Als die beiden aus ihrem Dienstfahrzeug kletterten, stürmten die ersten Presseleute bereits auf sie zu, um Informationen für ihre, noch zu schreibenden Artikel zu erhalten. Fragen prasselten auf sie ein, und einige drückten ihnen dabei fast schon ihre Mikrophone ins Gesicht. Aber Blake und McGinnis wussten zu diesem Zeitpunkt ebenso wenig wie die Zeitungsleute.
Während Blake noch damit beschäftigt war, sich aus der Umzingelung der Lohnschreiber zu befreien, hatte es McGinnis bereits geschafft, sich von der Meute zu lösen und bis zum leitenden Pathologen der Gerichtsmedizin durchgeschlagen, um sich von diesem den Toten zeigen zu lassen und erste Informationen zu bekommen. Doktor Gordon Lestrade und McGinnis kannten sich seit etlichen Jahren und hatten schon zuvor an zahlreichen ähnlichen Schauplätzen zusammengearbeitet. Gerade erst hatten sie einen gemeinsamen Fall abgeschlossen, bei dem zwei weibliche Leichen direkt aus den Kühlfächern der Pathologie verschwunden waren, nur um später auf sehr mysteriöse Weise an anderer Stelle wieder aufzutauchen [ 1 ].
»Hallo, Gordon!«, begrüßte er mit seiner klangvollen tiefen Stimme, die so manchem Tenor zur Ehre gereicht hätte, den Mediziner, der neben der, zum Teil abgedeckten Leiche kniete.
Seine Worte gingen im Lärm eines tieffliegenden Hubschraubers unter.
»Verfluchte Reporter!« McGinnis starrte zum Helikopter empor, der jetzt recht niedrig über ihre Köpfe hinwegflog. Es war ein rotweißer, dessen Kennung er nicht auf Anhieb erkannt hatte. Soweit er sehen konnte, waren aber keine Kameras installiert. Er trat einen Schritt zurück und zeigte verärgert auf jeden einzelnen der Medienvertreter im Umkreis von hundert Yards.
»Der Van dort«, klärte er den Pathologen und einen danebenstehenden Sergeant auf, den er noch nie zuvor gesehen hatte. »Rundfunk! Irgend so ein hinterwäldlerischer Lokalsender mit so einer Prominudel namens Kate, die in schöner Regelmäßigkeit ergreifende Geschichten über das Leben, ihres missratenden Sohnes und dessen dreibeinigen Hund namens Jerk erzählt. Ein anderer Sender steht da drüben, und der Ford Escort auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehört zu einem echten Käseblatt. Dürfte die Klatschpostille namens › Evening Standard ‹ sein. Dahinter steht › The London Paper ‹.« Er wies auf einen Vauxhall. »Auf die Lady muss man aufpassen, die Blondine mit den irre langen Beinen, das ist Layla Morrison! Kaum vorstellbar, dass die bei dieser Wetterlage im dünnen kurzen Kleid und High Heels rumläuft! Vermutlich ist sie der Auffassung, dass die Jungs dann eher mit ihr reden.«
»Reg‘ dich nicht auf, Cyril. Du bist lange genug bei der Truppe und weißt genau wie das abläuft! Du wirst die morbide Neugier der Leute nicht abstellen können«, unterbrach ihn Lestrade, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Er hatte sich an McGinnis‘ Tiraden gegen die Einseitigkeit und Verlogenheit der Medien gewöhnt und hörte ihm zumeist kaum noch richtig zu.
Der Chef-Pathologe des Yard erhob sich. Freundschaftlich klopfte er McGinnis auf die Schulter.
»Du brennst sicher darauf zu erfahren, ob es ähnliche Anzeichen wie bei den letzten Opfern gibt, nehme ich an«, lächelte der Mittfünfziger. Mit dem abgestumpften, gleichgültigen Blick eines Menschen, der ständig Umgang mit dem Tod hatte, betrachtete er die Leiche zu seinen Füßen.
»Du vermutest richtig«, brummte McGinnis und nickte. »Kannst du mir denn schon was sagen?« Er deutete auf den Toten. »Sieht doch auf den ersten Blick verdammt ähnlich aus«, meinte er, während er sich mit einer Hand durch die wenigen Haare fuhr und sich nachdenklich am Kopf kratzte.
»Stimmt, so sieht es aus«, erwiderte Lestrade gedehnt, der sich nur ungern direkt festnageln ließ, »zumindest tut es das, auf den ersten Blick, wie du selbst gesagt hast.«
»Dann dürften wir hier das dritte Mordopfer haben«, meinte McGinnis dumpf. »Also ein Serienkiller!«
»Netter Versuch, Cyril, aber ich werde mich diesbezüglich noch nicht festlegen. Ich sagte: Stimmt, so sieht es aus, zumindest tut es das, auf den ersten Blick«, schmunzelte der Mediziner, gespielt vorwurfsvoll, und sich selbst zitierend. »Wie immer bedarf es noch einer eingehenden Untersuchung, um sicher zu sein, dass der Mann auch tatsächlich auf die gleiche Art und Weise ums Leben gekommen ist, wie Eltringham und Asbury.«
McGinnis zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Manteltasche und quälte sich in die, für ihn immer noch zu kleine XXL-Version hinein. Lestrade betrachtete sein Tun mit einem spöttischen Lächeln, und McGinnis honorierte es mit einem strafenden Blick.
