»Mit anderen Worten: Dir macht es richtiggehend Spaß, postmortal Klugscheißern zu dürfen!«, konstatierte Blake, dem es endlich gelungen war, die zahlreichen Journalisten hinter sich zu lassen und zu den beiden herüber zu kommen. Die letzten Worte Lestrades waren ihm nicht entgangen. Er schüttelte ihm zur Begrüßung die Hand.
»Hallo, Gordon! Sieht aus, als wärst du schon wieder auf dem Rückzug.« Kameradschaftlich stieß er dem Arzt gegen den Oberarm. »Das war ja eine kurze Vorstellung.«
»Na, was soll ich dir sagen … er läuft mir nicht mehr weg und die Lieferung erfolgt später frei Haus«, scherzte Lestrade auf den Toten deutend, fügte dann aber ernst hinzu: »Hier gibt es für mich nichts weiter zu tun, Isaac, und ehrlich gesagt, ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir. Der Bursche hält mich ganz schön auf Trab!« Damit spielte der brillante Pathologe auf den Mörder an, der, wenn er so weitermachte, einen neuen traurigen Rekord in der Kriminalstatistik des New Scotland Yard ausmachen würde. »Wir sehen uns später im Yard!« Er hob die Hand, winkte kurz und eilte mit seinem Arztkoffer davon.
Blake wandte sich an seinen Partner und Kollegen. »Und?« Fragend hob er dabei eine Augenbraue, fischte gleichzeitig eine Zigarette aus dem Päckchen in seiner Hemdtasche und schob sie sich zwischen die Lippen. »Wie sieht es aus?«, fragte er, während er sein Feuerzeug hervorholte und sich seinen Glimmstängel ansteckte.
»Gordon meint, dass wir den ausführlichen Befund spätestens Morgen auf dem Tisch haben. Vorab fand er nur den seltsamen Gesichtsausdruck der Leiche ungewöhnlich … Ich muss ihm recht geben. Kannst ja mal selbst einen Blick auf den Mann werfen.«
»Tote schauen drein, wie Tote nun einmal dreinschauen«, bemerkte Blake lakonisch, beugte sich dann aber doch leicht zur Leiche hinunter und hob das Tuch ein wenig an. »Stimmt, eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden«, bestätigte er, legte das Tuch wieder ab und trat einen Schritt zurück. »Ich glaube, da kommt was Größeres auf uns zu«, sinnierte er laut, und McGinnis wusste, dass er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
»Irgendwie werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, dass wir ungewöhnliche Fälle anziehen, wie das Aas die Schmeißfliegen«, knurrte er missmutig.
Weder er noch McGinnis ahnten, wie nah er damit der Wahrheit kommen sollte. Ein weiterer außergewöhnlicher Fall hatte begonnen, einer, bei dem nicht auszuschließen war, dass sie vielleicht wieder einmal ihr Leben aufs Spiel setzen mussten …

Kapitel 4
E
r ärgerte sich maßlos. Das, was ihm die beiden Boxer im Ring boten, war nicht einmal Mittelmaß. In seinen Augen war es eine einzige Zumutung. Der Kampf gab einfach keine Höhepunkte her und langweilte ihn zum Gähnen. Archibald Gabham war überzeugt, sich zu recht zu ärgern, denn immerhin hatte er für diesen, seiner Meinung nach absolut miesen Schlagabtausch, fünfzehn Pfund ausgegeben. Für ihn stand die dargebotene Leistung in absolut keinem Verhältnis zum gezahlten Betrag. Für diesen Fight hätte er keine zehn Pennys gegeben, und wenn er für sein Geld keinen entsprechenden Gegenwert erhielt, so ging ihm das schon seit eh und je gewaltig gegen den Strich.
Verärgert sah er noch ein paar Minuten zu, dann reichte es ihm. Er hatte die Schnauze gestrichen voll. Zu allem Überfluss hatte ihm vorhin auch noch so ein jugendlicher Blödmann Ketchup an seinen neuen Mantel geschmiert. Für ihn war diese Würzsauce, aus Zucker, Tomatenmark, Essig, Speisesalz und Gewürzen, völlig gleich welcher Geschmacksrichtung, schlichtweg der allerletzte Fastfood-Mist und hatte nichts, aber auch rein gar nichts, an Speisen jedweder Art zu suchen; und Typen, die sich wie dieser junge Tölpel benahmen, konnte er auch nicht leiden. Am liebsten hätte er ihn sich geschnappt und ihm mal richtig den Marsch geblasen.
