Verzagt schloss sie die Augen. Würde sie auch in dieser Nacht so ein scheußlicher Albtraum heimsuchen, sobald sie der Schlaf übermannte?
Trotz dieser bizarren Träume fand sie die Tatsache erstaunlich, dass sie den Fötus in ihrem Leib so deutlich spüren konnte. Dabei war sie noch nie schwanger gewesen. Diese leichten Tritte und dieses sanfte Boxen - was für ein großartiges Gefühl. Doch ständig gesellte sich eine beklemmende Angst hinzu, dieses ungeborene Wesen in ihrem Bauch zu verlieren.
Plötzlich lauschte sie in die Stille hinein. Irgendwo da draußen nahe beim Haus weinte ein Baby. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett. Sie musste sich verhört haben! Ihre Knie schlotterten, aber sicher nur, weil der Boden die Kälte auf ihre nackten Füße übertrug.
Warum sollte ausgerechnet außerhalb des Dorfes ein Kind weinen, noch dazu mitten in der Nacht? Klang das nicht genauso ähnlich, wenn Katzen sich paarten? Aber eigentlich war Anfang November die Paarungszeit vorbei, hatte sie zumindest gedacht.
Immerhin, für dieses Geschrei hatte sie wohl eine natürliche Erklärung gefunden. Erleichtert krabbelte sie zurück unter die Decke, wo es so herrlich warm und kuschelig war. Mit einem Seufzer rollte sie sich auf die Seite und war ruckzuck wieder eingeschlafen.
Leider währte der Friede nicht lange. Irgendwann, weit nach Mitternacht saß sie aufrecht zwischen den Kissen. Da! Ganz deutlich hörte sie die schlurfenden Schritte vor ihrer Zimmertür - auf und ab und wieder auf und ab. Dann knarzte die Treppe. Ihre zitternden Hände tasteten sich hektisch zur Nachttischlampe vor. Endlich Licht! Biene lag wie immer am Fußende. Den Kopf hatte sie allerdings zur Tür gewandt und spitzte ihre Dackelohren. Die Hündin musste also auch etwas wahrgenommen haben. Oder waren sie beide schon senil?
Warum musste Felix auch ausgerechnet heute bei seinen Eltern übernachten? Meist hörten diese Phänomene auf, sobald er bei ihr war. Steuerte ihr Unterbewusstsein diese Sinnestäuschungen, weil sie sich insgeheim wünschte, dass er für immer blieb?
Inzwischen zählte sie verzweifelt die Nächte und konnte es kaum mehr erwarten, ihn am Wochenende um sich zu haben. Verdammt, was war nur mit ihr los? Litt sie so sehr unter der Trennung, weil sie eine Wochenendbeziehung führten?
Felix studierte Informatik und würde erst in zwei Jahren das Studium beenden. Sie hatte diesen Umstand als gar nicht so schlimm empfunden und kam mit dieser Situation ganz gut zurecht.
Erneut knarzten die Stufen und Biene knurrte leise. Pia fehlte eindeutig der Mumm, um in den Flur zu stürmen und nach dem Rechten zu sehen. Sie vergrub sich stattdessen unter der Bettdecke und sehnte das erlösende Klingeln des Weckers herbei. Dann konnte sie endlich in der Morgendämmerung aufstehen und den Schrecken der Nacht hinter sich lassen.
Als der Weckruf endlich ertönte, wäre Pia vor Schreck beinahe aus dem Bett gefallen. Sie war tatsächlich noch einmal eingedöst, glücklicherweise ohne quälende Träume. Schlaftrunken tappte sie ins Bad und duschte. Bei Tageslicht sah die Welt doch gleich viel freundlicher aus. In der Küche kippte sie rasch einen Kaffee hinunter und verdrückte dazu einen Müsliriegel. Dann rief sie ihre vierbeinigen Ladys zu sich. Biene tippelte ihr freudig hinterher, nur Afra fehlte. Die lag im Körbchen und blickte zu Pia auf, als sie das Wohnzimmer betrat.
„He, Süße, was hast du denn?“
Müde legte Afra ihren großen Schädel in Pias Hände. Der gebrochene Blick sprach Bände. Die Hündin erhob sich schwerfällig, schwankte und ließ sich wieder fallen. Warum musste es ihr ausgerechnet heute so schlecht gehen? Pia hatte den gesamten Urlaub bereits aufgebraucht und der Vater verstand da keinen Spaß, Extrawürste gab es keine. Ihre Mutter konnte sie nicht vertreten, die weilte auf Norderney. Anne hatte sich die Kur von ihrer Krankenkasse wohlverdient erkämpft.