»Kein Wort!« fügte er drohend, aber nicht ernst gemeint hinzu. Dabei verzog er genervt das Gesicht. »Ich will nix hören!«
Kaum hatte es geschafft, seine mächtigen Pranken in die zu engen Gummihandschuhe zu bekommen, ging er neben dem Toten auch schon in die Hocke und deutete auf dessen Augen.
»Petechiale Einblutungen, wie ich sehe«, kommentierte er fachmännisch. Er sah zu Lestrade auf. »Hast Du mal einen Holzspatel für mich?«
»Sicher«, griente der Arzt und reichte ihm einen aus seinem Koffer.
McGinnis öffnete den Mund des Toten und besah sich gründlich dessen Zunge.
»Wie ich es mir dachte. Hier sind auch Einblutungen zu finden«, murmelte er zufrieden vor sich hin. »Dann finden sich auch welche in den Ohren«, dozierte er halblaut weiter, betrachtete einen Augenblick eingehend das Gesicht des Toten und drehte anschließend dessen Kopf leicht zu beiden Seiten. »Dazu die Zyanose der Gesichtshaut, Stauung und Dunsung der Gesichtsweichteile, eine Speichelabrinnspur, und hier ...«, er deutete auf den Hals des Mannes, »deutlich sichtbare Strangulationsmarken.«
»Das ist alles richtig, Cyril! Ausgezeichnet!«, lobte der Pathologe lächelnd. »An dir ist ein Mediziner verloren gegangen. Wenn du mal keine Lust mehr hast, bösen Jungs … oder auch Geistern hinterher zu jagen … in meinen Katakomben bist du herzlich willkommen.« Dann wurde er wieder ernst. »Hast du dir, abgesehen von den eindeutigen Symptomen, auch mal sein Gesicht genauer angesehen?« Seine Stimme klang jetzt leicht distanziert. »Der Mann hat einen völlig verzerrten Gesichtsausdruck, … fast schon, wie bei einem Geisteskranken.«
»Ist mir auch schon aufgefallen, Gordon. Erinnert stark an Eltringham und Asbury«, erwiderte McGinnis zustimmend, während er die Leiche wieder sorgsam abdeckte. Er stand auf, mehr gab es momentan nicht zu begutachten.
»Aber, wie ich schon sagte, Genaues gibt es erst nach der Obduktion.« Lestrade zog sich die Latexhandschuhe von den Händen und steckte sie in einen kleinen Plastikbeutel. »Sobald ich fertig bin, lasse euch meinen Autopsiebericht zukommen. Allerdings kann ich nicht versprechen, ob ich es heute noch schaffe. Auf mich warten zuvor noch zwei andere Kunden. Ich würde sagen, … spätestens Morgen.«
»Was ist mit Hancock?«, erkundigte sich McGinnis, der nur ungern bis zum nächsten Tag warten wollte. »Kann er dir nicht zur Hand gehen?«
Lestrade schüttelte bedauernd den Kopf.
»Nee, der ist gar nicht da. Curt wurde vom Personalbüro genötigt, endlich seinen noch offenen Resturlaub vom letzten Jahr anzutreten.« Der Pathologe packte seine Tasche zusammen. »Du weißt es doch selbst, wir sind chronisch unterbesetzt, laufend wird gespart, vor allem am Personal, Überstunden und Urlaub sammeln sich an. Ich tue mein Möglichstes, Cyril, versprochen! Wenn Du möchtest, darfst du mir aber gerne dabei behilflich sein!«
»Danke, ich kann mich beherrschen!«, bemerkte McGinnis trocken und zog beim Gedanken an die Gerüche, die an Lestrades Arbeitsplatz vorherrschten, angewidert die Nase kraus. »Aber zumindest nervt dich deine Klientel nicht. Bei uns sieht das ja anders aus.«
»Na, was glaubst du, warum ich Pathologe geworden bin«, erwiderte Lestrade mit einem breiten Grinsen. »Ist doch ein tolles Fach. Stimmt, ich habe keine nörgelnden Patienten, keine jammernden Angehörigen und in der Regel auch keine nächtlichen Notfälle. Außerdem ist der permanente Geruch im Sektionsbereich auch nicht wirklich übel - zieht sogar in die Klamotten ein. Hätte ich eine Freundin, müsste ich Kliniker werden.« Ein warmes Lachen folgte. »Und mal so nebenbei, Cyril: Der Internist weiß alles, kann aber nichts. Der Chirurg kann alles, weiß aber nichts. Aber der Pathologe kann alles und weiß auch alles ... auch wenn es zu spät kommt.«
Читать дальше