Auch Felix blickte Pia mit rotgeränderten Augen traurig an und versuchte, seine Tränenflut in den Griff zu bekommen. Er war überrascht von seinen Gefühlen, dass ihm der Tod von Afra so nahe ging.
„Sie wird mir fehlen“, flüsterte Felix mit tonloser Stimme. Seine Worte verursachten bei Pia einen erneuten Ansturm von Tränen.
„Ich werde sie auch schrecklich vermissen“, presste sie zwischen ihren Schluchzern hervor. „Ich wusste, dass es so kommen würde, aber ich habe mir eingebildet, taffer zu sein.“ Sie schnäuzte heftig in ein Taschentuch. „Pustekuchen.“
Beide erhoben sich und umarmten einander. Felix drücke Pia fest an sich und streichelte über ihr schulterlanges, kastanienbraunes Haar. Pia war ein richtiger Wirbelwind, meist gut drauf und selten schlecht gelaunt. Sie konnte keine fünf Minuten still sitzen. Ihn erstaunte immer wieder, wie dieses zierliche Persönchen so unglaublich viel Energie aufbringen konnte. Doch jetzt erlebte er sie zum ersten Mal schwermütig und am Boden zerstört.
„Trotzdem, denk positiv, du hast den Hof schließlich nur deshalb gekauft. Afra hatte noch eine wunderbare Zeit bei dir und du hast ihr all deine Liebe geschenkt. Sie ist in deinen Armen von dir gegangen und nicht in diesem eiskalten, ungemütlichen Gartenhaus. Du wirst dein Herz schon bald wieder öffnen, da bin ich mir ganz sicher.“
Er blickte in ihre blaugrauen Augen. „Ich liebe dich, mein Schatz, genau deswegen. Du bist eine Kämpferin und hast deinen Willen durchgesetzt. Ich weiß bis heute noch nicht, warum du dir ausgerechnet dieses hässliche Gehöft ausgesucht hast.“
„Das weiß ich leider auch nicht.“ Beide lachten gequält.
„Immerhin, bei der Wahl deines Freundes, und da spreche ich von meiner Wenigkeit, hast du einen deutlich besseren Geschmack bewiesen.“ Er küsste Pia innig.
„Danke Felix, dass du für mich da bist!“
Den restlichen Abend schwelgten beide in Erinnerungen an Afra, die sie über eine Doggen-Nothilfe adoptiert hatten. Kraftlos vom vielen Weinen verzog sich Pia zeitig ins Schlafzimmer. Biene hüpfte wie jeden Abend aufs Bett und streckte sich am Fußende aus. Felix wollte im Wohnzimmer noch ein wichtiges Referat vorbereiten. Seine Anwesenheit vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit und es dauerte nicht lange, da übermannte sie der Schlaf.
Als Pia erwachte, tanzten die ersten Sonnenstrahlen über ihre Bettdecke. Verschlafen rieb sie sich die Augen, bis die Wirklichkeit erbarmungslos auf sie niederprasselte - sie hatten gestern Afra begraben. Tränen sammelten sich in ihren Augen und sie presste die Hand vor den Mund, um nicht laut zu schluchzen. Zu spät. Felix erwachte und tastete nach ihrer Hand.
„Guten Morgen, meine Maus. Komm, du sollst doch nicht mehr weinen.“ Zärtlich wischte er eine Träne fort, die von ihrer Wange perlte.
„Ich weiß. Aber sobald ich an Afra denke, muss ich heulen. Gib mir bitte noch etwas Zeit.“
„Mache ich. Trotzdem sollten wir jetzt aufstehen, schließlich haben wir uns mit reichlich Arbeit eingedeckt. Wenn wir das alles schaffen wollen, müssen wir Gas geben.“
Schwungvoll sprang er aus dem Bett und unter die Dusche. Pia kochte Kaffee und deckte den Tisch. Beide wollten das Wochenende nutzen, um in der kleinen Kammer den Dielenboden abzuschleifen. Pia fand den kleinen Raum ansprechend und hell, er sollte ihr später als Atelier dienen. In ihrer Freizeit malte sie gern Aquarelle und dort oben könnte sie sich entfalten, ohne ständig alles wegzuräumen.
Nach dem Frühstück brach Felix auf, um die gemietete Parkettschleifmaschine abzuholen. Er verabschiedete sich von Pia mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange und lief zu seinem Wagen. Der Motor heulte auf und kurz darauf war Felix verschwunden.