Zärtlich kraulte Pia die Doggendame hinter den Ohren. „Willst du heute lieber zu Hause bleiben? Gut, dann komme ich während der Mittagspause vorbei.“
Vom schlechten Gewissen angetrieben jagte sie in die Firma. Ihre Konzentration ließ am Vormittag sehr zu wünschen übrig. Sie verzettelte sich bei den Rechnungen, tippte die Namen verkehrt, wirkte fahrig und nervös. Ihre Gedanken weilten ständig bei Afra. Solche Tage hatte die Hündin öfter, an denen sie sich nur mühsam erheben konnte und der Kreislauf schlapp machte. Aber dieser verhangene Blick am Morgen gab Pia zu denken.
Sie verzichtete auf die Frühstückspause und nutzte die Viertelstunde, um mittags eher nach Hause fahren zu können. Wie eine Wahnsinnige raste sie mit ihrem Wagen über die Landstraßen, rannte zum Haus und riss die Tür auf. Mit klopfendem Herzen betrat sie das Wohnzimmer. Gott sei Dank, Afra schlief.
Sie warf die Jacke in den Flur, füllte eine Schüssel mit Wasser und reichte sie der Hündin. Doch die rührte sich kaum und hatte kein Interesse am kühlen Nass. Afra schien nicht mehr ansprechbar zu sein. Ihr Blick war in unbestimmte Ferne gerichtet und sie atmete unregelmäßig. Pia umarmte sie und musste weinen.
„Wie soll ich denn ohne dich weiterleben? Du kannst jetzt noch nicht gehen.“
Die Tränen ließen sich nicht mehr stoppen und tropften auf das schwarze Fell der Hündin. Afras Atem wurde flacher und Pia presste die Hündin fester an sich. Ein Ruck ging durch den Hundekörper und Pia purzelte zur Seite. Ächzend erhob sich die Hündin. Ihre Beine zitterten, aber der Blick war wieder klar und die Rute wedelte beschwingt. Sie erkannte ihr Frauchen und rieb den großen Schädel wie üblich an Pias Beinen.
„Mein Gott, Afra, ich dachte schon du …“
Nein, aussprechen wollte sie es nicht. Der Hündin fehlte eindeutig die Kraft und sie ließ sich wieder fallen. Pia setzte sich neben sie. Wann um Himmels willen war der richtige Zeitpunkt, um ein Tier zu erlösen? Aber Afra jetzt einfach so hochzureißen und ins Auto zu verfrachten kam nicht infrage.
Liebevoll streichelte sie die Hündin, die sich langsam entspannte. Die Beine rutschten leicht nach vorn und der Kopf sank auf die Brust. Afra atmete tief ein und wieder aus.
Ein leichter, kaum hörbarer Seufzer verließ die meist sabbernden Lefzen. Augenblicklich blieb die Zeit stehen und der mächtige Kopf sackte zur Seite. Pia konnte förmlich spüren, wie das Leben aus der Hündin wich.
„Afra? Nein ... nein, bitte nicht ...“ Verzweifelt rüttelte Pia den leblosen Körper, weinte und wimmerte und wünschte sich die Seele ihres Hundes zurück. Immer wieder stammelte sie fassungslos: „So wach doch auf, meine Große, so wach doch bitte auf!“
Schluchzend verharrte sie neben dem Hundekörbchen, bis das Telefon klingelte. Mühsam rappelte sie sich auf.
„Ja?“
„Pia, wo bleibst du denn? Die Mittagspause ist längst vorbei und ich kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen.“
„Papa entschuldige, aber Afra ist soeben gestorben. Ich kann nicht mehr in die Firma zurück.“
„Auch das noch ... Ich habe dir doch gleich gesagt, dass es schwer werden wird, aber du wollest ja nicht hören!“
„Bitte sei still, Papa. Vorwürfe bringen sie mir auch nicht zurück.“
„Tut mir leid, Kleines. Wenn du Hilfe brauchst, dann melde dich. In Ordnung?“
„Ja Papa.“
Felix und Pia saßen am Küchentisch und hielten sich an den Händen. Pia schluchzte laut und um sie herum lagen Papiertaschentücher verteilt. Sie hatten gerade Afra würdevoll im Garten begraben. Eigentlich war das verboten, aber das kratzte Pia herzlich wenig. Sie wollte die Hündin in ihrer Nähe wissen, zumindest die sterblichen Überreste.
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