„Na, hast du dir vorgenommen, dem Felix Konkurrenz zu machen? Seinen Blick hast du jedenfalls schon drauf.“ Zärtlich massierte sie ihm ein Ohr. „Aber jetzt wartet erst einmal eine Dusche auf dich, du kleiner Stinker.“
Vorsichtig hob sie ihn hoch und stellte ihn in die Wanne. Wie ein ausgefranster Wischmopp stand er da, zitterte und erduldete das warme Nass. Pia schäumte ihn ordentlich ein, bis die dreckige Brühe im Abfluss verschwand. Nachdem er sich geschüttelt und die Wassertropfen großzügig verteilt hatte, wickelte sie ihn in ein großes Badehandtuch und rubbelte ihn trocken. Den Fön wollte sie ihm ersparen.
Die Schere lag schon griffbereit und nun ging es ans Eingemachte. Großzügig schnitt sie Finley das verfilzte Fell vom Leib und der Rest wurde mit einer Bürste ausgekämmt. Nach dieser Prozedur flüchtete er mit eingekniffener Rute aus dem Bad zurück in Afras Körbchen. Pia verzog sich hingegen in die Küche und bereitete ihm eine Mahlzeit mit dem Aufbaufutter zu, welches ihr der Tierarzt mitgegeben hatte.
Anschließend hockte sie sich neben das Körbchen und fütterte ihn mit der Hand. Das förderte die Bindung und Biene konnte ihm nichts wegfressen. Zu Pias Freude verschlang der Rüde den gesamten Inhalt des Napfes. Es ging tatsächlich aufwärts mit ihm. So allein mit Biene war ihr doch ein wenig mulmig zumute und sie freute sich über Finleys Gesellschaft.
Um den Rüden nicht noch mehr zu verunsichern, ließ sie den Fernseher aus. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er je in einem Haus gelebt hatte. So wurde es ein eher langweiliger Abend auf der Couch und kurze Zeit später suchten die drei das Schlafzimmer auf.
Der Rüde fiepte noch ein paar Minuten leise vor sich hin, was ihm Pia bei all dem Stress der letzten Tage nicht verübeln konnte. Mit sanfter Stimme sprach sie auf ihn ein und er beruhigte sich schnell. Nach einer Weile herrschte eine friedliche Stille.
Ein anhaltendes Geräusch riss Pia aus dem Tiefschlaf und hastig knipste sie das Licht an. Diesmal stand die Dackeldame mit hoch erhobener Rute und aufgerichtetem Nackenfell laut knurrend vor der Tür. Obwohl Pia angestrengt lauschte, hörte sie keinen Mucks und lockte Biene wieder zurück aufs Bett. Nur sehr widerwillig gehorchte die Hündin.
Pia zog die Bettdecke wieder bis zur Nasenspitze und löschte das Licht. Warum hatte Biene sie ausgerechnet jetzt geweckt? Mit etwas Glück hätte sie die Nacht durchgeschlafen, ohne sich mit irgendwelchen Ängsten auseinandersetzen zu müssen. Aber sie konnte ihrer Dackeldame nicht wirklich böse sein.
Gähnend rollte sie sich unter der warmen Bettdecke wie ein Embryo zusammen und döste langsam wieder ein.
Mitten in die Stille hinein knarrte im oberen Flur eine Tür. Wie von der Tarantel gestochen fuhr Pia auf und ihr Herz hämmerte wild gegen die Rippen. Hatte sie sich eben verhört oder war dieser Laut echt gewesen? Biene hüpfte erneut vom Bett und bestätigte Pias Vermutung. Auch Finley hob neugierig seinen Kopf und beobachtete das fragwürdige Verhalten seiner neuen Familie.
„Biene“, flüsterte Pia beunruhigt, „komm zurück aufs Bett.“ Doch die Dackeldame dachte nicht daran und knurrte drohend. Verdammt, bei dem Lärm, den die Hündin verursachte, konnte sie nichts hören. Felix hatte wie versprochen treu und brav die Schlösser ausgewechselt und demzufolge war es unmöglich, dass hier ein Einbrecher sein Unwesen trieb.
Nach einigen Minuten hatte sich Biene wieder beruhigt und machte es sich am Fußende bequem. Nur ihre Ohren verharrten noch in der Lauschposition.
