Das Fell verfilzt und vor lauter Schmutz triefend zog Biene bei ihr ein und liebte ihr neues Frauchen abgöttisch. Nach einem Wannenbad und der nachfolgenden Schur verbrachte die Hündin ihre erste Nacht am Fußende von Pias Bett. Bis heute war das Gespann unzertrennlich.
Biene ließ sich nur von Pia berühren und von niemandem sonst. Überängstlich bellte sie alles und jeden an und mit zunehmendem Alter wurde dieser Zustand nicht besser. Biene sollte eingeschläfert werden, denn sie konnte aufgrund ihrer Eigenarten nicht mehr vermittelt werden. Kein noch so rücksichtsvoller Nachbar hätte diese Lautstärke auf Dauer ertragen. Und genau aus diesem Grund hatte sich Pia diesen Aussiedlerhof gekauft.
Doggenhündin Afra teilte ein ähnlich unschönes Schicksal. Irgendwann zu groß für die zu kleine Wohnung, wurde die Hündin kurzerhand in das Gartenhaus verfrachtet. Für immer. Neun lange Jahre musste sie dort die Sommer und die Winter verbringen. Besonders während der kalten Jahreszeit fror die kurzhaarige Hündin, was eine schwere Nierenerkrankung nach sich zog. Bei Pia wurde Afra gepäppelt und inzwischen war sie ein Methusalem. Doggen hatten schon großes Glück, wenn sie überhaupt ein Alter von sechs bis sieben Jahren erreichten.
Pia liebte die Hunde heiß und innig und war sich ihrer schweren Last bewusst. Sobald eines der Tiere verstarb, zog das nächste ein, denn solche Plätze waren heiß begehrt. Es gab zu viele Hundesenioren und zu wenig verständnisvolle Menschen, die auch solch einem Tier eine Chance boten und ihr Herz verschenkten. Die immerwährende Angst, den Hund bald wieder zu verlieren, wirkte auf zukünftige Besitzer abschreckend.
Aber Pia fühlte sich dem gewachsen. Sie wollte wieder gutmachen, was die früheren Besitzer versäumt hatten. Das schreckliche Dasein, welches die Hunde bis dahin fristeten, sollte der Vergangenheit angehören. Viele hielten Pia für verrückt und die Euthanasie tatsächlich für angemessen. Sie verstanden nicht den Sinn dahinter, noch so viel Geld in diese Vierbeiner zu stecken. Doch Pia vertrat die Ansicht, dass jedes Lebewesen das Recht auf ein ehrwürdiges Leben besaß.
„Kommt, meine Mäuse“, lockte sie die beiden Hundedamen ins Wohnzimmer, wo sie den Fernseher einschaltete und es sich auf der Couch bequem machte. Sie gähnte herzhaft und rieb sich die Augen. In den letzten Nächten hatte sie sehr schlecht geschlafen und machte sich zusätzlich Sorgen wegen Afra. Die Hündin verweigerte seit zwei Tagen ihre Mahlzeiten und auch der Tierarzt konnte nicht mehr helfen. Ihr wurde schwer ums Herz, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachte.
Und dann war da noch diese andere Geschichte, die ihr den Schlaf raubte. Irgendwann, kurz nach dem Einzug, hatten diese seltsamen Träume angefangen, in denen sie hochschwanger in ihrem Bett lag und leise schlurfende Schritte vor der Schlafzimmertür hörte. Jedes Mal sprang sie panisch auf, verschloss hastig die Tür und hockte sich dann verängstigt in eine Ecke. Irgendetwas wartete da draußen und wollte nur eines: Das ungeborene Kind. Es kratzte am Holz und flüsterte mit leiser Stimme: „Gib es mir, es gehört dir nicht.“
Wenn sie am Morgen erwachte, hielt sie ihre Hände meist schützend über den Bauch gepresst. Inzwischen fürchtete sie sich sogar vor dem Einschlafen.
In einem Buch zum Thema Traumdeutung hatte sie gelesen, dass dieses Gehöft so eine Art Kind für sie darstellte und sie deutlich mehr belastete, als sie sich eingestehen wollte. Trotzdem war sie hier glücklich und schaffte sich ein behagliches Nest. Natürlich brachte die Sanierung einen Berg Arbeit mit sich. Aber wer konnte schon von sich behaupten, mit zweiundzwanzig Jahren stolzer Besitzer seiner eigenen vier Wände zu sein?
Auch sonst war sie rundum zufrieden. Die Liebe zwischen Felix und ihr entwickelte sich und es gab selten Meinungsverschiedenheiten. Jeder spürte die Harmonie dieses jungen Paares. Pias Eltern mochten Felix sehr und die zukünftigen Schwiegereltern akzeptierten sie als Partnerin ihres Sohnes. Sie war behütet aufgewachsen und kein Scheidungskind. „Eben alles easy“, würde ihre beste Freundin Carina wie üblich sagen. Als das Telefon unerwartet klingelte, zuckte sie zusammen.