Gabham hatte endgültig genug. Er warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. Inzwischen war es bereits zehn Uhr abends durch. Die restlichen neun Runden wollte er sich auf keinen Fall mehr antun. Es würde ohnehin keinen Sieger durch K.O. geben, denn die beiden schwergewichtigen Kerle im Ring waren viel zu sehr darauf bedacht, sich bloß nicht ernsthaft zu berühren. Ihr Auftreten war zu unüberlegt und unsachlich, ihr Kampfstil zu passiv, zu abwartend und viel zu träge. Wenn einer der beiden den Mumm aufbringen würde, einmal richtig loszulegen, hätte er seinen Gegner schnell mit ein paar schweren Treffern zu Boden schicken können.
»Ihr jämmerlichen Amateure!«, schrie Gabham in Richtung Boxring, während er sich durch die dicht gefüllten Ränge zum Ausgang schob.
In seinem Zorn war es ihm völlig egal, dass er dabei einigen Zuschauern auf die Schuhe trat und andere anrempelte. Als er endlich den Ausgang erreicht hatte, hörte er gerade noch den Gong, der wieder eine Runde beendete, in der nichts Spannendes passiert war. Möglicherweise leitete der Gong aber auch bereits die neue Runde ein und er hatte es nur nicht mitbekommen. Ihn interessierte es nicht mehr im Geringsten.
Kaum stand er vor der Tür der Box-Arena, pfiff ihm eisiger Wind entgegen. Er stellte den Kragen seines Schurwollmantels hoch und schloss den obersten Knopf. Viel half es nicht, denn schon bald hatte er eine rote Nase und fror am ganzen Leib. Die momentan herrschende Kälte war nichts für ihn. Schon nächste Woche würde er für ein paar Tage in die Grafschaften Cornwall und Devon, im äußersten Südwesten Englands, fahren. Er freute sich auf die, sich im Wind wiegenden Palmen und das üppige Grün der › Englische Riviera ‹. Vor allem aber freute er sich auf die herrliche Bucht in Süddevon, die ihm am Herzen lag, seit er zum ersten Mal dort gewesen war. Letztlich hatte er sich diese Auszeit auch verdient, immerhin lag sein letzter Urlaub bereits volle zwei Jahre zurück.
Er zog den Mantelkragen mit einer Hand zusammen und hielt ihn fest, um so dem Wind etwas von seiner schneidenden Schärfe zu nehmen – aber es half nicht viel. Schon nach wenigen Minuten im Freien kam er sich vor, wie ein Eisklumpen.
Er fluchte halblaut vor sich hin und ärgerte sich darüber, dass er seine Wohnung überhaupt verlassen hatte. Wieder einmal fragte er sich, warum er es nicht wie andere Leute hielt und einfach mal zu Hause zu blieb – im Schutz der eigenen vier Wände und es sich mit einem ordentlichen Whisky zu einem guten Buch, vor dem offenen Kamin bei wohliger Wärme gemütlich machte.
Er hatte diesen Gedanken gerade zu Ende gebracht, als er ihn auch bereits wieder verwarf. Ihm kam das seltsame Telefonat in Erinnerung, welches er am späten Nachmittag geführt hatte und auf das er sich einfach keinen richtigen Reim machen konnte. Und oder vielleicht gerade weil er nicht wusste, wie er dieses Gespräch einzuordnen hatte, schaffte er es nicht, es gänzlich aus seinen Gedanken zu verbannen. Anfangs hatte er dem Anruf keinerlei Bedeutung beigemessen und entsprechend reagiert: sofort wieder aufgelegt und sich weiter seiner Arbeit gewidmet. Mit unnützen Sachen verplemperte er nur ungern seine Zeit, aber der seltsame Anrufer hatte sich einfach nicht abschütteln lassen. Mit außerordentlicher Hartnäckigkeit bestand der Mann auf ein Treffen. Er hatte sich sogar die Frechheit herausgenommen über seine Zeit zu bestimmen und den Ort, sowie den Zeitpunkt festgelegt. Er verstand sich selbst nicht, aber aus irgendeinem unbegreiflichen Grund hatte er sich dem Unbekannten nicht widersetzen können.
Читать дальше