Um den Grund für dieses Chaos zu erfahren, steuerte Pia den hinteren Bereich des Hofes an.
„Halt, wer sind Sie denn?“ Jemand fixierte den Ärmel ihrer Jacke und hinderte sie am Weiterlaufen.
„Ich bin die Eigentümerin. Dürfte ich vielleicht erfahren, womit ich diesen Auflauf hier verdient habe?“
„Dürfen Sie. Beim Ausbaggern der alten Sickergrube sind die Arbeiter auf menschliche Überreste gestoßen.“
„Wie bitte? Was? Leichen?“ Pia war bestürzt.
„Knochenfunde, um genauer zu sein.“
Ihr wurde speiübel und sie verkrampfte sich. Das war auch wieder so ein typisches Pia-Ding. Wenn es schon hart auf hart kam, dann aber richtig. Sie brauchte dringend eine neue Kläranlage, und zwar lieber gestern als heute, aber von Problemen dieser Art war nie die Rede gewesen.
Pia wurde zum leitenden Beamten geschleppt, den sie mit ins Haus nahm. Nachdem sie ihm trotz der späten Stunde einen Kaffee gekocht hatte, stellte er seine Fragen. Auf die meisten wusste sie keine Antwort, sie wohnte schließlich erst seit kurzem hier. Sie erwähnte nur am Rande, dass während des zweiten Weltkrieges auf dem Hof angeblich ein Mord geschehen war. Doch der Beamte teilte ihr mit, dass bis jetzt nur Kinderskelette geborgen wurden und die Knochen schon seit längerer Zeit in der Grube verrotteten.
Fassungslos rang Pia nach Luft. Hatten diese immer wiederkehrenden Träume, die sie seit dem Einzug plagten, etwas damit zu tun?
„Leider werden wir die ganze Nacht die Überreste bergen, die Kollegen bauen gerade die Flutlichter auf. Das Licht wird Sie mit Sicherheit stören, aber wir müssen uns ranhalten, bevor der Boden noch stärker aufweicht.“
Pia kniff die Lippen fest zusammen, um nicht laut zu lachen. Die Beamten könnten hier die komplette Flutlichtanlage eines Fußballstadions installieren und sie hätte einen Freudentanz aufgeführt. Licht und Menschen, die ganze Nacht über! Heute würde sie mit Sicherheit besonders tief und fest schlafen. Sie musste nur diese verdammten Kinderleichen ausblenden.
„Selbstverständlich, alles kein Problem. Walten Sie Ihres Amtes.“
Der Mann nickte ihr zu und verließ die Küche.
Wieder allein, wankte Pia ins Wohnzimmer und ließ sich kraftlos auf die Couch sinken. Sie fühlte sich überhaupt nicht dazu in der Lage, diese grauenvolle Information zu verarbeiten. Wenn ihr Vater und die Schwiegereltern davon erfuhren, war die Hölle los! Niemand würde dieses Anwesen mehr kaufen wollen, das sprach sich mit Sicherheit wie ein Lauffeuer herum.
Mit einem Schlag war der Hof wertlos geworden und diese Gewissheit zog ihr den Boden unter den Füßen fort. So wie die Motten das Licht würde das Gehöft die Schaulustigen anziehen. Am liebsten wollte sie nur noch schreien. Wann verdammt noch einmal erwachte sie endlich aus diesem Albtraum?
Afra war von ihr gegangen, die unheimlichen Geräusche zehrten an ihren Nerven und jetzt auch noch tote Kinder. Und niemand war greifbar, dem sie sich anvertrauen konnte. Eltern und Schwiegereltern kamen nicht in Frage, die würden sie nur mit Vorwürfen bombardieren, Felix schrieb morgen eine wichtige Klausur und Carina hatte ein Date.
Das Gefühl, an ihren eigenen Problemen zu ersticken, wurde übermächtig und sie rang verzweifelt nach Luft.
Finley trottete in die Küche und setzte sich neben sie. Sein wacher Blick streifte durch den Raum und während sie ihn liebevoll hinter den Ohren kraulte, beruhigte sich ihr Herzschlag.
„Ich mache dir jetzt deine Mahlzeit, damit du wieder zu Kräften kommst.“
Der Rüde stürzte sich auf das Futter und leerte die Schüssel bis zum letzten Krümel. Pia genehmigte nur einen Schokoriegel, um das Hungergefühl zu unterdrücken, denn der Appetit war ihr restlos vergangen.