Biene kratzte ungeduldig an der Tür und erwartete den üblichen Morgenspaziergang. Für Pia war es unvorstellbar, denselben Weg entlangzulaufen, den sie täglich mit Afra genommen hatte. Sie würde in einem Meer aus Tränen versinken und schon jetzt kämpfte sie tapfer dagegen an.
Kurz entschlossen fuhr sie mit ihrem Auto vom Hof und suchte in der näheren Umgebung nach einem Wirtschaftsweg. Nachdem sie eine passende Stelle entdeckt hatte, parkte sie den Wagen am Feldrain und lief in Richtung Wald. Biene tippelte gemächlich hinterher und schnüffelte an jedem Grashalm.
Inzwischen hatten sie eine verfallene Scheune erreicht und die Hündin umrundete aufgeregt das baufällige Gebäude. Pia folgte ihr neugierig. Schon bald hörte sie ein leises Winseln und Scharren hinter der Holzwand. Sie lugte durch ein Astloch ins Innere der Scheune und ihr verschlug es den Atem.
Exkremente wohin das Auge auch blickte, ein leerer verbeulter Topf und mittendrin ein dunkles struppiges Etwas. Vor der Scheunenwand war der Boden aufgewühlt. Der Hund hatte bereits versucht, sich aus diesem qualvollen Gefängnis zu befreien.
Pia band Biene kurzerhand an einem Baum fest. Anschließend brach sie einen Ast ab und begann wie wild in der Erde herumzustochern. Mit einem kaputten Dachziegel räumte sie das lockere Erdreich zur Seite. Es wurde ein sehr mühsames Unterfangen, aber aufgeben kam nicht in Frage.
Mehrmals schnitt die scharfe Kante des Ziegels in ihr Fleisch und sie fluchte leise. Blut tropfte auf den Boden, doch sie achtete nicht darauf und wühlte sich wie ein Maulwurf durch das Erdreich. Zuerst lugte nur der Kopf des Hundes hervor, aber kurz darauf passten auch seine Schultern durch das Loch. Beherzt griff sie in das verdreckte Fell und zerrte ihn durch die Öffnung ins Freie. Gott, wie erbärmlich dieses Wesen stank.
Der Border Collie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und torkelte auf sie zu. Seine Rippenbögen waren deutlich sichtbar und als sie am Fell zog, blieb die Hautfalte stehen. Er war völlig entkräftet, dehydriert und schwebte in Lebensgefahr. Sie hob ihn hoch und stolperte zum Auto. Wie federleicht sich dieses arme Kerlchen anfühlte. Ungelenk öffnete sie die Autotür und legte den Rüden auf dem Beifahrersitz ab. Dann rannte sie zurück und band Biene los. Jetzt war Eile angesagt. Während sie den Motor startete, telefonierte sie mit der Tierklinik und kündigte den Notfall an.
In der Klinik wurde sie bereits erwartet und in den Behandlungsraum begleitet. Der Tierarzt tastete den Rüden ab und legte einen Venenzugang.
„Wird er es schaffen?“, fragte Pia besorgt.
„Ich hege keine großen Hoffnungen, er sieht sehr schlecht aus. Außerdem ist er nicht mehr der Jüngste. Aber vielleicht ist der Collie ein Kämpfer. Hat er einen Namen?“ Pia schüttelte traurig den Kopf.
„Woher kommt er denn?“
„Er ist mir bei einem Spaziergang zugelaufen, keine Ahnung, wem er gehört. Ich werde überall Zettel aufhängen, ob ihn jemand vermisst“, log Pia.
Einen Teufel würde sie tun. Die Leute, die den Rüden so erbärmlich gehalten hatten, konnten froh sein, wenn sie keine Anzeige erstattete. Einzig und allein die Rechtslage hielt sie davon ab. Der Diebstahl würde auffliegen, denn um den handelte es sich zweifelsohne, und sie müsste den Rüden zurückgeben. Das kam für sie auf keinen Fall in Frage. Der Collie sollte bei ihr bleiben, falls er überlebte, und ihr über die Trauer von Afra hinweghelfen. Auf diese Weise profitierten sie beide davon.
„Er bekommt jetzt Infusionen und Aufbauspritzen, dann betten wir ihn unter die Wärmelampe. Sie können heut Abend kurz durchrufen, ob sich sein Zustand gebessert hat.“
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