Pias Rücken schien mit dem Kissen zu verwachsen, so verängstigt presste sie sich an die Wand. Genau über dem Schlafzimmer vernahm sie jetzt scharrende Schritte und unterdrückte nur mit Mühe und Not einen Aufschrei. Das war zu viel für ihre Nerven. Warum hatte sie ihr Smartphone bloß auf dem Küchentisch liegen gelassen? Sie hätte Carina darum bitten können, sofort zu ihr zu kommen, um ihr beizustehen. Wozu waren schließlich beste Freundinnen da? Aber sie traute sich einfach nicht, das Bett zu verlassen.
Als das Licht der Nachttischlampe für einen kurzen Moment flackerte, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei. Hemmungslos schluchzend zog sie sich die Decke über den Kopf. Nein, das hier war nicht mehr witzig. Sämtliche Horrorfilme standen Schlange hinter ihrer Stirn. Vom Poltergeist bis zum Exorzisten, sie schauten alle in ihrem Schlafzimmer vorbei.
Pia wünschte sich Afra zurück, wünschte sich Felix an ihre Seite und wünschte sich an einen anderen Ort. Heulend wie ein Schlosshund wartete sie darauf, dass die Geräusche über ihr verstummten. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Langsam rutschte sie wieder in die Waagerechte, wagte aber nicht, das Licht zu löschen. Noch immer hatte sie die Bettdecke über ihren Kopf gezogen und nur das Licht schimmerte hindurch.
Mit der Zeit beruhigte sich ihr Herzschlag. Biene schlief bereits tief und fest, und nur ihre Pfötchen zuckten. Auch Finleys Atemzüge klangen gleichmäßig. Mehrmals nickte Pia ein, um dann erschrocken hochzufahren.
Als am Morgen der Wecker klingelte, empfand sie es fast schon als Gnade, endlich aufstehen zu dürfen
Das Gassigehen mit Finley gestaltete sich komplizierter als erwartet. Während er gestern brav an der Leine gelaufen war, protestierte er heute gegen diesen Zwang. Pia hatte Angst, dass er aus dem Halsband schlüpfte und entwischte. Ehe es dazu kam, kehrte sie lieber um.
Nach dem Frühstück steckte sie Finley und Biene in die Transportbox und fuhr zur Arbeit. Verstimmt und unausgeschlafen tippte sie Rechnungen, schrieb Angebote und erledigte die restliche Korrespondenz. Glücklicherweise verhielt sich Finley im Büro angenehm ruhig. Er war noch viel zu schwach und blieb den ganzen Tag im Körbchen liegen. Biene tat es ihm gleich. Hundesenioren hatten durchaus ihre Vorteile. Sie forderten kaum noch Aktivitäten ein, schliefen viel und waren dankbar für jede Streicheleinheit.
Nach dem Feierabend schaute Pia noch im Tante-Emma-Laden vorbei, denn das Shampoo war ihr ausgegangen. Kaum stand sie im Gedränge an der Kasse, klingelte ihr Smartphone.
„Hi Carina, wie geht es dir? Gut? Das freut mich. Nein, bei mir läuft es nicht so rund. Die Geräusche im Haus machen mir ordentlich zu schaffen, besonders nachts. Das hört sich alles ziemlich gruselig an und ich fühle mich nicht wohl. Ja, einsam ist es da draußen. Aber das wird schon wieder. Wäre schön, wenn du mal wieder vorbeikommst. Freitag? Wirklich? Toll, ich freue mich!“
Gerade als Pia ihre Einkäufe im Kofferraum verstaute, trat eine ältere Dame an sie heran. „Darf ich Sie etwas fragen?“
„Nur zu, Sie dürfen“, erwiderte Pia höflich.
„Sind Sie die neue Besitzerin des Gehöftes?“ Ihre wachen Augen huschten über Pias Gestalt, während die vielen Falten von einem bewegten Leben erzählten.
„Ja, die bin ich.“
„Tut mir leid, dass ich Sie an der Kasse belauscht habe, aber kennen Sie denn gar nicht die Geschichte dieses Hofes?“
„Nein. Der Makler hat nichts erwähnt, was mich von einem Kauf abgehalten hätte.“
„Hat er nicht? Nun ja. Einen Mord soll es dort gegeben haben, munkelt man.“
„Sind Sie sich da ganz sicher?“ Pias ungläubiges Gesicht sprach Bände.
„Wissen Sie, junges Fräulein, damals hatte man anderes zu tun, als sich um diese drei Leichen zu kümmern. So kurz vor dem Kriegsende gab es schließlich genug andere Tote zu betrauern und die Besitzerin des Hofes soll ein kaltes Weib gewesen sein. Ohne viel Aufsehen zu erregen wurden die Leute zu Grabe getragen und mit keinem Wort mehr erwähnt.“
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