Von der gesamten Situation total überfordert, kroch sie erschöpft ins Bett. Innerhalb kürzester Zeit war sie eingeschlafen und ihr Unterbewusstsein übernahm das Ruder.
Pia wand sich unter grässlichen Schmerzen und brachte diesen zarten Winzling zur Welt. Voller Stolz hielt sie den Säugling im Arm und betrachtete ihn liebevoll. Er hatte die kleinen Händchen zu Fäusten geballt und sah hinreißend aus. Pia legte das Bündel in die Wiege und verließ den Raum.
Rastlos irrte sie eine Zeitlang durch das Haus, bis sie sich plötzlich an das Kind in der Wiege erinnerte. Ein beängstigendes Gefühl machte sich breit und sie jagte die Stufen zur Kammer hinauf. Panisch riss sie den Säugling aus der Wiege und ließ ihn hysterisch kreischend fallen. Sie hatte ein steifes, kaltes Körperchen in ihren Armen gehalten mit einem bläulich verfärbten, engelsgleichen Puppengesicht, dessen ausdruckslose Augen an die Zimmerdecke starrten.
Pia schrie noch immer, als sie schweißgebadet erwachte. Zitternd saß sie im Bett und die Realität fiel gnadenlos über sie her.
Ein lautes Klopfen an der Haustür durchbrach die unheilvolle Stille. Leise stöhnend schwang sie die Beine aus dem Bett, zog sich den Bademantel über und lief in den Flur.
„Was gibt’s?“
„Wir haben einen Schrei gehört und wollten der Sache nachgehen. Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“ Der leitende Beamte musterte sie mit sorgenvollem Blick.
„Nein, irgendwie ist nichts in Ordnung. Ich habe schlecht geträumt und bin wohl deshalb lauter geworden.“
„Haben Sie denn niemanden, der bei Ihnen übernachten könnte? Sie sollten in solch einer Situation nicht allein bleiben. Warum packen Sie nicht ihre Sachen und ziehen vorübergehend in ein Hotel.“
„Mit zwei alten Hunden im Gepäck fällt das Hotel definitiv aus.“
„Oh, verstehe. Aber es sollte zumindest jemand bei Ihnen sein. Ich wundere mich nur, warum sich eine junge Frau wie Sie auf diesen Hof zurückzieht? Meine Frau geht nicht einmal im Dunkeln in den Keller.“ Ihr Gegenüber räusperte sich und schien auf eine Antwort zu warten.
„Ich werde eine Freundin darum bitten, dass sie mir für ein paar Nächte Gesellschaft leistet.“
„Damit kann ich leben. Bis spätestens morgen Nachmittag sollten die Ausgrabungen beendet sein, dann werden die Mannschaften wieder abgezogen.“
„Wie viele Kinder haben Sie denn gefunden?“
„Möchten Sie das denn tatsächlich wissen?“
„Eigentlich schon.“
„Es wäre mir sehr wichtig, dass Sie der Presse und anderen Personen gegenüber Stillschweigen bewahren.“
„Mit wem sollte ich denn schon darüber reden? Wenn mein Vater davon erfährt, reißt er mir den Kopf ab. Er hält den Kauf dieses Gehöftes sowieso für die größte meiner Jungendsünden.“
Über das Gesicht des Beamten huschte ein Lächeln. „Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich teile die Meinung Ihres Vaters. Neben einer gehörigen Standpauke, hätte auch ich mit allen Mitteln versucht, diesen Kauf zu verhindern. Ich denke, Eltern können einfach nicht anders.“
„Wie viele Kinder sind es denn nun?“ In ihrer Stimme schwang ein Hauch von Ungeduld.
„Bis jetzt haben wir drei kleine Schädel gefunden. Einige der Knochen sind mit Sicherheit verrottet, aber ich gehe davon aus, dass wir den Großteil bereits ans Tageslicht gefördert haben. Jetzt müssen wir zusehen, dass dieser Fall so schnell wie möglich aufgeklärt wird.“
„Was meinen Sie, wie lange liegen diese Kinderknochen schon dort unten?“
„Der Rechtsmediziner hat vorläufig eine größere Zeitspanne angegeben. Er meint, dass die Gebeine in den Jahren von 1930 bis 1950 dorthin gekommen sein könnten. Mit größter Wahrscheinlichkeit wollte jemand die Säuglinge in der Jauchegrube entsorgen. Grausame Verbrechen gab es zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte, leider.“
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