Der Anwalt entledigte sich seines klassischen Bowlers und legte ihn zusammen mit seinem schwarzen Mantel auf einen Stuhl. Er hatte gerade Platz genommen, als ein Kellner an seinem Tisch erschien.
»Guten Abend, Sir!«, begrüßte ihn der Mann zuvorkommend, den Gabham auf etwa sechs Fuß schätzte. »Wünschen Sie die Karte? Wenn ich Ihnen etwas empfehlen darf? Wir haben heute ein ausgezeichnetes Fischmenü: London Cure smoked Salmon an Weißwein-Soße, dazu gibt es Buchweizen-Blinis.«
Gabham winkte ab.
»Nur einen Scotch, bitte«, erwiderte er. »Einen doppelten, und eine Tasse Kaffee.«
„Sehr wohl, Sir!“, beeilte sich der Kellner mit der Andeutung einer Verbeugung zu bestätigen. „Kommt sofort, Sir!“
Gabham war nach einer Zigarette zumute. Er wartete, bis ihm der Kellner Scotch und Kaffee gebracht hatte, nahm den Scotch und trat auf die Terrasse des Restaurants hinaus. Dort setzte er das Glas an und leerte es in einem Zug. Im gleichen Augenblick spürte er, wie der Alkohol die Kälte aus seinen Gliedern vertrieb, die er eben noch verspürte. Eine weitere Marlboro fand ihren Weg zwischen seine Lippen und er rauchte in hastigen Zügen. Erneut begann er zu frösteln. Ohne Mantel war es einfach zu frisch draußen. Deswegen beeilte er sich, schnell wieder an seinen Tisch zurückzukehren, um sich aufzuwärmen. Prompt wurde es besser. Entspannt lehnte er sich im Schwingsessel zurück. Mit einem Mal war er richtig müde geworden. Wahrscheinlich wäre er sogar eingeschlafen, wenn ihm der Kellner nicht auf die Schulter getippt hätte.
»Sir?«, kam es entschuldigend. »Wir schließen gleich.«
Die Stimme des Kellners ließ ihn zusammenfahren. Mit dem Finger deutete der Mann auf die große Uhr, die hinter der Theke hing.
»Es ist gleich dreiundzwanzig Uhr«, stellte die Bedienung fest. »Unter der Woche ist bei uns um diese Zeit immer Schluss. Freitags bis sonntags geht es bis um eins.«
Archibald Gabham warf einen Blick auf die Uhr. Der Kellner hatte recht. Es war tatsächlich schon so spät. Wie war das nur möglich? Er hatte das Gefühl, das Restaurant eben erst betreten zu haben und doch war es bereits Viertel vor elf. Außer ihm war auch kein Gast mehr anwesend – die Pärchen waren verschwunden. Ihr Gehen hatte er gar nicht mitbekommen. Der Anwalt war sichtlich verwirrt. Irgendwie kam ihm das plötzlich alles so unwirklich vor.
»Wenn ich bitte abrechnen darf, Sir?«, holte ihn der Kellner in die Wirklichkeit zurück. Er legte den Kassenbon vor ihn auf den Tisch, um deutlich zu machen, dass die Zeche bezahlt werden musste.
Ohne ein Wort starrte Gabham den Kellner an. Der seltsame Blick seines Gegenübers, mit den ausdrucklosen Augen, bewirkte, dass er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Aber es war nicht nur dieser Blick, der dem Mann Angst einflößte. Auch die Bewegungen seines Gastes hatten plötzlich etwas Unheimliches, ja Unnatürliches, an sich. Es kam ihm vor, als habe Gabham seine Zahlungsaufforderung völlig überhört, denn der hatte sich schon seinen Hut aufgesetzt und war bereits im Begriff zu gehen.
»Aber ... Sir!«, stieß der Kellner zaghaft aus. »Ihre Rechnung, Sir!«
Der Restaurantangestellte glaubte schon, einen Fehler begangen zu haben, denn plötzlich unterbrach Gabham seine Bewegung und drehte sich abrupt zu ihm um. Die Augen des Rechtsanwalts funkelten und dem Kellner verschlug es die Sprache. Die Rechnung war ihm auf einmal völlig unwichtig geworden. Alles was ihn gerade interessierte war, dass der unheimliche Mann so schnell, wie möglich aus dem Restaurant verschwand. Man konnte förmlich sehen, wie die Last von ihm abfiel, als Gabham seinen Weg nach draußen fortsetzte.
Kaum dass der Anwalt auf der Straße war, schlug der Kellner die Tür hinter ihm zu und sperrte direkt ab. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern, auch wenn die Sache noch einmal gut ausgegangen war.
In den all den Berufsjahren sind mir ja schon so einige skurrile Typen untergekommen , dachte er bei sich, aber dieser Typ war echt die Krönung. Selbst seinen Mantel hat er liegen lassen. Was für eine bizarre Vorstellung ist das gewesen … ob der irgendwelche Drogen zu sich genommen hat? Er schüttelte missbilligend den Kopf. Auf jeden Fall muss sich jemand um ihn kümmern. Vielleicht finden sich ja Papiere in seinem Mantel … und dann soll sich der ›Metropolitan Police Service‹ um ihn kümmern.

Draußen war es kalt, und obwohl Gabham nur mit seinem Hut und ohne Mantel herumlief, fror er nicht. Die Temperatur empfand er gerade richtig – nicht zu warm oder zu kalt. Fast wie in einer dieser lauen Sommernächte, in denen er so gern an der Themse spazieren ging.
Seine Hände waren längst rot und steif, seine Wangen bläulich angelaufen und seine Nase glich einer übergroßen Erdbeere.
Gabham spürte es nicht. Unbeirrt setzte er seinen Weg fort. Auch wenn man es ihm nicht ansehen konnte, er hatte große Angst. Alles in ihm sträubte sich, dieser Verabredung zu folgen, und doch befand er sich bereits auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Mechanisch, fast wie fremdgesteuert, trugen ihn seine Beine voran. Er hatte keine Ahnung, wohin er ging. Sein Inneres begehrte auf, sagte ihm, dass diese Begegnung für ihn tödlich enden werde. Doch er war nicht mehr Herr seiner selbst und folgte einfach seinen Beinen.

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