„Hallo Liebes, alles in Ordnung bei dir?“
„Ja Felix, alles bestens.“
„Du wirkst in letzter Zeit so bedrückt, deshalb rufe ich noch einmal an. Geht es dir auch wirklich gut.“
„Mach dir bitte keine Sorgen, du hast mit deinem Studium schon genug um die Ohren. Du weißt ja, Afra baut täglich ab und ich muss mich auf einen baldigen Abschied vorbereiten. Das macht mich mürbe.“
„Kann ich gut verstehen. Ich will mir noch gar nicht vorstellen, wie es ohne sie sein wird. Hätte nie gedacht, dass mein Herz einmal so sehr an einem Vierbeiner hängt.“
In Gedanken sah sie ihn am anderen Ende der Leitung lächeln. Afra bevorzugte Felix und sie schien tatsächlich ein typischer Männerhund zu sein. Aber auch Felix hatte eine innige Beziehung zu dieser alten Doggendame aufgebaut.
„Es ist alles okay, Felix. Morgen bist du wieder hier und ich freue mich auf dich. Hab einen schönen Abend und genieße dein Klassentreffen.“
„Das werde ich, bis morgen Pia.“
Diese eine Nacht würde sie auch noch überstehen. Morgen hatte sie zeitig Feierabend und konnte sich später ausschließlich Afra und Felix widmen.
Trotzdem wuchs das innere Unbehagen, wenn sie an die bevorstehende Nacht dachte. Diese Träume machten ihr Angst. Sie wusste nicht genau, ob ein direkter Zusammenhang bestand, aber seitdem es Afra schlechter ging, häuften sie sich. Oder war ihre körperliche Verfassung daran schuld? Sie traute sich einfach nicht, Felix in ihre Ängste einzuweihen. Schon gar nicht nach letzter Nacht.
Im Traum hatte sich dieses Etwas, das ständig vor ihrer Schlafzimmertür lauerte, Einlass verschafft und mit aller Macht versucht, ihr das Kind aus dem Leib zu reißen. Voller Verzweiflung hatte sie sich gewehrt und war erschrocken aufgefahren, als Biene laut zu kläffen begann. Sie beruhigte die Dackeldame und vermeinte, in die plötzlich eintretende Stille hinein tatsächlich schlurfende Schritte im Flur zu hören.
Noch nie hatte sie sich so gefürchtet, wie in diesem Augenblick. „Ist da jemand?“ hatte sie in ihrer Naivität laut gerufen und natürlich keine Antwort erhalten. Nach einer kurzen Verschnaufpause echauffierte sich Biene erneut und wollte sich einfach nicht beruhigen lassen.
Panisch hatte Pia ihre Finger in die Bettdecke gekrallt, während das Herz ein Staccato hämmerte. Sie fürchtete sich vor einem Einbrecher, das war schließlich eine logische Konsequenz. Aber wer würde überhaupt in dieses Gemäuer einbrechen? Schon von außen sah man dem Gebäude an, dass es hier nichts zu holen gab.
Zitternd war sie mit Afra und Biene im Schlepptau zur Tür geschlichen und hatte in jedem Zimmer für Festbeleuchtung gesorgt. Aber weder ein Einbrecher noch ein Geist waren ihr über den Weg gelaufen. Sicher, Biene war dement und wer konnte schon mit Gewissheit sagen, was diese Aufregung verursacht haben könnte? Vielleicht hatte sie sich nur vor Pias Bewegungen im Schlaf erschreckt.
„Du bist so grottenschlecht, dir alles schön zu reden“, murmelte sie verbissen im Zwiegespräch. Wie bei einem Nachhall hörte sie von nun an ständig diese schlurfenden Schritte. Und nicht nur während des Schlafes, nein, das wäre ja zu einfach. Unruhig schien jemand durch das Haus zu geistern, um sie in Panik zu versetzen.
Felix sollte ihr am gemeinsamen Wochenende neue Schlösser einbauen. Wer auch immer diesen Schabernack mit ihr trieb, sollte auf der Stelle ausgebremst werden.
Nun war sie es, die ins Bad schlurfte, sich einer Katzenwäsche unterzog und Zähne putzte. Dann schlüpfte sie unter die Decke und löschte das Licht.
Der Mond hatte sich hinter einer dichten Wolkendecke versteckt und es war verdammt dunkel. Afra schnaufte leise und Biene knabberte hingebungsvoll an ihrer Pfote. Der Gedanke erschien ihr ziemlich affig, aber sie würde sich so ein Nachtlicht besorgen. Diese Dinger waren zwar für Kleinkinder gedacht, aber das sah ja schließlich keiner. Und vor Felix würde sie die Leuchte verbergen.
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