehrfürchtig saß die ganze Familie um den Küchentisch, auf den sie den Ledersack gestellt hatten.
„Ein wertvoller Schatz, der da auf dem Tisch steht.“, wiederholte Pirion zum wohl dritten Mal.
„Nun gut.“, holte Zaras tief Luft.
„Wie teilen wir ihn auf?“
Sie verständigten sich darauf, dass die Familie die Hälfte des Holzes behalten sollte. Von der anderen Hälfte zweigten sie etwas für Till, etwas für Smit und etwas für die Heilerin Kissas ab. Den Rest dieser Hälfte durfte Hanrek alleine behalten. Kissas war immer auf der Suche nach Heilkräutern und mit dem Überlassen des Holzes taten sie für das ganze Dorf eine gute Tat.
„So. Und jetzt müssen wir entscheiden, was mit dem Kern passieren soll.“
Pirion deutete auf den Kern des Astes, der fast nachlässig in der Ecke der Kammer an der Wand lehnte.
„Holst du ihn bitte her und legst ihn auf den Tisch, Hanrek.“
Folgsam stand Hanrek von seinem Stuhl auf, griff nach dem Kern und legte ihn behutsam in die Mitte des Tischs.
„Ich glaube mit dem musst du nicht ganz so sorgsam umgehen. Der bekommt nicht mal eine Schramme, wenn Tarpon unser Ackergaul mit seinen schweren Hufeisen darauf herumtrampelt.“, lachte Pirion.
Hanrek hatte vor der Unterredung seine Mutter beiseite genommen und ihr blumig seine Wünsche bezüglich des Kerns erzählt.
Seine Mutter hatte sich alles ruhig angehört und am Ende einfach gesagt.
„Wir werden sehen, Hanrek.“
Hanrek befürchtete das Schlimmste. Eigentlich hatte er doch den Ast gefunden. Seine Eltern mussten doch einsehen, dass ihm der Stab zustand. Er hatte doch schon die kostbare Heronuss und die ebenfalls wertvolle Schale in den Dienst der Familie gestellt.
In einem unbeobachteten Moment hatte er den Kern zärtlich in die Hand genommen und ihn dann ein paar Mal wie einen Kampfstab geschwungen. Er lag herrlich in der Hand, so leicht, so griffig. Sie konnten doch nicht ernsthaft in Betracht ziehen, den Kern für etwas anderes zu verwenden, ihn am Ende in Stücke schneiden zu lassen von diesen Leuten in Fissool. Wie würde er dort überhaupt hinkommen, was würde das kosten? Aber nichts von alledem sagte er nun. Er würde nicht auf seinem Recht bestehen, sondern sich dem Urteil der Eltern beugen. Er vermutete, dass der Stab ein Vermögen wert war. Dieses Geld konnten seine Eltern insbesondere nach dem Erdbeben gut gebrauchen.
Seine Eltern schauten sich lange an. Seine Mutter nickte seinem Vater fast unmerklich zu. Sie hatten lange über den Stab diskutiert und die Entscheidung war ihnen nicht leicht gefallen.
„Hm.“, sagte Pirion nach einer Weile.
„Ich habe Zacharia den Kern gezeigt und er schätzt, …“, Pirion stockte und zögerte das Ganze in die Länge, doch dann grinste er seinen Sohn spitzbübisch an „… dass Hanreks Kampfstab so viel wert sein könnte wie das ganze Dorf zusammen.“
Im ersten Moment wollte es Hanrek nicht gelingen zu verstehen, was sein Vater da gesagt hatte. Dann schlug er eine Hand vor den Mund.
Stonek grinste und sagte altklug.
„Jetzt hat Hanrek der Drachentöter einen legendären Kampfstab.“
So oft er konnte, verfolgte Hanrek in den nächsten Tagen mit seiner Gabe , wie die frisch eingepflanzte Nuss keimte. Schon nach wenigen Tagen zeigte sich der erste zarte Spross, der wie ein sehr kleiner Maulwurf die Erde vor sich herschiebt, einen kleinen Hügel aufwirft und dann den Kopf aus dem Hügel streckt.
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